Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 636
 

D’r hentere Balle oder d’r Hooolzsäger

Mein Arbeitskollege heißt Josef Balle und ist im „Technischen“ zuhause. Sein Vater ist auch ein Josef und ist im „Landwirtschaftlichen“ zuhause. Was lag also näher als den einen Josef zu fragen ob mir der andere Josef etwas über das Leben und Herkunft der Balles erzählen würde. Die Antwort fiel positiv aus und ich freute mich auf den Besuch um Daten über einen Artikel zu sammeln. Da kannte ich die „Balles“ aber schlecht. Ich bekam Daten auf den Tisch gelegt, die bis ins 14te Jahrhundert zurückgehen und war positiv erschüttert und elektrisiert bis in die Haarspitzen. Das ist Stoff für mindestens drei Artikel und ich kniete mich hinein. Hier nun ist der erste Artikel, der keinen besseren Titel haben kann.

Die Altvorderen des „hentera Balle“ gehen urkundlich zurück bis 1365 und stammen

vom Birkhof in Unterkochen ab. Dieser Birkhof war früher ein fürstpröblichstes Lehensgut. Später war der Hof Erbgut der Heiligenpflege Unterkochen.

Wir befinden uns im 17ten Jahrhundert, eine grausige schlimme Zeit, die wir uns heute nicht einmal mehr ansatzweise vorstellen können. Der 30jährige Krieg (die Zahlen lernten wir in der Schule) von 1618 bis 1648 prägte diese Zeit. Das Härtsfeld (wie die gesamte schwäbische Alb) war ausgebrannt, verwahrlost, entvölkert und die übrig Gebliebenen mussten schauen wie sie überleben konnten. Das Tal Richtung Oberkochen und Heidenheim war von dieser Entvölkerung nicht sehr betroffen, weil das Tal strategisch nicht wichtig war. Der lange Krieg forderte 3 bis 4 Mio. Tote, ganze Regionen waren entvölkert und es brauchte tw 200 Jahre um die alte Bevölkerungsdichte wieder zu erreichen.

Auf dem Härtsfeld war es ein elendes Leben von der Geburt bis zum Tod. Da klingt der Spruch: „Viel Steine gab’s und wenig Brot“ noch recht harmlos. Die Schriften im Kloster Neresheim berichten: „Der zurückgekehrte Abt habe das ganze Härtsfeld als Einöde vorgefunden. Niemand in den Dörfern, nichts auf den Äckern, sodass er selbst vom Aase krepierten Viehs habe essen müssen und dergleichen mehr.“

Am 6. September 1634 fand in Nördlingen die große Schlacht statt und Aalen brannte in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1634 nieder und wurde von den Schweden heimgesucht. In den dortigen Schriften heißt es: „Schändlich gehaust, indem sie Weiber schändeten, die Bürger aus ihrer eigenen Stadt verjagten, etliche niedermachten, andere mit Hunden in den Wäldern verfolgte und einige wohl auch in die Sklaverei entführten.“

Auch der Birkhof wurde im Krieg niedergebrannt, später wieder aufgebaut und kam dann in den Besitz des Pfarrers Wolfgang Graser in Unterkochen. 1665, die Wunden des Krieges begannen langsam zu heilen, kauften Caspar (geb. 1615) und Ursula Balle den Birkhof. Er wollte den Kauf wieder rückgängig machen, aber auf Weisung des Fürstprobstes musste er ihn behalten. Caspar starb 1675 und die Witwe Ursula übertrug den Hof 1687 an ihre Söhne Kaspar und Baltes.

Der Hof umfasste nunmehr 250 bis 300 schwäbische Morgen (wir können dabei von einem Durchschnittswert von etwas mehr als 3152 qm ausgehen). Erläuterung zum Flächenmaß „Morgen“: „Altes, bäuerliches Feldmaß (auch Joch, Juchart oder Tagewerk) entsprechend der Größe einer Ackerfläche, die man an einem Vormittag (Morgen) pflügen oder die von einem Mann abgemäht werden konnte. In einigen Gegenden wurde aber damit auch die Fläche bezeichnet, die ein Mann mit einem Gespann vom Morgen bis zum Abend bearbeiten konnte. Die Größe war regional sehr unterschiedlich und schwankte zwischen 0,25 bis zu einem Hektar (zumeist jedoch zwischen 25 bis 35 Ar). Das historische Flächenmaß Hufe wurde in Morgen unterteilt. Heute entsprechen vier Morgen einem Hektar. Von der Bedeutung und der Größe her ist das alte Flächenmaß Joch recht ähnlich.“

Nur ab und zu verzweifelte ich fast beim Durcharbeiten der Unterlagen, weil die alten Balles so kreativ bei der Vergabe der Vornamen ihrer Kinder waren: Folgende Namen wurden lange Zeit schon fast inflationär vergeben, besonders die Hl 3 Könige sowie Josef und Maria waren sehr beliebt und irgendwann habe ich dann aufgehört zu zählen: Kaspar, Balthasar, Melchior, Josef (8x), Anton (7 x), Johann, Jakob, Paul, Alois, Franz (8x) Maria (12x), Theresia u.a.m. Die ganze Sippe mit Herkunft in „Käschtle“ auf Papier zu bringen ist eine Jahrhundertaufgabe, die ich als Dankeschön für die gute Zusammenarbeit trotzdem innerhalb der nächsten Monate versuchen werde.

Balthes war schon verheiratet und bekam Haus und Stadel, Kaspar baute und wurde von Balthes mit 100 Taler ausbezahlt. 1688 „erfolgte Consenz“ und der Birkhof wurde in den oberen und unteren Hof getrennt.

Der Birkhof

Heute finden wir dort 3 Höfe – alle tragen den Namen Balle. Dieser Caspar hatte einen Sohn namens Melchior, der nach Simmisweiler heiratete. Dessen Sohn, Adam Johann Balle, heiratete 1707 Theresia Veil von Oberkochen. Auf welchem Anwesen die ersten Balles in Oberkochen wohnhaft waren ist nicht ganz klar, vermutlich im Gebäude Katzenbachstr 5 oder Feigengasse 4.

In diesem Zusammenhang will ich mal kurz die bis heute bekanntesten Linien aufzeigen, sonst blickt auch der geschätzte Leser vor lauter „Balle“ nicht mehr durch und hat nachher womöglich einen „BALLEn“. Heute finden wir in Oberkochen „den hentere Balle“ (Josef), den „Tankstellen-Balle“ (Karl), den CDU-Balle (Bruno) und den „Bürgermeister-vom-Katzenbach-Balle“ (Anton) und die jeweiligen Nachkommen dazu, die alle auf diese Birkhof-Linie zurückgehen. Keine Sorge, ich werde Euch jetzt nicht mit Geschichtsdaten aus den vergangenen Jahrhunderten zuBALLErn, sondern einfach aus dem Leben von Josef Balle und seiner Frau Ingeborg geb. Anhorn und ihren Kindern erzählen.

Josef’s Mutter Anna gab ihrem Sohn 5 Goldene Regeln mit auf seinen Lebensweg um sich eine richtige Frau zu suchen. Regel 1: S G’sangbuach muass stemma. Das bedeutete, dass eine „Evangelische“ überhaupt nicht in Frage kam. Katholisch heirigt (heiratet) katholisch. Und damit basta. Regel 2: Sie muass schaffa könna, nach dem Motto – sich regen bringt Segen. Diese Tugend war aber früher in den schwäbischen Genen sowieso angelegt und daher leicht zu finden. Daher kommt auch das hohe schwäbische Lob „Sie sähet aber a’gschafft aus“. Regel 3: Dia Alte oahneganga lasse. Das ist schon schwerer zu verstehen. Es bedeutete, mit den Ahnen gut auszukommen und sie nicht ihrer Rechte auf Haus und Hof zu berauben (siehe dazu auch die späteren Erklärungen zum Thema „Gedinge“). Regel 4: Geld wär au net schlecht (braucht nicht weiter erklärt zu werden) und Regel 5: Demüadig sott se scho au sei. Demütig, diese Grundhaltung, gegen wen auch immer, Gott, Schwiegervater, Pfarrer, Schwiegermutter und in welcher Reihenfolge auch immer – ein ganz wichtige Sache für Anna Balle. Und so machte sich der Josef auf um eine Frau zu finden, die diesen Anforderungen genügen würde. Heute würde der Josef womöglich überhaupt keine mehr finden, die allen 5 Regeln entsprechen würde. Vielleicht sollten wir diese Regeln mal ans Fernsehen schicken, wo der Bauer eine Frau sucht. Gället Se Josef – mit der Ingeborg händ Sie scho au saumäßig Glück g‘hett Aber vor dem Glück kam der Krieg und der fand auch in Oberkochen statt.

Auf dem Hof arbeitete ein französischer Kriegsgefangener mit Namen Charles Carioni. „Hauptberuflich“ war er wohl Zwangsarbeiter bei Fritz Leitz, aber in der Freizeit arbeitete er freiwillig auf dem Balle-Hof, denn da gab es immer etwas zu essen und man musste als Zwangsarbeiter schauen, dass man irgendwie durchkam. Nach Ende des Krieges hielt eines Tages ein französisches Auto vor der Tür und Charles mit Familie stieg aus. Er war wohl auf einer Kriegserinnerungstour. Der Kontakt bestand dann bis in die 70er Jahre und man besuchte sich gegenseitig in Deutschland und Frankreich. Natürlich mussten die Bauern in Oberkochen auch Zwangsabgaben leisten, denn im III. Reich gab es immer jemandem dem es schlecht ging – besonders in den 40er Jahren. So kamen also Abgesandte der Gemeinde und besichtigten den Fruchtboden und legten daraufhin fest „wer was und wieviel“ abzuliefern hatte.

Das kleine Dorf Oberkochen

Im Hause Anhorn in der Volkmarsbergstraße wurde in dieser Zeit heimlich eine Geiß und eine Sau gehalten. Es bestand die elterliche Maßgabe die Sau immer gut zu füttern, damit man sie nicht hört (denn wer gut im Futter steht reißt das Maul nicht auf – alte politische Regel). Aber vor Denunziantentum ist nicht mal eine Sau gefeit und so wurde die Sau verpfiffen, vom Vaterland gesucht und entdeckt und von der Staatsgewalt abgeholt. Die Sau schrie und Frau Anhorn weinte.

Josef Balle erinnert sich noch besonders an die letzten Kriegstage. Hier verweise ich besonders an den sehr interessanten „Bericht 240: Das Kriegsende in Oberkochen.“ Am Dienstag, den 24. April 1945 morgens um 8 Uhr setzte unvermittelt Granatenbeschuss nach Oberkochen ein. Die Amerikaner heizten Oberkochen nochmals kräftig ein, bevor sie nachmittags in Oberkochen mit Panzern und Fußtruppen links und rechts der Hauptstraße, wie wir das aus vielen Filmen kennen, einmarschierten. Die meisten Treffer gab es im Bereich der Wohnhäuser zwischen Katzenbachstraße und Dreißentalstraße. Kaum ein Dachstuhl blieb unverschont, glücklicherweise brach kein Feuer aus. Von da an ging es überall wieder aufwärts. Die Braunen zogen ihre Uniform aus, fielen in Amnesie und taten so als wären die 12 Jahre nie gewesen. Die anderen waren froh dass der Spuk vorbei war und alle krempelten die Ärmel hoch.

Die Auserwählte war dann Ingeborg Anhorn aus der Volkmarsbergstraße 5 dem Jahrgang 1937 zugehörig. Ihre Schulzeit dauerte von 1943/1944 bis 1951. Nach der Schule ging es direkt für die Realgenossenschaft in den Wald und das für sagenhafte 80 Pf auf’d Stund‘. Da zeigte sich aber schon ein Charakterzug von Ingeborg. Sie erkannte, dass eine andere Frau das gleiche schaffte wie sie und die bekam 1 DM auf’d Stund‘. Das änderte sie rasch nach dem Motto „Gleiche Arbeit - Gleicher Lohn“.

Später stand sie in der Druckerei Würzer in der Aalener Straße 9 (Inh. Franz Wagner). Danach ging sie als Akkord-Näherin zur Triumpf. Als sie dann den Josef kennenlernte und die Sache langsam ernst wurde, musste sie das „schwäbische Hof-Praktikum“ bei den Balles durchlaufen um zu sehen „was dui für a Gloiach hoatt“. Sprich, wie die sich so anstellt und „ob m’r se braucha koa“. Das hieß, dass nach der Arbeit weitere Arbeit auf sie wartete und sie sich „gloicha hat müassa“. Nach der Arbeit musste sie zurück in die Volkmarsbergstrasse, denn es herrschte kirchliche und gesetzliche Ordnung – in d’r Gmoind und unter Balle’s Dach. Ingeborg hat das naiv locker genommen, denn, schaffen hat man überall müssen und so hat sie es eben genommen wie es gekommen ist. So war’s halt na au wieder. So kam das Jahr 1959, das Praktikum war beendet und der Josef wollte seine Ingeborg in die Feigengasse übersiedeln.

Auch die Eheleute Balle waren unter den Hochzeitspaaren 1959

Dazu bedurfte es einer öffentlichen Hochzeit, die mit allem Drum und Dran in der Bahnhofsrestauration (d’r Schell) gefeiert wurde. Das Hochzeitsessen kostete 4,50 DM, das weiß die Braut noch genau und bestand aus Supp‘, Salat, Broata, Spätzle und viel Soß und hinterher ein Nachtisch. Das hört sich für uns heute billig an aber „zahlt wärra hat’s halt au müassa“. Das Thema „Öffentliche Hochzeit“ wird 2015 in einem besonderen Artikel behandelt und wer dazu noch etwas weiß, soll es mir bitte sagen. Nun war das ja nicht so, dass der Josef und seine Frau Ingeborg jetzt Chef auf dem Hof gewesen wären, es galt mit den Alten auszukommen und die hießen Alois und Anna.

Die stolzen Besitzer eines neuen Traktors

Diese Situation wurde damals auch gesetzlich geregelt und notariell beglaubigt und nannte sich „Altenteil“ oder „Gedinge“. Hier wurde peinlichst genau jedes Detail geregelt. Damit Ihr eine Vorstellung davon habt, zeige ich nachfolgend Auszüge aus dem seiner Zeit abgeschlossen Vertrag:

„Das Wohnungsrecht in Gebäude 6 Feigengasse, bestehend aus einem Stüble im Erdgeschoss, Schlafzimmer, Küche und Zimmer des Sohnes Bruno im 1. Stock sowie gemeinsame Benützung des im Hause vorhandenen Aborts. Die Kosten für Licht und Wasser bezahlen die Übernehmer.

Freie Teilnahme an den Mahlzeiten am Tisch der Übernehmer. Wird die Tischgemeinschaft aufgehoben, wozu die Übergeber jederzeit berechtigt sind, dann sind diesen, je hälftig auf „Martini (am 11.11.) und Lichtmess (am 02.02.)“ folgende Erzeugnisse in marktüblicher Ware zu liefern, soweit nicht der Natur der Sache nach eine frühere Lieferung geboten ist:

Jährlich:
4 Zentner Weißmehl und 2 Zentner Schwarzmehl (auf Wunsch der Übergeber können diese die genannte Mahlmenge auch auf Rechnung der Übernehmer von der Mühle beziehen). Des weiteren 3 Zentner Kartoffeln sowie einmal im Jahr ein ganzes geschlachtetes Schwein von ca 2 Zentner, nach Wunsch der Übergeber verarbeitet. 400 Stück Eier je hälftig im Mai und August, dazu kommen 2 Meter buchenes Brennholz gesägt und gespalten und 20 Wellen Reisig.

Wöchentlich:
½ Pfund Butter

Täglich:
1 Liter frische Vollmilch. Das Recht der Mitbenützung der Waschküche mit Waschmaschine und Schleuder, sowie Mitbenützung des Haushaltskellers zur Unterstellung von Nahrungsmitteln. Einen geeigneten Platz im alten Stall oder auf der Bühne von Gebäude 6 Feigengasse zur Aufbewahrung des Brennholzes der Übergeber. Ebenso das Recht der alleinigen Nutzung eines Anteils von ca. 20 qm am Gemüsegarten nach Wahl der Übergeber. Die unentgeltliche Besorgung des Waschens und Flickens der Leib- und Bettwäsche der Übergeber und das Backen ihres Brotes, soweit sie dazu selbst nicht mehr in der Lage sind. Das Recht auf Pflege in kranken und soweit erforderlich bei hohem Alter auch in gesunden Tagen. Das Recht des freien Umgangs auf dem ganzen Hof.“

Nach dem Lesen dieses Vertrages kann ich nur sagen: Mein lieber Herr Gesangsverein – das hat es in sich. Auf der einen Seite sind die Alten abgesichert, auf der anderen Seite birgt das aber reichlich Zündstoff und hier ist wieder die 5te, die Demuts-Regel gefragt, denn da hat Ingeborg schon sehr demütig sein müssen und die Schwiegermutter hat diese Tugend auch immer wieder eingefordert.

Auch das Finanzielle auf einem Hof mit angewandtem Altenteil war sicher nicht ganz ohne. Das Einkommen wurde geteilt, d.h. alles auf den Tisch und der alte Alois hat das „gerecht“ verteilt. Hier sei angemerkt Recht ist etwas Juristisches und Gerechtigkeit ist etwas von den Menschen Erfundenes und wurde mal so und mal so angewandt. Hier wurde nach der „Methode Alois“ geteilt, was bedeutete, der Altbauer wird’s scho recht macha. Hat er dann aber auf Dauer doch nicht und hier kam wieder der Gerechtigkeitssinn von Ingeborg ins Spiel. Mann und Frau haben sich halt wehren müssen, denn wer sich nicht wehrt dem wird beschert. Dazu ein Beispiel.

Der Stolz eines jeden Bauern

Der Josef hat 1959 einen rechten Bullen für 2200 DM verkauft und vom Vater dafür 200 DM erhalten, knappe 10 %, das war ja schon fast wie die Zwangsabgabe, der Zehnte in früherer Zeit, nur andersrum . Die Übergabe des Hofes erfolgte gemäß den notariellen Unterlagen zum 1. April 1963.

Von 1960 bis 1965 liefen dann die Bestrebungen des Bürgermeisters Bosch die Bauern dazu zu bewegen auszusiedeln, um dem Ort ein anderes Flair zu geben, man war schließlich inzwischen Industriestadt. Also tat er wieder mal einen seiner berühmten Sprüche: „Wenn I von d’r Hoid (Heide) rafahr‘ will I koin Baure me säa.“ Diesem Wunsch fügten sich aber nur der „Fischer“ und der „Schmid-Jörgle“, alle anderen blieben. Und damit können wir auch die Frage des letzten städtischen Misthaufens klären. An der Hauptstraße war das der vom „Weber“, in der Katzenbachstraße der vom „vordere Balle“ und von hentadrumma der vom „hentere Balle“. Nun braucht ein Bauernhof nicht nur eine Bäuerin sondern auch ein paar Kinder und so wurde fleißig geübt bis sich nacheinander alle vier einstellten: die Christine, die Monika, der Josef und der Stefan.

Auch die Kinder mussten beim Misten helfen

Damit die Kinder auch einen Bezug zum Bauernhof und den notwendigen Anforderungen erhielten, wurde für die Kinder Stundenpläne erstellt – einen für die Schule und einen für die Haus-, Hof- und Stallarbeit sodass jede/r Bescheid wusste und es keiner großen basis-demokratischen Diskussion bedurfte. Angesagt war das Ausmisten, das Stroh auslegen, das Futter aufstecken und die Kälble trinken lassen.

Man darf raten welches die beliebteste Arbeit war. Auch beim Rübenhacken mussten alle helfen und die Mädchen handelten eine Bedingung aus: Wenn es regnen würde, dürfe man sofort aufhören. Und Petrus hatte ein einsehen. Dunkle Wolken zogen auf, 3 Tropfen fielen aus den Wolken und die Hacken den Mädchen aus den Händen. Aber so leicht kamen sie da natürlich nicht raus. Also wurde weitergehackt, denn drei Tropfen auf den heißen Stein sind natürlich noch kein Landregen.

Wie sah das Leben auf so einem Hof aus? Ganz klar: Erst das Vieh (8 bis 10 Milchkühe) und dann der Mensch – Frühstück fand später statt. Um 5 Uhr aufstehen und in den Stall zum Melken. Um 6 Uhr wurde die Milch beim „Storchenbäck“ abgeholt und wer nicht pünktlich war ist auf seiner Milch sitzengeblieben.

Die landwirtschaftliche Fläche setze sich aus 1/3 eigenem und zu 2/3 aus gepachtetem Boden zusammen. Betrieben wurde die sog. 3-Felder-Wirtschaft, die wir im Gymmi schon rauf-und-runter-auswendig lernen mussten: Weizen-Gerste-Klee (während der Brache überließ man die Äcker sich selber, andere pflanzten in dieser Zeit Kartoffeln oder Rüben im Rahmen der verbesserten DreiFelderWirtschaft an).

Die Arbeiten im Jahreskreislauf waren wie folgt: Im Frühjahr wurde geeggt und Steine gelesen, im Mai und Juni Kartoffel hacken, im Juni Juli die Heuernte, und im Herbst die Kartoffelernte. In früheren Jahren gab es aus diesem Grund auch die Herbstferien, damit die Kinder bei der „Grombi(e)ra-Ernte“ helfen konnten. Als letzte Feldfrucht wurde früher die Rübe geerntet. Im Winter brachte man seine Sachen in Ordnung. Neben der Landwirtschaft arbeitete Josef Balle 42 Jahre im Real- und Staatswald unter den Herren Pfitzenmeier, Schurr und Schneider. Im Sommer gab es aber im Wald nicht viel zu tun, also wurde da für die Baufirmen Wingert und Trittler auf dem Bau gearbeitet.

Die Balle'sche Bandsäge beim Holzsägen

Nun ist der Josef Balle ja ein ganz G’schaffiger und zudem noch einer der ältesten Holzsäger. 1958 wurde für 14.000 DM ein Traktor und vom Bäuerle eine Holzsäge gekauft und so machte er seine Touren durch ganz Oberkochen und war des Öfteren auch bei uns im Sonnenberg tätig. Mein Vater kaufte sich einen Schlag und holte das Brennholz aus dem Wald. Der Holzsäger kam dann mit seiner Maschine, auf der eine meterlange Bandsäge lief, die immer geschmiert werden musste, damit sie das Holz sauber in bearbeitbare Stücke zusägte. Danach hackte Vater mit einer Axt das Holz, wir trugen es hinauf vor’s Haus um es dort zu stapeln, damit es in der Sonne trocknen konnte, bevor es im Keller eingelagert werden konnte um es uns im Winter gemütlich warm zu haben. Bei dieser Gelegenheit wurde meine Mutter mit dem „Beigen und dem Beugen“ konfrontiert. Jeder Schwabe weiß, dass man beigt und sich dazu beugen muss ond net omgkehrt. Sobald wir eine Spinne erblickten ließen wir alles fallen, war es doch ein furchtbar gefährliches Haustier. Die anderen Holzsäger waren der Elmer vom Gasthaus KRONE, der Ziegler’s Franz (Franz Gold) und der Neubauer vom Turmweg.

Die Wochenenden verliefen in der Regel immer nach dem gleichen Schema. Am Samstag um 16 Uhr läuteten die Glocken den Sonntag ein und man hörte auf zu schaffen. Man fegte noch Hof und Straße (wer macht das heute noch?) und wandte sich der Körperpflege zu. Wer es zu etwas gebracht hatte badete in heimischem edlem Zink und wer nicht, na da gab es zwei öffentliche Bäder – eines in der Heidenheimer Straße beim Burkhartsmaier und eines im Mittelbau der Dreißentalschule unter der Badeleitung vom Schulhausmeister Leonhard Burghard, wo freche Buben immer versuchten einen verbotenen Blick zu den Badenden zu werfen. Des Weiteren läuteten die Glocken um 7 Uhr, um 12 Uhr und um 19 Uhr. Am Freitag noch zusätzlich um 11 Uhr um an das Leiden und Sterben Jesu zu erinnern. Das Kirchengeläut stammt aus der Zeit, als Uhren noch nicht verbreitet waren und den Menschen auf den Feldern damit signalisiert wurde wie spät es ist. Auf meine Frage nach dem Urlaub kam die Antwort: Des hatt’s nett gäbba. Ein Oberkochner, also ein rechter Oberkochner, macht keinen Urlaub, der schafft ällaweil. Da frage ich mich: War Urlaub nur etwas für Thüringer, Sachsen, Flüchtlinge, Vertriebene und andere Zugereiste? Natürlich nicht, aber die Landwirtschaft kennt arbeitsbedingt eben keinen Urlaub. Also machten die Balles mit ihren Kindern Tagesausflüge ans Schwäbische Meer und die bayrischen Seen oder mit der Kolpingsfamilie per Bus nach Rom zum Papst.

Auch die Fest- und Feiertage hatten ihren festen Platz im Jahreskalender und die Wochenenden verliefen immer nach dem gleichen Schema. Am Sonntagmorgen stand der Kirchgang auf dem Programm und Opa Alois wachte mit Argusaugen darüber, dass alles seinen gewohnten Gang ging. Denn man hatte „nüchtern“ in die Kirche zu gehen. Net was Ihr jetzt denkat – noi, wegga der Hl. Kommunion. Eine Stunde vorher durfte nichts mehr gegessen werden, denn so war es und so sollte es weiterhin sein.

Nun gab es im Jahreskreislauf wichtige und ganz wichtige Tage. Ein solcher war der Vinzenztag am 22. Januar. An diesem Tag wurde im Wald nicht gearbeitet, man ging zum Kirchgang und danach zum Frühschoppen und zum Rehessen in die GRUBE. Auch der Josefstag am 19. März ist ein besonderer Tag, der mit Kirchgang und Frühschoppen gefeiert wurde. Teilweise waren bis zu 20 Josefs versammelt. An Himmelfahrt wurden montags, dienstags und mittwochs die Felder der Bauern aufgesucht um zu beten, zu singen und zu segnen. Am Donnerstag wurde dann eine feierliche Prozession mit der ganzen Gemeinde begangen. Zu Fronleichnam wurden Tausende von Blumenblüten gesammelt und zu 4 kunstvollen Altären arrangiert. Die Prozession wurde von der Musikkapelle und den Böllern von unterhalb des Rodsteins begleitet. Nachmittags begann dann die Saison der beliebten Gartenfeste. Ein weiterer Höhepunkt des bäuerlichen Festtagskalenders war das Erntedankfest. Die Bauern brachten die Früchte des Feldes zur Segnung in die Kirche wo sie schön arrangiert und gesegnet wurden. Danach wurde die Gaben durch die Ordensschwestern an sog „bedürftige Einrichtungen“ verteilt.

Wir Oberkochner Kinder hatten die Aufgabe jeden Tag frische Milch beim Balle oder im Milchhäusle zu holen. Dabei galt es möglichst cool und kein Feigling zu sein. Es galt die Milchkanne ohne Deckel so zu schwenken, dass kein Tropfen herausfiel. Da war Mut und eine Portion Selbstbewusstsein gefragt. Die Könner wurden bestaunt und die Looser (kein Geld und keine Milch mehr) wurden bedauert, aber wie immer im Leben: Dem Sieger gehört die Welt und die weibliche Bewunderung.

1974 – ein einschneidendes Jahr in der Chronik der Familie. Es wurde das Christbaumgeschäft etabliert, das anfangs gar nicht so umfangreich geplant war, sondern nur ein Freundschafts- und Nachbardienst hatte sein sollen. Mit den Grundrechenarten vertraut bemerken wir sofort – ja dann hat der Balle ja dieses Jahr „40 jähriges Krischtbaumjubiläum“. Aber ja doch und da erwarte ich schon eine Art Sonderausgabe eines Balle’schen Weihnachtsbaumes.

Anfangs wurde aus dem Forst geschlagen, später wurde im Wolferstal eine Kultur angelegt. Aber wie sich die Dinge so entwickelten: Die Bretzeln hat man beim Storchenbäck oder Fichtner geholt, den Kartoffelsalat beim Hättere, s Fahrrad beim Elmer und den Chrischtbaum eben beim Balle in der Feigengasse. Und so mache ich das heute auch noch. Solange es dort welche gibt hole ich mir meinen bzw. der Josef jun. bringt ihn mir frei Haus. Top Service unter Arbeitskollegen. Die Renner waren anfangs Fichte und Weißtanne, heute sind es Nordmanntanne und Blaufichte, aber es gibt auch noch Leute die klassisch wertkonservativ einkaufen: Des Deutschen Fichte.

Hier muss ich doch eine Müller’sche Geschichte einflechten. Es muss 1974 oder 1975 gewesen sein. Ich war zu dieser Zeit von 1973 bis 1977 bei der Marine und kam an Weihnachten nach Hause und was sehen meine Augen in der Guten Stub‘ (das ist das Wohnzimmer in dem das ganze Jahr niemand sitzt und auch nicht geheizt wird. Nur zu Weihnachten und bei besonderen Feiern oder besonderem Besuch wurde die Gute Stub‘ geöffnet), ja was sehen sie? Einen Baum, einen grünen Baum, einen immergrünen Baum und zwar aus KUNSTSTOFF. Ich stand kurz vor einem Anfall und der sofortigen Rückreise nach Kiel als sich nach stundenlangen Mäkeln seines Ältesten der Schorsch noch am 24ten auf die Suche nach einem Baum machte und beim Balle fündig wurde. Und so schmückten wir, also Vati, die jährliche Fichte, denn das war Chef-Sache bei uns im Haus. Der Kunststoffbaum wurde in den Tiefen des Schrankes eingelagert und nach Vati‘s Tod von mir kunstgerecht über die GOA entsorgt.

Ein weiterer großer Einschnitt war 1995 die Einstellung der Milchwirtschaft, die sich nicht mehr rentierte, da die notwendigen Investitionskosten aufgrund neuer Vorschriften 100.000 DM bis 200.000 DM betragen würden. Also wurde auf Mutterkuhhaltung umgestellt, mit einer Kreuzung zwischen Fleckvieh und Limousin. Noch heute hält Josef Balle ein paar Kühe und Kälber im Wolfertstal.

Der Balle'sche Stall im Wolfertstal

Heute sind die Balles betagte rüstige Leute und leben ihr Leben einfach mit dem was sie schon immer machen – sie sähen und ernten und schauen wie sich die Dinge entwickeln und wir? Wir kaufen wieder unseren „Krischtbaum“ wie eh und je in der Feigengasse.

Noch ein statistisches Wort zum Schluss. Vor dem Krieg gab es ca. 70 bäuerliche Anwesen, nach dem 2ten Krieg noch ca. 30 und heute gibt es noch 6 bäuerliche Betriebe: Josef Balle, Thomas Fischer, Hans-Jörg Gold (Schmidjörgle), Arthur Hug (Pferdebauer), Martin Hug (Moscht-Hug) und Josef Winter.

Herzlichen Dank an die Familie Balle, die mir auf jede noch so komische Frage eine ordentliche Antwort gegeben hat. Und auch hier gilt: Ohne „Stoff“ kann ich nichts schreiben und hier gab es reichlich davon. Ihr Wilfried Billie Wichai Müller vom Sonnenberg, wichai@t-online.de

AUFRUF: Zum Thema FRONLEICHNAM werden Infos, Geschichten und Bilder gesucht.

Wilfried Müller

 
Übersicht

[Home]