Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 635
 

Es war einmal – Der Kindergarten im Wiesenweg

Er ist in die Jahre gekommen – wie wir auch. Der Ort verändert sich – wie wir auch. Und so musste eine Entscheidung getroffen werden, was mit unserem alten, mit unseren Erinnerungen verklärten städtischen Kindergarten, geschehen soll. Er wird weichen, etwas neuerem, etwas größerem. Natürlich sieht der neue Bau im Vergleich zu dem fast niedlich anmutenden Vorgängerbau etwas gewaltig aus, aber wir werden uns daran gewöhnen, denn viele Kinder benötigen viel Platz und die moderne Pädagogik benötigt sicher auch den ihr zustehenden Raum.

Mit dem Abriss wird dann auch an unseren Emotionen gerüttelt werden und alte Erinnerungen kommen hoch bevor sie mit dem Abrissschutt abgetragen werden. Deshalb ist es mir wichtig altes Erlebtes nochmals aufzuwecken, und mit Text und Bild versehen, Erlebtes sichtbar zu machen nach dem Motto „Woisch no Karle?“

1952. Ein gewichtiges Jahr: Der Film „12 Uhr Mittags“ kam in die Kinos, Dean Martin sang „That’s Amore“, Theodor Heuss und Konrad Adenauer führten in Deutschland die politischen Geschäfte, die erste BILD-Zeitung erschien, das THW wurde gegründet, in Oberkochen wurde das 8te Bezirksmusikfest gefeiert, und es wurde gebaut und geboren was das Zeug hielt und „Licht aus, Spot an – ja auch der wurde im Top-Jahrgang 1952 geboren. Und wie die Entscheider vor Ort erkannten, musste ein neuer Kindergarten her um die Kinderscharen unterzubringen.

Im Heimatbuch lesen wir dazu: „…..Am 24 Oktober 1910 übernahmen die Franziskanerinnen eine ‚Kleinkinderschule‘, die im unteren Schulsaal des Schwesternhauses für 14.316,36 Mark eingerichtet wurde. 2 Jahre später wurden schon 126 Kinder von den Schwestern betreut. Die Franziskanerinnen wirkten bis 2003 in Oberkochen…..Die Nachkriegsereignisse und die rasante Zunahme der Bevölkerung auf 3.700 Einwohner im Jahr 1950 führten bei ca 180 Kinder im ‚Alten Schwesternhaus‘ zu sehr beengten Verhältnissen. So zogen die Schwestern mit den Kindern am 07.12.1952 in den neuen städtischen Kindergarten am Wiesenweg.“

Ein Aufruf durch Hr. Bgm. Traub im „Blättle“ führte dazu, dass bei mir einiges an Geschichten und Bildern eingetroffen ist, welches nicht alles in diesem Artikel verarbeitet werden kann. Ich habe mich daher entschlossen alle Unterlagen in einem umfangreicheren Internet-Artikel auf der Web-Site des Heimatvereins unterzubringen soweit es die Möglichkeiten in diesem Artikel überschreitet.

Doch jetzt geht’s los. Den Scheitel gezogen, die Haare mit mütterlicher Spucke hin geschniegelt, das Hemd in die Hose gestopft, die Strümpfe hochgezogen und los geht unsere Reise in die 50er Jahre.

Wir schreiben das Jahr 1951 und fragen uns: Warum entstand der Kindergarten an dieser Stelle? Vielleicht aus städteplanerischer Weitsicht oder doch aus dem Bauch heraus? Sollte die folgende nächtliche Unterhaltung Grund für diese Ortswahl gewesen sein? Es war ja mal im Gespräch, die Katzenbachstraße über das „Sapper-Grundstück“ bis hinüber in die Carl-Zeiss-Straße zu verlängern. Aber diese folgende Version kann ich mir überhaupt nicht vorstellen .

„Guschtafff, dua m’r deees net oa, dass doa hanna a stroaß durchkommt“. „Solang I Bürgermoischter in Oberkocha bea – kommt do hanna koi Stroaß durch“. Und so wurde der Kindergarten errichtet und die Straße kam bis heute nicht.

Am 13. Juli 1952 wurde Richtfest gefeiert und einige Monate später ist das Werk vollbracht, am 7. Dezember 1952 wurde der neue Kindergarten feierlich eingeweiht und für viele Kinder wurde der Wiesenweg für die nächsten 62 Jahre ein Ort an dem sie wichtige Jahre ihrer Kindheit verbrachten. Nun heißt „städtisch“ nicht, dass der Kindergarten liberal modern geführt wurde, sondern schon „katholisch streng“, da die Schwestern aus dem Franziskaner Orden aus dem Kloster Reute kamen.

Wir erinnern uns an die Schwestern Thomasella, Aspedia, Konfriede, Leonarda und Juventina, die dafür sorgten, dass Ordnung herrschte. Dazu gab es die Erzieherinnen Johanna, Elisabeth, Sieglinde und Ingrid und die Aushilfen Trittenbach und Schorcht, die zu nennen wären. In allen Erinnerungen tauchen immer wieder die Namen Thomasella (wohl wegen ihrer christlichen Strenge) und Johanna (wegen ihrer großen Beliebtheit) auf.

Nun war das zwar ein städtischer Kindergarten, aber katholisch geleitet. Die sog. „Wüaschtgläubige“, also d‘ Prodeschdante, durften natürlich auch in diesen Kindergarten gehen (weil städtisch), aber gebetet wurde katholisch, das für manche evangelische Kinder schon sehr bedrohlich wirkte: „Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder…. und….. denn Du bist gebenedeit unter den Weibern….“ Das klang für manche evangelische Ohren seltsam und bedrohlich. Für uns katholische Kinder war das normal und nicht überdenkenswert. An Ostern erschien wohl immer der Osterhase am Dachfenster und wackelte mit den Ohren, wenn die Kinder im Garten schön gesungen haben: „Hopp Hopp Hopp der Osterhas hüft herum im grünen Gras“ oder „Kommt a Häsle über’s Gräsle in mei Gärtle nei“. Höxscht wichtig war auch der Nikolaustag. Allerdings gefürchtet (wegen der peniblen unbegreiflichen Buchhaltung des Herrn mit dem weißen Bart) und geliebt (wegen der Geschenke). Aus dem Goldenen Buch wurde Bilanz gezogen und pädagogisch das Fehlverhalten erstaunlich präzise wiedergegeben. Wieso koa der des älles wissa? Und mit dem Geschenk und dem Abtritt des Heiligen Mannes war auch schon wieder alles vorbei. Dabei sollte diese Art der Bilanzierung doch für die kommenden Monate ein besseres Verhalten zu

Tage bringen. Na ja – wie d’r Mensch so äbba isch….. Natürlich gehörten auch die erzieherischen Maßnahmen wie „‘s Bäsela“ und „das übliche Verpetzen – dees wird d’r Schweschter gsait“ sowie das Ohrläppchenziehen zu den Untugenden (aus heutiger Sicht) der erzieherischen Kompetenz der damaligen Zeit. Der Handfeger, also ‚s Bäsela wurde von Schwester Thomasella wohl öfters eingesetzt um ein Fehlverhalten gottgefällig zu maßregeln (bei den Buben mitunter etwas heftiger). Interessanter aber war das Verpetzen aus pädagogischer Sicht. Es wurde ein Denunziantentum herangezogen, das dazu führte, dass die Gruppe einen sofort verpfiff, wenn das eigene Verhalten von den Regeln abwich. Die rechten Zeigefinger strichen über die linken und alle riefen: „Dees wird d’r Scheschter gsait“. Es war also wichtiger den Abweichler als den Denunzianten zu bestrafen. Das war damals eben der Zeitgeist. Eines Tages wurde auch der Osterhase enttarnt. Das geschah weil pädagogische Maßnahmen nicht griffen wie beabsichtigt sondern die Neugier der Bestraften weckten. Was war geschehen? Die Buben Christoph Stumpf und Wolfgang Steinmeier, wurden wegen „verbotenem Schlittern“ auf dem Gang mit dem „Bäsele“ belohnt und anschließend auf dem Dachboden eingesperrt. Rechte Buben ließen sich dadurch nicht beeindrucken sondern nutzten die Gelegenheit um auf Entdeckungsreise zu gehen und was fanden sie dort oben? Richtig, den Osterhasen. Schön aufbewahrt in einem Karton und jetzt war das Rätsel gelöst wie der Osterhase auf den Dachboden kam. Seither wurde niemand mehr auf den Dachboden verbannt und der Osterhase hatte seinen geheimnisvollen Mythos verloren. Auch ernährungswissenschaftlich waren sie ihrer Zeit weit voraus. Wie Monika Kopp berichtete, wurde deutlich dafür plädiert, den gesamten Apfel einschließlich des Apfelbutzens zu essen – entgegen der landläufigen Meinung, dass das gesundheitsschädlich sei – von wegen Blausäure im Kerngehäuse und so. Für Kinder damals sicher eine Überwindung, aber ich wage die Behauptung: wer das damals gelernt hat, macht das heute noch. Übrigens – ich habe das von meinem Vater auch gelernt und pflege das heute noch bis zum Stiel.

Weitere Höhepunkte im Kindergartenjahr waren der Besuch des Bürgermeisters Bosch alljährlich im Frühjahr. Dazu wurden einstudierte Vorführungen geboten und vom BM mit den besten Oberkochener Brezeln vom Storchenbäck für jedes Kind entlohnt. Bis 1962 wurden auch in der Adventszeit die Altennachmittage im Kindergarten abgehalten. Es wurde auf gut schwäbisch „Bratwürscht‘ und Salat“ gereicht. Eingeladen waren die Alten – aber ohne Begleitung – m’r hat schließlich spare müssa. Als Geschenk gab es eine Zigarre für den Herrn und en Schoklaaaad für die Dame. Bürgermeister Bosch hat kraft seiner Autorität von den örtlichen Wirten der Gasthäuser Pflug, Krone und Grube mehr oder weniger verlangt, die Bewirtung zu übernehmen und man höre und staune – von den Töchtern der Gemeinderäte und den Mitarbeitern des Rathauses wurde eingefordert als Bedienung anzutreten. Aber Holla die Waldfee sag‘ ich da nur.

Im Sommer gab es oft einen gemeinsamen Ausflug, eine Mischung aus Wanderung und Wallfahrt, nach Maria Eich bei Ebnat. Zu Fuß natürlich über den Römerkeller hinauf Richtung Ebnat. Schwester Thomasella keuchte und schwitzte sich in ihrer Tracht mit den Buben und Mädchen den Berg hinauf. Beim Bildstock angekommen gab es ein Vesper, das wieder Kraft für den Rückweg gab. Es war wohl ein intensives Erlebnis in unseren Wäldern, die uns ja auch irgendwie geprägt haben. Wie ich kürzlich hörte ging auf einer dieser Wallfahrten ein Kinde verloren. Da war sicher der Teufel los, bis der verlorene Sohn wieder zuhause war. Ich behaupte, dass viele Kinder heute mit einer solchen Wanderung völlig überfordert wären.

Wir können auch feststellen, dass viele Freundschaften, die bis heute Bestand haben, bis in diese prägenden Kinderzeiten zurückgehen. Stellvertretend für alle sei hier der „Buaba-Stammtisch des Pflug“ beim gemeinsamen Spiel vorgestellt. Heit‘ händ se wahrscheinlich „a Woitza“ vor sich standa.

Nun gibt es viele heilige Plätze auf der Welt: Den Felsendom, die Kaaba, die Shwedagon-Pagode, die heilige Stadt Varanasi usw. Aber hier im Wiesenweg gab es auch einen – den sog. „Heiligen Schrank der Schwestern“. Hier wurden alle möglichen und unmöglichen Dinge aufbewahrt und Zugang war nur über die Schwestern möglich. Und da man heilige Dinge in Ehren halten muss, gibt es diesen Schrank bis heute und ich bin gespannt wo er im neuen Haus seinen Platz finden wird.

Der Kindergarten hatte aber ein Highlight, das heute nur noch wenige kennen. Es gab einen Pool zum Plantschen, der innen schön blaugrün angestrichen war und im Sommer mit Wasser gefüllt wurde. Da gab es keine großen Überlegungen bezüglich Keimen und was weiß ich noch für welche Bedenken. Es wurde einfach geplanscht bis eines Tages Schluss damit war. Danach hat der Pfarrer Hager eine kleine Fischzucht darin begonnen. Aber das ging natürlich auch nicht lange gut, denn wenn keine Kinder darin plantschen dürfen, dürfen es katholische Fische auch nicht. Und so wurde aus dem Plantsch- und Fischbecken eine Sandgrube mit Kletterhaus und Rutsche.

Jetzt will ich mit meinen Erinnerungen, die sehr kurz und prägnant waren auch nicht hinter dem Berg halten. Ich ging ein halbes Jahr lang in den Wiesenweg und verweigerte danach einen weiteren Besuch. In der Rückbesinnung war es wohl das Verpetzen innerhalb der Gruppe was mir überhaupt nicht gefiel. Und so beschloss ich eines Tages lieber in den Wald zu gehen als in den Kindergarten. Es dauerte wohl ein paar Tage bis die Sache aufflog, zumal ich auch noch die Gudrun Korn überredete, mich bei meinen Waldexkursionen zu begleiten. Ich holte mir dann meine Sozialkompetenz auf der Sonnenbergstraße, denn da gab es mit den Schröders, Bauers, Hubers fast so viele Kinder wie in einer Kindergartengruppe. Mein Bruder verweigerte ebenso den Besuch eines Kindergartens weil der große Bruder ja auch nicht dort war. Es hat uns beiden nicht geschadet. Immerhin war ich einige Zeit lang dort und habe somit auch die Kompetenz darüber zu schreiben.

So gingen die Jahre dahin, die pädagogischen Anpassungen hielten auch mit der Entwicklung des Zeitgeistes Schritt und die damaligen positiven Erlebnisse wurden, wie das immer in Rückschauen so ist, verklärt und das negativ Erlebte ausgeblendet. Heute herrscht eine andere Zeit und ein anderer Geist. Ich wünsche dem neuen Kindergarten ein langes erfolgreiches Dasein und den Bewohnern, Kinder und Erzieherinnen, ein fruchtbares Miteinander sodass in einigen Jahrzehnten auch die Kinder von heute noch sagen können: „Woisch no Karle, doamoals em Wiesawäg“.

Ein HERZliches Vergelt’s Gott an alle genannten MitbürgerInnen, ohne deren Einsendungen der Bericht nicht möglich geworden wäre: Marianne Bauer, E. Ditschler, Christoph Stumpf, Ingeborg Schorcht, Monika Kopp, Gerda Böttger, Ludwig Burghard, Ursula Leppelt, Anton Gutheiß, Reinhold und Monika Bahmann, Michael Heuler, Kornelia Kähne, Paul Hug, Andreas Klopfleisch, Gabi Pavlat und Peter Traub.

Wie immer herzliche Grüße vom Sonnenberg
Ihr Wilfried Wichai Billie Müller wichai@t-online.de und nicht vergessen unter www.heimatverein-oberkochen.de gibt es unter dem gleich lautenden Artikel eine Fotosammlung (s. unten) zum Blättern mit viel mehr alten und neuen Fotos, die im Artikel keinen Platz hatten.

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Wilfried Müller

 
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