Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 634
 

Es war einmal – D’r Unfried en d’r friara Langgass‘

Der „Unfried“ war natürlich kein solcher, sondern ein Geschäft für die Kinder, für das Kind im Manne und in der Frau und natürlich für die Erwachsenen. Für die Erwachsenen war es ein Geschäft zum Einkaufen (Geld gegen Ware) um sich oder den Kindern zu Hause eine Freude zu bereiten. Für die Kinder eine Art Paradies, wo es Spielsachen gab, die für viele von uns außerhalb der finanziellen Möglichkeiten waren. Aber man konnte ja das Paradies betreten ohne Kaufabsichten zu hegen – nur um zu schauen, damit die Wünsche zu Hause oder gegenüber Weihnachtsmann und Christkind korrekt und detailliert kommuniziert werden konnten. Das Paradies ist vergangen, der Chef desselben hieß und heißt heute noch Unfried (mit Vornamen Karl), aber aufgrund seiner unvergessenen Art müsste er eigentlich „Gutfried“ heißen, denn er war zwar sicher ein gewiefter Geschäftsmann, aber verstrahlte eine Gutmütigkeit und eine friedliche Atmosphäre im Kinderparadies und war zu jedermann freundlich und zuvorkommend – denn der Kunde war damals König (heute muss er öfters darauf hinweisen, dass das doch immer noch so zu sein hat). Seine Maxime war immer eine persönliche Verbindung innerhalb des Verkaufsgespräches aufzubauen und freundlich und sachkundig zu beraten. Seine Art, die man heute lange suchen muss, hat es sicher mit sich gebracht, dass er in der Bevölkerung bis heute ein gern Gesehener ist.

Wie es sich für ein Arbeitsleben gehört, wurde die Firma Unfried 65 Jahre alt – danach ging sie mit Mann und Maus in den Ruhestand und Oberkochen verlor wieder ein Stück alter Seele.

1926 gründete Paul Unfried am 1. Januar in seinem elterlichen Haus, in der Katzenbachstraße 2 eine Buchbinderei. Mutig, aber er verstand sein Geschäft und zog Aufträge auch aus Aalen und Königsbronn nach Oberkochen. Nach 4 Jahren als Unternehmer heiratete er die Schultheißentochter Margarethe Böhm aus Trochtelfingen. Im gleichen Jahr bezogen sie ihr neu gebautes Nest in der Heidenheimer Straße 41 (dem früheren Minderschen Anwesen in der Langen Straße 176)

und führten ab diesem Zeitpunkt eine Buchbinderei mit Einzelhandelsgeschäft. 1933, einem prägenden Jahr in ganz Deutschland, eröffnete er die erste Drogerie in Oberkochen. Der Verwaltungsakt bestand aus der Genehmigung des Oberamtes Aalen und einem Eintrag in die Stammrolle der Reichsschrifttumskammer. Paul Unfried war kein langes Leben beschieden, er starb im März 1943 im Alter von 46 Jahren. Die Firma ging auf die Familie über und wurde von der Witwe und den Kindern Karl und Gerda unter dem Namen „Margarethe Unfried“ in einer fortgesetzten Gütergemeinschaft weitergeführt. Dann ging der Krieg zu Ende und das Geschäft konnte durch die Genehmigung der damaligen Militärregierung weitergeführt werden.

1948 war Karl Unfried ein junger Mann mit 17 Jahren. Da gab es keine Zeit für Flausen, es musste eine Firma geführt werden. Er hatte eine Buchbinderlehre und eine zusätzliche kaufmännische Ausbildung und die Prüfungen hinter sich und begann nun die Firma als Geschäftsführer zu leiten. 1951 begann der erste Lehrling seine Ausbildung – seine Schwester Gerda (verh. Pfeffer). 1958 heiratete Karl die Industriekauffrau Rosl Sapper.

1970 wurde ein weiterer Lehrling eingestellt, der sich als wahres Goldstück erwies. Karl Unfried erzählt heute noch gerne wie er Brigitte Wieczorek (geb. Jerg) aus dem „Kies“ bei ihrer Arbeit geschätzt hat. Und er gab mir mit auf den Weg, das auch ja positiv zu erwähnen. Bei einem Vergleich mit meinem Lehrlingsgehalt beim Leitz (1969) stelle ich fest: Die Brigitte wurde gut bezahlt und mehr bekommen als die IGM für die Industriekaufleute ausgehandelt hat. Respekt an den Lehrherrn.

Brigitte kenne ich jetzt auch schon seit 1970 und kann dem nur zustimmen. Sie ist eine treue und gute Seele. 1976 feierte das Unternehmen sein 50jähriges Bestehen und die Geschäfte gingen gut, denn die „Könige“ (also die Kunden) gingen dort gerne einkaufen, denn man wurde dort fündig und bestens bedient. Leider verstarb in diesem Jahr die Mutter der Unfried-Kinder im 80ten Lebensjahr. Eine weitere Umstrukturierung folgte daraus: Karl und Gerda führten das Geschäft als „Geschwister Unfried GmbH“ erfolgreich weiter und hatte einen festen Stand in Oberkochen, der schwäbischen „Boomtown“ der 60er und 70er Jahre. Doch dann kam das Jahr 1991. Urplötzlich musste die Firma liquidiert werden, weil ein Gesellschafter seinen unverzüglichen Ausstieg verlangte und damit das Ende eines in der Bevölkerung beliebten Geschäftes einläutete. Karl Unfried ist bis heute ein umtriebiger Mann und engagierte sich vielfältig so z.B. in der evangelischen Kirchengemeinde, in der CDU, im Gewerbe- und Handelsverein und im Stadtrat. Bis heute liebt er das Reisen auch wenn das mit über 80 sicher nicht mehr so leicht fällt (kein Kontinent war vor ihm sicher).

Das waren jetzt die Fakten und nun kommen wir zu den persönlichen Erinnerungen, die mit diesem Geschäft für mich und meine MitschülerInnen bis heute verbunden sind. Im Schaufenster, das die gesamte Hausfront mit einer Länge von 21 Meter belegte, wurden saisonbedingt die herrlichsten Dinge ausgestellt, die den Betrachter ins Innere locken sollten. Die Tür geht auf und ich sehe Karl Unfried in seinem grauen Arbeitskittel (aber immer mit Krawatte – bis heute) freundlich in linken Bereich agieren. Dort befanden sich die Steiff-Tiere, die Blech-, Plastik- und Holzspielsachen, die Baukästen, die Schildkrötpuppen, die Ravensburger Spiele und für die Jungs der Höhepunkt:

Die Autos von Matchbox, Wiking und Corgy Toys (der schärfste Wagen war der James Bond Aston Martin DB 6 von 1966), die Modelleisenbahnen von Märklin, Fleischmann und Trix, die Faller Modellbauhäuser, die LEGO-Baukästen und die Playmobilfiguren und für die Großen die Graupner Modellflugzeuge und Schiffsmodelle. Auf der rechten Seite das Reich der stets adrett gekleideten Damen: Schulbedarf und Papeterieartikel, Puppenwagen (ich glaube auch Kinderwagen), Lederwaren und die Buchhandlung. Die Mädchen erinnern sich heute noch an die ersten Sprechpuppen. Man zog an einer Schnur und die blonde oder schwarze Schönheit sprach: „Wann kommt Vati?“ oder „Kaufe mir ein neues Kleid“. Auch an Schlummerle-Puppen erinnern sich die damaligen Kinder heute noch. Und im Winter war im Schaufenster eine beleuchtete Modelleisenbahn aufgebaut und wir drückten uns die Nasen platt um dieses Wunderwerk zu betrachten. Kurz gesagt: Ein Himmel auf Erden – auch wenn es manchmal nur zum Anschauen reichte. Meine Lieblinge waren immer die LEGO-Bausteine sowie die Wiking- und die Matchbox-Autos. Auch Autoquartett-Spiele haben es uns angetan. Wir konnten alle technischen Daten „rauf- und runter-beten“. Nie hätte ich gedacht, dass wir Müller-Buben selbst einmal eine Modelleisenbahn besitzen würden.

Unser Mieter Hermann Schimmel, ein begnadeter Modellbauer, schenkte sie uns einmal zu Weihnachten als er Platz brauchte um seine Flug- und Schiffsmodelle unterzubringen. Nichts Schöneres als eine beleuchtete Modelleisenbahn in der Dunkelheit. In der Faschingszeit nahmen die verschiedenen Verkleidungsutensilien einen großen Platz des linken Schaufensterteils ein, die Belegschaft kleidete sich mitunter zeitgemäß

und unsere Eltern kleideten sich dort ein um als Cowboy und Puszta-Mädl (Bild oben) beim Fasching in der GRUBE aufzutreten. Beliebt waren auch Zündblättchen für Spielzeugpistolen, die von meinem Schulfreund Alfred Schleicher dahingehen kreativ verwendet wurden, indem er die Blättchen im Schulunterricht neben sich auf den Boden legte um sie dann mit einem Zirkel, den er senkrecht fallen ließ, zur chemischen Reaktion brachte.

Einfallsreich und respektheischend. Tischfeuerwerk, Papierschlangen und „Judenfürze“ (der Begriff sei nochmals erlaubt, damit jeder weiß worum es geht. Auch wenn es in Zeiten wie diesen nahezu verboten ist, diese alten Begriffe zu verwenden. Ganz zu schweigen von „Negerküssen, Mohrenköpfen und Zigeunerschnitzel“). In dieser Zeit war der Kauf von Cowboy-Artikeln höchst wichtig für mich, den als „Doc Holiday“ (ganz in Schwarz gekleidet) bedurfte es eines Gürtels mit 2 Halftern, den dazugehörigen Pistolen mit Munition, eines schwarzen Hutes und eines Marshallsternes. So ausgestattet und mit einem aufgemalten Oberlippenbart konnte ich mich in der Dreißentalhalle sehen lassen. Daheim stellte ich mich vor den Spiegel und zog meinen Colt. Und was soll ich sagen, ich war schneller als mein Spiegelbild . Als Gymnasiast kaufte ich mir einmal einen Trommelrevolver und weil ich oft Flausen im Kopf hatte bohrte ich den Lauf durch um die Attraktivität zu erhöhen. Studienrat Otto Krug, genannt „Botjug“ (gesprochen Botschak), fand das hingegen gar nicht lustig und entwaffnete Doc Holiday auf Lebenszeit. Und was soll ich sagen, als ich Jahre später 1969 das Gymmi verließ, händigte er mir die Spielzeugwaffe wieder aus. Unglaublich – ich hatte sie längst vergessen. Zu Beginn der „Großen Ferien“ holte ich mit einem Gutschein (über 100 DM Schulmittelbeihilfe) sofort alle Schulbücher, weil ich es spannend fand die neuen Bücher in den Ferien zu lesen, auch wenn ich mit dem dargebotenen Stoff später im Unterricht mitunter Probleme hatte. Aber ein neues Buch in der Hand zu halten – das hat für mich schon immer etwas Besonderes. Wenn ich heute an dem Geschäft vorbeigehe denke ich oft an früher und fühle: Da fehlt etwas. Aber vermutlich fehlt es nur uns Alten, denn die Jungen würden das Geschäft wohl nicht mehr am Leben erhalten können. So ist es wie immer, die Zeit verändert die Gegenwart und konserviert die Erinnerungen – nur eines könnte auch heute noch gelingen – die Kunden so bedienen wie es Karl Unfried mit seinem Stil und seinem Respekt seinen Kunden gegenüber gelungen ist. Dieser Bericht wäre ohne die Unterstützung von Karl Unfried, Brigitte Wieczorek, Reinhard Bogena, Christine Uhl und Bärbel Mannes so nicht entstanden. Dafür Danke.

Wilfried Müller

 
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