Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 63
 

Vor 35 Jahren am 1. Mai: Besuch des Bundespräsidenten Theodor Heuss in Oberkochen

Von unserem Heimatvereinsmitglied Hannelore Pavcek erhielten wir den hier abgedruckten Zeitungsartikel vom Samstag, 1. Mai 1954.

Zum Besuch des Bundespräsidenten am 1. Mai
In Oberkochen ändert sich jeden Tag etwas
Aus dem Bauerndorf ist in sprunghafter Entwicklung ein Industrieort geworden - Seit 1946 mit dem Namen Carl Zeiss

Oberkochen (t). »Hier ändert sich jeden Tag etwas«, sagte uns lächelnd in Oberkochen ein Kameramann, der ja berufsmäßig seine Augen überall haben muß, um stets auf dem laufenden zu sein, Er meinte es gewiß nicht ganz wörtlich, aber, was er sagte, kennzeichnete treffend Aufschwung und Wandel der Gemeinde im Kreis Aalen am Kocherursprung.

So war denn auch die Ansichtskarte von der Aalener und Heidenheimer Straße, die wir uns aus Oberkochen mitnahmen, bereits ein »Historisches Dokument«, obwohl sie noch gar nicht alt ist. In der Nachkriegszeit hat sich in Oberkochen vieles gewandelt. Das ehemalige Bauerndorf im Kochertal ist zu einem Industrieort mit 5400 Einwohnern geworden. Seine Entwicklung vermag man an großen Werkbauten abzulesen, aber man muß dieserhalb auch durch die Dreißentalstraße gehen, den steilen Turmweg zu den neuen hellen Wohnstraßen hinaufsteigen, sich den Neubau der Volksschule oder den großen Sportplatz ansehen und sich schließlich auch unterhalb den Diözesansiedlung den vorbildlichen Gemeindekindergarten mit seiner offenen Spielhalle und dem großen Wiesen- und Baumgarten zeigen lassen, in dem sich 180 Kinder tummeln.

Die Industrie ist es, die dem heutigen Oberkochen das Gepräge gibt. Um die Jahrhundertwende, als die Industrie in das damals noch ganz ländliche Kochertal immer mehr vordrang, hatten Männer in Oberkochen bereits mit fünf Bohrmaschinenwerkstätten die Grundlage für größere Betriebe der Metallindustrie gelegt. Von den 5000 Arbeitern und Angestellten in den örtlichen Firmen sind heute allein 2000 in sieben alteingesessenen Unternehmen tätig, die durch ihre hochentwickelte Produktion bekannt geworden sind; wir nennen besonders: Holzbearbeitungsmaschinen und Eisengießerei, Werkzeugfabrikation und Apparatebau sowie ein Kaltwalzwerk.

Carl Zeiss

Der Name Oberkochen ist seit 1946 mit dem berühmten Namen Carl Zeiss verbunden. Damals wurde hier die durch ihre optischen Präzisionsgeräte, aber auch durch ihre soziale Betriebsstruktur in der Welt bekannt gewordene Firma gegründet, die von der Wirkungsstätte Ernst Abbes in der alten Thüringer Universitätsstadt Jena nach dem schwäbischen Oberkochen verlegt worden war; hier hatten die heimatlos Gewordenen in einem der alteingesessenen Betriebe Fabrikationsräume beziehen können. In zäher Kleinarbeit wurde schrittweise neu aufgebaut. Heute sind wieder viele Tausende in den Werken beschäftigt, sie kommen aus Oberkochen, aus dem Kocher- und Brenztal und vor allem auch vom Härtsfeld; Heimatvertriebene und Einheimische schaffen in fleißiger Gemeinschaft.

Oberkochen, wo der Währungsreform 700 Neubauwohnungen gebaut worden und gegenwärtig 150 Wohnungen im Bau sind, muß sich wohl auf weiteres Wachstum einrichten. Die Talsohle bleibt der Ausweitung der Industrie vorbehalten, während nun die Berghänge auch in südlicher Richtung mit Wohnhäusern besetzt werden. Wenn der Ort weiterhin so rasch anwachse, so sagte uns der vorsorglich planende Bürgermeister, dann werde bald auch das neue Schulhaus wieder zu klein sein. Für den Verkehr erhofft sich der Gemeinderat für das nächste Jahr die Verwirklichung der geplanten Umgehungsstraße für die gefahrvolle Ortsdurchfahrt der Bundesstraße Aalen - Heidenheim - Ulm.

Die sprunghafte Entwicklung der Kochergemeinde, die 1939 nur erst 2000 Einwohner hatte, ließ sie allenthalben in die Landschaft hineinwachsen. Dörfliche Idyllen, wie man sie etwa noch beim Kapellenweg und an der Mühlstraße findet, sind im Ortsbild selten geworden. Moderne Werkanlagen, Felder und bewaldete Berghänge befinden sich nahe beieinander. Kleinbäuerliche Betriebe sind auch heute noch von Bedeutung, besonders die Waldwirtschaft, charakterisiert durch eine genossenschaftlich organisierte Realgemeinde von 126 Rechtsbesitzern mit 840 Hektar Wald, die auf uralte Gerechtsamkeiten zurückgeht.

Gegenwartsnah und zielstrebig ist die aufblühende Gemeinde im waldumringten Tal des schwarzen Kochers zu Füßen des Rotsteins und des Volkmarsberges, des höchsten Gipfels der Ostalb, aber sie hat auch historischen Hintergrund. Ihre Ortsgeschichte verzeichnet sogar eine Merkwürdigkeit, die fast einen kulturhistorischen Kuriosität gleichkommt. Mehrere Jahrhunderte lang besaß Oberkochen unter der Doppelherrschaft der Ellwanger Probstei und des Klosters Königsbronn zwei Ratszimmer, zwei Schultheißen und zwei Gemeindeverwaltungen, die nicht immer reibungslos nebeneinander regierten. Noch 1819, nachdem die gefürstete Probstei Ellwangen schon an die Württembergische Herrschaft gelangt war, unterzeichneten zwei Schultheißen die Gemeinderatsprotokolle.

Die neue Zeit hat dieses alte schwäbische Gemeinwesen mitten in die schaffende Gegenwart gerückt und seinen Namen mit der Tradition und dem Neuaufbau eines Unternehmens verknüpft, dessen Präzisionsarbeit wieder Weltgeltung erlangt hat. Am 1. Mai 1954, am dem der Bundespräsident von den Zeisswerken in Oberkochen aus zu den Werktätigen spricht, wird man in die Ortsgeschichte des einstigen Bauerndörfchens ein Datum von wichtigstem Rang einzutragen haben.

Foto: Noch spielt in der Industriegemeinde Oberkochen die Landwirtschaft eine Rolle. Wie lange noch? - Blick vom Feldweg unterhalb der Brunnenhalde auf Oberkochen und sein Industrieviertel. Foto: Bon

Dietrich Bantel

 
 
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