Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 629
 

Vom „Erbfeind“ zum Freund

Der 2. Oktober 2009 war für mich (JG 1935) der Tag eines prägenden Schlüsselerlebnisses. Als Mitglied einer Oberkochener Delegation, die im Rahmen der Städtepartnerschaft Oberkochen und Dives-sur-Mer in der Normandie die ca. 15 km südöstlich unserer Partnerstadt Dives gelegenen Quelle „Caudemuche“ besichtigte, erfuhr ich anlässlich einer Exkursion zum von Brüssel vorgegebenen Thema „Wasser“, dass diese Quellfassung, die unsere französische Partnerstadt mit Wasser versorgt, vor ca. 100 Jahren von deutschen Kriegsgefangenen gebaut worden ist. Der Keilstein über dem Stolleneingang (Foto) trägt die Jahreszahl 1915.

Mich traf diese Information wie ein Blitz, denn seit demnächst 30 Jahren beschäftige ich mich mit unserem „Osterbuchstollen“, der einen wesentlichen Teil der noch unter König Wilhelm II geplanten Landeswasserversorgung darstellt. Bereits in den Achtzigerjahren habe ich dies u.a. unter Verwendung von bei der LW in Stuttgart eingeholten Informationen vor allem in einem ausführlichen Bericht im Amtsblatt „Bürger und Gemeinde“ der Stadt Oberkochen (Bericht 9 vom 18.03.1988, Oberkochen – Geschichte, Landschaft, Alltag) dargestellt. Der Bau des Wasserleitungs-Stollens, der nunmehr verrohrt werden wird, war durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrochen und dann mitten im Krieg durch französische Kriegsgefangene weitergeführt worden. – Das Lothringer Kreuz („Doppelkreuz“) und der Stollen-Aushub, von den Einheimischen „Stollen“ genannt, im hinteren Wolfertstal, und das moderne „Wasserhäusle“ erinnern bis heute an dieses gewaltige Unternehmen. Das markante Oberkochener Haus des Wassermeisters der LW in der Aalener Straße (auf Höhe des alten „Schimpf-Ecks“ gelegen) wurde erst kürzlich abgerissen.

Für mich grenzte dieses urplötzliche „normannische Erlebnis“ vom 2. Oktober 2009 an ein unvermittelt aus heiterem Himmel gefallenes symbolisches Wunder, – denn mich durchzuckte in derselben Sekunde der Gedanke: Der Oberkochener Wasserleitungs-Stollen (Osterbuchstollen) zwischen Oberkochen und Dauerwang musste zeitgleich von französischen Kriegsgefangenen gebaut worden sein (Foto), während der Diver Wasserleitungs-Stollen von deutschen Kriegsgefangenen gebaut wurde, – wobei sich zudem die abgelegenen idyllischen landschaftlichen Situationen, in die die Wasserbauten eingebettet sind, durchaus ähneln.

Dieses mich sehr berührende Erlebnis habe ich 2010 im Rahmen der heimatkundlichen Berichterstattungen des Heimatvereins Oberkochen, vor allem auch als vorbereitendes Nachforschen anlässlich des 100. Geburtstags des Baus der Landeswassserversorgung (1912 / 2012) in weiteren Amtsblatt-Berichten zum Osterbuchstollen ausführlich vertieft, – hauptsächlich in den Berichten 565 vom 16.04.2010 und 566 vom 30.04.2010 in „Bürger und Gemeinde“ vom 30.04.2010. – Dieser Bericht wurde 2011 von meinem Kollegen Francois Boé vom Ernst-Abbe-Gymnasium Oberkochen (EAG) ins Französische übertragen.

Das internationale „Comenius“-Jugend-Projekt zum Thema „Wasser“ hat über das EAG von meinen Erkenntnissen, Informationen und Veröffentlichungen, die ich allesamt dem EAG zur Verfügung gestellt habe, sehr profitiert. Im Oktober 2011 führten mehrere ‘zig Jugendliche aus zahlreichen europäischen Ländern durch Vermittlung des Heimatvereins Oberkochen eine Begehung des 1,8 km langen Osterbuchstollens durch – und im gleichen Jahr kam es aufgrund der unglaublichen und faszinierenden 100 Jahre alten Symbolik sogar zur Besichtigung der Caudemuche-Quelle bei Dives durch die europäischen „Comenius“-Jugend.

So wurde mein Schlüsselerlebnis vom 2. Oktober 2009 unversehens zu einem neuen, jedoch 100 Jahre alten Symbol der heutigen deutsch-französischen Partnerschaft und Freundschaft zwischen Oberkochen und Dives-sur Mer, was in diesem Jahr 2014 anlässlich des 30-jährigen Bestehens unserer Partnerschaft sowohl für die Stadt wie auch vor allem für den Verein für Städtepartnerschaft noch von zusätzlichem Wert ist.

Eine angemessene Aufwertung widerfährt diesem Schlüsselerlebnis unter dem Thema „Vom Erbfeind zum Freund“ in einer von Bürgermeister Traub angeregten Sonderausstellung zum Thema „Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus Oberkochener Sicht“. – Ausgangspunkt für die Idee einer Oberkochener Sonderausstellung ist die ab Mitte Juli im Oberkochener Rathausfoyer präsentierte Wanderausstellung „100 Jahre Ausbruch des 1. Weltkriegs“. – Der Heimatverein Oberkochen über seine Archive, maßgeblich sein Ehrenvorsitzender Dietrich Bantel, werden diese ergänzende Sonder-Ausstellung in Verbindung mit der Stadt und deren Kulturbeauftragtem Reinhold Hirth zu einem tiefen Erlebnis werden lassen: Thematisiert wird in der Oberkochener zusätzlichen Sonderausstellung etwas weit über den Ersten Weltkrieg hinaus Gehendes, etwas bleibend „Verbindendes“, – nicht das trennende Schlachtengemetzel, – nämlich die bisher unbekannten übers Kreuz gehenden 100 Jahre alten Querverbindungen im Rahmen unserer Städtepartnerschaft in Form einer neu entdeckten unglaublich kraftvollen und nachhaltig symbolträchtigen Folge eines Kriegs, der 70 Millionen Tote gefordert hat: Der Bau der Wasserversorgungen der Städtepartnerschafts-Kommunen Oberkochen und Dives-sur-Mer.

Das Erlebnis und die Erkenntnisse vom 2. Oktober 2009 im Zusammenhang mit der Quelle von Chaudemouch, (oder „Caudemuche“ = die „heiße Fliege“, wie die Quelle auf Normannisch heißt, ist an konstruktiver Symbolkraft schwer zu überbieten.

Dietrich Bantel

 
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