Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 628
 

Ein Mammutzahn aus Oberkochen

1971 brachte Herr Dr. Reiff, damals Leiter des Carl-Zeiss-Lehrlingsheims in der Jenaer Straße 2, einen Mammutzahn zu mir ins Gymnasium. Herr Dr. Reiff, der in Tübingen in Geologie promoviert hatte, entdeckte den Zahn in einem Kieshaufen am Straßenrand. Er meinte, der Zahn wäre vermutlich mit Kies aus dem Donautal hierher gekommen.

Die letzten Mammuts lebten vor 10.000 fahren in Sibirien. Bei uns sind sie schon früher ausgestorben. Mammuts waren Jagdbeute der Neandertaler und der frühen Sibirien-Menschen. Das mag zu ihrem Verschwinden beigetragen haben. Mammuts waren der Eiszeit gut angepasst: nach dem Rückgang des Eises konnten sie sich nur schlecht den neuen Bedingungen stellen. Der Zahn muss deshalb mindestens 15.000 Jahre alt sein.

Da der Zahn etwas mürbe war, riet Dr. Reiff. das Fossil längere Zeit in eine alkoholische Lösung von Siegellack zu legen. Die Lösung würde in den Zahn eindringen und ihn so verfestigen. Ich folgte dem Rat. Herr Mannes war von dem Zahn begeistert. Er ließ eine Halterung fertigen, damit man den Zahn aufrecht stellen konnte.

Elefanten, und damit auch das Mammut, haben eine ganz besondere Gebiss-Situation: Neben den Stoßzähnen, die unseren oberen Schneidezähnen entsprechen, (beim Afrikanischen Elefanten und beim Mammut haben männliche und weibliche Tiere Stoßzähne, beim Indischen Elefanten meist nur die Bullen) besitzen sie je 6 Backenzähne in jeder Hälfte von Unter- und Oberkiefer, von denen aber jeweils nur ein Zahn aktiv ist. Der Zahnwechsel ist im Urania-Tierreich, Band Säugetiere S. 388 von 1992 wie folgt beschrieben: Der außerordentlich großen Beanspruchung durch die harte Nahrung ist das Elefantengebiss sehr gut angepasst. In jeder der beiden Hälften des Oberkiefers und des Unterkiefers ist im Normalfall nur ein einziger Kauzahn in Funktion. Wenn diese Mahlzähne fast abgekaut sind, schiebt sich von hinten unten jeweils ein neuer intakter zur Oberfläche und drückt dabei langsam den abgenutzten Zahnstummel nach vorn aus seinem Zahnbett. Schließlich fällt er ganz aus, und der neue Zahn verrichtet allein die Kau- und Mahlarbeit. Das geht so lange, bis er selbst nach sechs bis zehn Jahren wieder heruntergekaut ist. Dann wird er auf die gleiche Weise gewechselt. Im Ganzen sind während des Lebens eines Elefanten – es beträgt maximal sechzig Jahre – in jeder Oberkiefer und Unterkieferhälfte sechs derartige Zahnwechsel möglich.

Dazu zwei Anmerkungen:
1. Im Oberkiefer kommt der Folgezahn selbstverständlich von oben!
2. Die sechs Jahre sind ein Mittelwert. Die ersten beiden Zahnwechsel erfolgen in kürzeren, die späteren in längeren Abständen. Das hängt mit dem Wachstum der Jungelefanten zusammen. Sind alle Zähne aufgebraucht, ist ein Elefant in der Natur nicht mehr in der Lage, seine Nahrung richtig aufzuarbeiten. Er verhungert. Im Tiergarten könnte man ihn durch breiige Nahrung noch längere Zelt am leben erhalten.

Elefanten sind reine Vegetarier: sie brauchen im Mittel etwa 120 kg Grünfutter pro Tag. Gefressen werden Kräuter und Gräser. Blätter von Bäumen und Sträuchern, einschließlich kleinerer Zweige und Äste.

Der Mahlzahn zeigt die für Pflanzenfresser typische Raspelstruktur. Die Grate (Querleisten) bestehen aus dem härteren Zahnschmelz, die Vertiefungen aus weicherem Zahnbein (Dentin) und Zahnzement. Der Oberkochener Mammutzahn muss von einem verendeten erwachsenen Tier stammen. Die beiden kleineren Zähne sind wahrscheinlich Zahnstummel, die beim Zahnwechsel ausfallen. Diese beiden kleineren Zähne hat Frau Edelmann-Streicher aus Aalen, die am Gymnasium Instrumentalunterricht gab, der Schule geschenkt. Fundumstände und Fundort sind mir nicht bekannt.

Frau Edelmann-Streicher traf übrigens in der Schule mit Herrn Dr. Reiff zusammen: Er war ihr Cousin, von dem sie seit Kriegsende nichts mehr gehört hatte! Herr Dr. Walther Reiff (geb. 1905) hatte in Tübingen Geologie studiert und eine Hochschullaufbahn angestrebt. Wegen seiner SS-Mitgliedschaft war ihm eine Rückkehr an die Universität verwehrt Er galt als »schwarzes Schaf« der Familie. Ich habe diese Information von Frau Edelmann-Streicher erhalten, mit Herrn Dr. Reiff aber nie darüber gesprochen.

Herr Dr. Reiff war der letzte Heimleiter des Lehrlingsheims. Dieses wurde geschlossen. Herr Dr. Reiff zog mit seiner Familie nach Südwürttemberg (1973). Das Gebäude wurde 1992 abgebrochen und machte Platz für das Altenheim Jenaer Straße 2. Herrn Hopfensitz danke ich für die Fotos. Frau Czerner für die Eruierung einiger Fakten.

Horst Riegel, Februar 2014

 
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