Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 626
 

KWO – ein Stück Oberkochener Industriegeschichte geht zu Ende

Noch in diesem Monat wird das Gebäude der ehemaligen Werkzeugfabrik KWO abgebrochen, um der Erschließung des Gebiets »Stahlacker« zu weichen. Damit geht auch ein Stück Oberkochener Industriegeschichte zu Ende. Anlass für einen unternehmensgeschichtlichen Rückblick, aber auch für einen stadtgeschichtlichen Ausblick in die Zukunft von Bürgermeister Peter Traub.

Karl Wannenwetsch Oberkochen – KWO. Dieser Name steht für eines der traditionsreichen Werkzeugunternehmen, das dazu beitrug, dass Oberkochen zu einem bedeutenden Standort für die Bohrermacher und spätere Werkzeugindustrie wurde. Es steht aber auch für den Wandel in der Werkzeugbranche und damit dem Wandel in Oberkochen, der sich vor allem in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat.

Der Firmengründer und Namensgeber, Karl Wannenwetsch, begann 1903 mit der eigenen Produktion von Handbohrern in einem Wohn- und Werkstattgebäude in der heutigen Aalener Straße 44. Zuvor hatte er bei Albert Leitz das »Bohrerspitzen« gelernt und danach einige Jahre in dessen Betrieb gearbeitet. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschäftigte Karl Wannenwetsch bereits sieben Mitarbeiter.

Der Neubeginn nach der Heimkehr aus dem Krieg wurde ihm durch Krankheit und den fehlenden Elektromotor – er war zu Kriegszwecken konfisziert worden – erschwert. Die Inflation Anfang der 1920er Jahre und die stark gewordene Konkurrenz der eisenverarbeitenden Industrie in Remscheid und Schmalkalden mit ihrer Massenproduktion von Handbohrern trugen ein Übriges dazu bei.

Als Einmannbetrieb arbeitete Karl Wannenwetsch weiter, ab 1927 nahm er auch einzelne Typen von Maschinenbohrern in sein Programm mit auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg übergab er seinem Sohn, Karl Wannenwetsch jun., den Betrieb. Dieser hatte bei seinem Vater das Bohrermachen erlernt, später eine kaufmännische Ausbildung absolviert und war danach in verschiedenen Industriebetrieben tätig gewesen. Schon 1950 wurde das Sortiment auf Fräser für Handoberfräsen erweitert.

Der Aufschwung während der sog. »Wirtschaftswunderjahre« kam, und der Betrieb wurde vergrößert. 1954 wurde in der Aalener Straße 44/1 ein Werkstattgebäude mit Lagerräumen erstellt, das in den Jahren 1959 und 1964 erweitert, 1969 aufgestockt und 1976 sowie zuletzt 1983 nochmals erweitert wurde.

Das nachfolgende Foto, das wie die übrigen freundlicherweise von Ulrich Wannenwetsch, dem Enkel des Firmengründers Karl Wannenwetsch sen., zur Verfügung gestellt wurde, zeigt das alte Wohnhaus der Familie Wannenwetsch (rechts im Bild) sowie das neu erstellte Werkstattgebäude (links im Bild) im Jahr 1955.

Das KWO-Werkstattgebäude im Jahr 1955

Die Werkstatt war vor dem Neubau 1954 im hinteren Teil des Wohnhauses untergebracht. Dieser Teil wurde später abgebrochen und das Wohnhaus umgebaut. Links neben der Werkstatt ist ein altes Fachwerkgebäude erkennbar, das nicht mehr existiert. Es handelte sich um das Haus Aalener Straße 46. In einem alten »Situationsplan« aus dem Jahr 1880 ist das frühere Haus Nr. 103 (Aalener Straße 46) als Keller und »Fass-Remie« (Remise) dargestellt, das dem ehemaligen »Ochsenwirth Johann Georg Köpf«, später dem Ochsenwirt Ludwig Trick als Geräte- und Lagerraum diente. Die Bezeichnung als Keller ist insoweit interessant, als sich weiter vorne unter dem Wohnhaus der Familie Wannenwetsch und dem Haus Aalener Straße 42 noch heute ein Bier- und Eiskeller befindet, der von der Familie Nagel (Hirschen) als Bier- und Eiskeller zum Lagern der Eisstangen genutzt wurde. Angeblich befanden sich auch unter der o.g. Remise ein oder mehrere Eiskeller, die den Eigentümern bzw. Wirten des Gasthauses »Ochsen«, später dann dem »Hirschen«, also der Familie Nagel, gehörten bzw. zugeordnet waren.

1960 beschäftigte die KWO Werkzeuge GmbH 43 Mitarbeiter, die auf die Herstellung von Maschinenhohrern und Schaftwerkzeugen, auch in hartmetallbestückter Form (für die Bearbeitung moderner Plattenwerkstoffe), spezialisiert waren. Anfang der 1970er Jahre wurde mit der Fertigung von Werkzeugen für professionelle Heimwerkermaschinen begonnen.

Wie das nachfolgende Foto aus dem Jahr 1970 zeigt, wurde die Werkstatt in den Jahren 1959 und 1964 erweitert. Zudem wurde im rückwärtigen Bereich ein Anbau errichtet, der später teilweise wieder abgebrochen und durch einen anderen Anbau entlang der Aalener Straße ersetzt wurde (siehe letztes Foto).

Das erweiterte KWO-Werkstattgebäude im Jahr 1970

1978 übernahm der Enkel des Firmengründers, Ulrich Wannenwetsch, die Geschäftsführung des Betriebes. Unter seiner Leitung stieg der Exportanteil auf 50%. Die Produktion umfasste vor allem Maschinenbohrer, speziell Bohrer für Bohrautomaten in der Möbelindustrie, sowie Schaftfräser. Hinzu kam ein breit ausgebautes Heimwerkerprogramm. Die Firma unterhielt seinerzeit zwei eigene Verkaufsniederlassungen in Frankreich und England und beschäftigte in den 1980er Jahren bis zu 110 Mitarbeiter.

In den darauf folgenden Jahren nahm nach Angaben von Ulrich Wannenwetsch der Wettbewerbsdruck vor allem ausländischer Anbieter aus dem Mittleren und Fernen Osten zu. Billigwerkzeuge für Heimwerker und Handwerker, aber auch höherwertige Maschinenwerkzeuge aus Taiwan, Israel, der ehemaligen Sowjetunion und zunehmend auch aus China »überschwemmten« den Markt, was zum einen zu einem Verdrängungswettbewerb und zum anderen zu einer Konzentration innerhalb der Branche führte. Hiervon blieb auch KWO nicht verschont.

Das erweiterte und mit einem Anbau versehene KWO-Werkstattgebäude im Jahr 1978

Zur langfristigen Sicherung des Unternehmens war es daher notwendig, es auf eine breitere Basis zu stellen bzw. es in einen größeren Firmenverbund zu integrieren. Aus diesem Grund entschloss sich Ulrich Wannenwetsch, die KWO Werkzeuge GmbH 1994 an die Leitz-Gruppe zu verkaufen. Dort besteht die Gesellschaft bis heute als eigenständiges Unternehmen innerhalb der Leitz-Firmengruppe.

Im Rahmen einer »Rochade« wurde die KWO Werkzeuge GmbH im Jahr 2005 vom Standort Oberkochen nach Neresheim verlagert. Im Gegenzug wurde die Fa. WIGO, ebenfalls ein ursprünglich Oberkochener Traditionsunternehmen und späteres Tochterunternehmen der Leitz-Gruppe, zurück nach Oberkochen verlagert. Bei KWO wurde die Produktpalette am neuen Standort erheblich ausgeweitet und umfasste nicht mehr nur Schaftwerkzeuge wie Fräser und Bohrer, sondern auch hartmetallbestückte Kreissägeblätter. Heute hat das Unternehmen 75 Beschäftigte, Tochtergesellschaften in England, Frankreich und den USA sowie Generalvertretungen rund um den Erdball.

Im Dezember 2005 kaufte die Stadt Oberkochen das leerstehende KWO-Fabrikgebäude sowie das daneben stehende ehemalige Wohngebäude der Familie Wannenwetsch. Damit eröffnete sich für die Stadt die Möglichkeit, das dahinterliegende Gewann »Stahlacker« als innerörtliches Misch- und Wohngebiet zu erschließen.

Bis Februar 2014 wurde das Fabrikgebäude in der Aalener Straße an den Hersteller von Präzisionsteilen, die Fa. Seeling Präzisionsteile, vermietet. Im Rahmen einer weiteren »Rochade« wird sie in die Produktionsräume der Fa. Jakob Schmid – JSO in der Dreißentalstraße wechseln, da JSO seine Produktion von Oberkochen ins Zweigwerk nach Neresheim-Elchingen verlagert. Auch bei der Fa. Jakob Schmid geht damit ein Stück Oberkochener Unternehmensgeschichte zu Ende.

Das KWO-Fabrikgebäude in der Aalener Straße 44/1 wird voraussichtlich noch im Februar 2014 abgebrochen. Damit ist der Weg frei für die Erschließung des Gebiets »Stahlacker«. In den nächsten Jahren wird dort die Essinger Wohnbau GmbH drei Mehrfamilienhäuser mit seniorengerechten Wohneinheiten errichten. Auf dem Gelände des KWO-Gebäudes wird nach dem Abbruch ein neues Verwaltungs- und Bürogebäude des in Oberkochen ansässigen Softwareunternehmens 3E Datentechnik entstehen.

Die Geschichte und Entwicklung des Unternehmens KWO verdeutlicht den Wandel, der sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Werkzeugbranche vollzogen hat. Es verdeutlicht aber auch den Wandel, der sich – nicht erst seit heute – in Oberkochen vollzieht. Traditionsunternehmen verschwinden aus dem Stadtbild, neue Unternehmen und Wohnquartiere entstehen und werden das künftige Erscheinungsbild prägen. Altes vergeht und Neues entsteht.

Oberkochen nutzt den Wandel, um sich für die Zukunft zu rüsten. Im Süden unserer Stadt entstanden in den vergangenen Jahren mit der Carl Zeiss SMT GmbH und dem neuen Werk für Medizintechnik der Carl Zeiss Meditec AG hochmoderne Unternehmen in der Photonikbranche, einer Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Das neue Verwaltungs- und Bürogebäude der Fa. 3E Datentechnik wird bald im Norden unserer Stadt ein modernes Entree bilden.

Weitere Gebiete in unserer Stadt werden dem Wandel folgen. So entsteht z.B. zwischen Mühlstraße und Kronengäßle in den nächsten Jahren ein neues Wohnquartier. In ein paar Jahrzehnten werden sich nach uns möglicherweise nur wenige daran erinnern, woher das Kronengäßle seinen Namen hat, und dass dort früher u.a. das Gasthaus »Krone« stand, das Mitte des 19. Jahrhunderts von Johannes Elmer als »Wein- und Bierwirtschaft zur Krone« errichtet wurde.

Die Innenstadt wird sich ebenfalls verändern. Zwischen Bahnhofstraße und Katzenbachstraße wird in den nächsten Jahren eine neue Mitte entstehen, die das Erscheinungsbild positiv verändern wird. Das frühere Gasthaus »Zum Hirschen« bzw. »Zum Goldenen Hirschen« wird dann voraussichtlich auch nicht mehr existieren, und niemand wird dann vielleicht mehr wissen, dass dort eine der ältesten Tavernen Baden-Württembergs stand, deren Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert zurückreichten und die 1831 erstmals unter dem Namen »Hirsch« in Erscheinung trat.

Ein weiteres Quartier, nämlich das Ensemble der Scheerer-Mühle, wird an die Innenstadt angebunden, und wenn das Wirtschaftsgebäude restauriert ist, wird aus dem einstigen, etwas abgelegenen »Hinterhof« ein kleines Ortszentrum entstehen, das unsere Stadtmitte zusätzlich bereichern und beleben wird. Hier wollen wir also die alten Gebäude nicht abbrechen, sondern – im Gegenteil – erhalten und neu nutzen. Es geht also auch darum, kulturhistorisch wertvolle Gebäude und damit ein Stück lokaler Identität zu erhalten.

Vielen geht dieser Wandel zu schnell, manchen zu langsam. Manche wollen ihn anders oder gar nicht. Letztendlich können wir uns ihm aber nicht verschließen. Alles verändert sich. Überall. Immer. Schon Charles Darwin erkannte: »Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel.« Wir können also den Wandel nicht aufhalten, und deshalb sollten wir ihn aktiv gestalten, so wie in Oberkochen. Und auch hier gilt: Wenn wir etwas bewahren wollen, müssen wir den Mut haben, es zu verändern.

Peter Traub,
Bürgermeister

 
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