Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 623
 

Sibyllenspur bei Oberkochen

Teil 1: Sibylle von der Teck

Die Teck ist ein markanter Berg der Schwäbischen Alb in der Gegend von Kirchheim. Wenn man heute junge Schwaben fragt, ob sie die spannende und in mancherlei Hinsicht durchaus aktuelle schwäbische Sage von der »Sibylle von der Teck« kennen, erntet man ein mitleidig gelangweiltes »Nööö«. Dann traut man sich natürlich fast gar nicht mehr weiter zu fragen, ob diese jungen Schwaben schon mal etwas von der »Sibyllenspur« gehört haben, denn das ist dann jenseits von allem geschichtlich oder nichtgeschichtlich Zumutbarem.

Meinen Schülern habe ich die Sage von der Sibylle von der Teck dann doch immer wieder ganz gut »verkauft« – leicht »modernisiert« natürlich, – so wie ich sie aus einem bestimmten Grund hier stark verdichtet erzählen will:

Tief unten im Sibyllenloch, einer Höhle im Abhang der Teck, wohnte der Sage nach eine edle und beim Volk äußerst beliebte Frau, mehr Fee (oder Hexe?) als Frau, namens Sibylle. So glaubte man zumindest. In Wirklichkeit aber lebte die Sibylle als Witwe mit drei Söhnen viel weiter hinten in selbiger Höhle, und zwar in einem phantastischen unterirdischen aus Silber, Gold und Edelsteinen erbauten Schloss. Die drei Söhne waren durch den Reichtum der Mutter total daneben geraten. Bald verließen sie die Mutter und bauten sich mit deren Geld Burgen auf den Bergen der Umgebung der Teck und trieben von dort aus ihr liederliches, ja verbrecherisches Unwesen. Dies veranlasste die Mutter, um die Schande auszugleichen, dazu, ihren Reichtum an die Armen und Bedürftigen zu gehen.

Die Sibylle von der Teck mit ihrem goldenen Wagen

Irgendwann war ihr Kummer über ihre misslungenen Söhne so groß, dass sie ihren großen goldenen Wagen bestieg, zwei riesige löwengroße Katzen davor spannte, und mit unheimlichem Gebrause bergabwärts, fast wie durch die Lüfte getragen, in die Ebene des Lautertals hinaus rauschte, wo sie mit ihrem Wagen so hart aufsetzte, dass sich über die ganze Talebene hinweg eine bis in die Gegenwart im Frühling jeden Jahres sichtbar werdende Räderspur eingrub, in der auf unerklärliche Weise das Getreide bis auf den heutigen Tag besonders hoch und fruchtbar wächst: die letzte gute Tat der Sibylle von der Teck. Diese rätselhafte jährlich im Frühjahr kommende und gehende fruchtbare Räderspur nennt man im Volksmund »Sibyllenspur«. Doch davon später. Dann donnerte der Wagen den Gegenhang hinauf, bis er, mitsamt der Sibylle und den Löwenkatzen, in den Lüften über der Schwäbischen Alb verschwand, – Richtung Bayern. – Nach meinen Informationen verliebte sich die Sibylle von der Teck einige Jahrhunderte oder Jahrtausende später in Kini, den bayerischen Märchenkönig. König Ludwig II. Und dieser verliebte sich in sie. Kini baute Sibylle jede Menge traumhaft wundersamer Schlösser. Geldmäßig blieb dann gegen das Ende der eher kurzen Regentschaft Kinis allerdings Einiges im Unklaren. Ich sehe das im Vertrauen gesagt so, dass aus dieser »Kini-Sibyllen-Beziehung« für das Land Bayern die auf die Dauer konstruktivste und fruchtbarste aller Staatschuldenkrisen entstand, die letztendlich zum Länder-Finanzausgleich und, zusammen mit den inzwischen millionenschweren Eintritts-Einnahmen der bayerischen Schlösserverwaltung zum heutigen Wohlstand des Freistaats führte.

 

Teil 2: Die Sibyllenspur

Das Rätsel der »Sibyllenspur« war vor gut 30 Jahren noch ungelöst. – In der Schwäbischen Post vom 11.12.1982 erschien jedoch folgende Schlagzeile:
»Sibyllenspur: Rätsel gelöst«.
Dieter Planck weist römische Grenzsysteme nach.

SP-Ausschnitt vom 11.12.1982

Dieter Planck hatte 1971 für uns die Funde vom »Römerkeller Oberkochen« bestimmt. Bereits in den Neunzigern war er Professor Dr. Dieter Planck, Präsident des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg.

Sibyllenspur (Google-Foto)

Zitat aus diesem Artikel:
»So vielfältig wie der Sibyllenmythos – Gustav Schwab zitiert eine Version, in der die Sibylle eine böse Hexe war und bei ihrer Flucht die Erde verbrannt hat – so zahlreich sind die Versuche, dem Geheimnis der Naturerscheinung auf den Grund zu gehen. Wissenschaftler aller Fachrichtungen versuchten in den vergangenen Jahrzehnten, einen Nachweis zu erbringen, warum auf der schnurgeraden Spur ein verbessertes Wachstum zu erkennen ist...«

Des Rätsels Lösung ist, dass die Spur, erst 1982 herausgefunden, ein römisches Grenzsystem mit Doppelgraben und Palisaden war, was auch römische Münz- und Scherbenfunde belegen. Die Anlage wird als die älteste Form des Limes in dieser Gegend interpretiert. – In den beiden tiefen Gräben konzentrieren sich auch heute noch feuchter Humus und natürlich bei entsprechender Witterung immer wieder mehr wachstumsbegünstigendes Wasser als in der Umgehung.

Eigentlich schade, dass der jahrhundertealte Mythos um die »Sibyllenspur« ein so schnelles und profanes Ende genommen hat.

 

Teil 3: Sibyllenmythos

Der Sibyllenmythos geht auf die griechische Antike, möglicherweise sogar auf noch wesentlich ältere orientalische Vorbilder zurück. Ein »Sibylle« ist – wie alle Frauen – eine Mischung aus natürlichem und übernatürlichem weiblichem Wesen. »Sibyllen« hatten seherische Kraft, – waren also eine Art Prophetinnen, die allerdings im Gegensatz zu den »göttlichen« Weissagerinnen nicht »auf Kommando« (beruflich sozusagen), sondern aus freien Stücken weissagten.

 

Teil 4: Die Sibyllenspur bei Oberkochen

Im Zusammenhang mit der Ausgrabung des »Römerkellers« erbat ich im Herbst 1971 »luftarchäologische Hilfe« bei der Firma Carl Zeiss. Rudi Jährling hat mir damals, also 1971, im Auftrag der Firma CZ ein 1964 entstandenes hervorragendes CZ-Luftbild beschafft, das wir im Amtsblatt im Rahmen unserer heimatkundlichen Berichterstattungen seither schon mehrfach erwähnt und abgebildet haben. Im Heimatmuseum hängt in Raum 2 eine sehr große Repro dieses Fotos, auf der »unsere Oberkochener Sibyllenspur« hervorragend zu sehen ist.

In Bericht 46 unserer heimatkundlichen Berichtserie »Oberkochen – Geschichte, Landschaft, Alltag« vom 9.12.1988 weisen wir auf jene Spur hin, die in weitem Schwung von der mutmaßlichen alten Römerstraße HDH - AA übers ganze an dieser Stelle ziemlich weite Kochertal hinweg auf die Anhöhe im Weilfeld führt. Wir zeigen hier den entsprechenden Ausschnitt des Fotos aus unserem damaligen Bericht.

Ausschnitt aus dem CZ-Foto von 1964

Zu unserem CZ-Foto der »Oberkochener Sibyllenspur« aus dem Jahr 1964.

0 weist auf das kleine Sträßchen, das oberhalb der Kreuzmühle, dem Stadion, den Tennisplätzen und dem Bauhof Richtung Unterkochen führt und auch als »Grüßgottwegle« bekannt ist, – die mutmaßliche alte Römerstraße von HDH nach AA.

1 weist nach damaliger Einschätzung auf den ungefähren Lageort der großen Steine im und am Kocher hin. In Wirklichkeit liegen sie, wie erst kürzlich belegt, ein gutes Stück weiter kocherabwärts.

2 weist auf die 1964 noch deutlich sichtbaren Spuren hin, die die »römische Stichstraße zum Weilfeld« im Tal hinterlassen hat, vor allem in Form der beiden dunklen Straßenbegrenzungen, die als mit feuchtem Humus gefüllte Straßengräben zu deuten sind.

Prof. Dr. Planck vom LDA schloss nicht aus, dass es sich bei dieser Spur um eine von der römischen Verbindungsstraße von Heidenheim (Aquileija) zum Reiterkastell Aalen (Ala Secunda Flavia) ins Weilfeld führende römische Stichstraße handeln könne, wobei die deutlich zu erkennenden dunklen Streifen Straßengräben sind, die sich nach dem Prinzip der Sibyllenspur dunkel im Gelände »abzeichnen«.

Leider müssen wir heute sagen: »abgezeichnet haben«, denn das gesamte Gelände wurde, wie mir berichtet wurde, noch in den Sechzigerjahren ca. 2 Meter hoch aufgefüllt. Die Spur ist also bis auf ihre fotografische Dokumentation (CZ 1964) für immer verschwunden. Positiv formuliert könnte indes auch gesagt werden: Unsere Oberkochener Sibyllenspur ist auf diese Weise »dauerhaft konserviert«.

 

Teil 5: Das Rätsel um die »Steine im Kocher«

Die in unserem o.g. Bericht 46 abgehandelten sehr großen und teilweise behauenen Steine könnten, wie 1988 von Frau Dr. Arnold vom IDA vermutet, »mittelalterlich« sein. Sie könnten – mit viel Phantasie – jedoch auch zu einem römischen Brückenbauwerk gehört haben, über das man vor ca. 1800 Jahren über den Kocher, dessen Verlauf man sich als sumpfiges Schwemmland vorstellen darf, ins Weilfeld gelangte. Die römische »Hauptstraße« verlief, um nicht überschwemmungsgefährdet zu sein, wie viele ähnlich angelegten römischen Straßen, deutlich hangaufwärts parallel zum Kocher.

Stadtbaumeister Thalheimer stellte uns, damit endlich Klarheit in die Frage kommt, ob die »Steine im Kocher« etwas mit der römischen Stichstraße zum Weilfeld, unserer Sibyllenspur, zu tun haben oder nicht, am 29.7.13 aktuelle Luftbilder zur Verfügung. Anhand dieser Fotos lässt sich nun klar belegen, dass die »Steine im Kocher« am Ende der Kleingartenanlagen keinesfalls in irgendeinem Zusammenhang mit der römischen Stichstraße stehen können – dafür liegen sie ca. 300 m zu weit kocherabwärts.

»Steine im Kocher« – hier die am linken Ufer

Am 29.7.2013 habe ich – nach 25 Jahren – die »Steine im Kocher« wieder aufgesucht. Die Gesamtsituation ist gründlich verändert. Von der rechten total verwahrlosten Uferseite her war es im Gegensatz zu der Zeit vor 25 Jahren fast unmöglich, bis an die Steine heran zu kommen. Dort sind vor geraumer Zeit Baumfällarbeiten in großem Maßstab durchgeführt worden. Die gewaltigen Wurzelstöcke sind vom Kocher unterspült. – Von der linken Uferseite her gelangt man hingegen über das letzte Gartengrundstück leicht zu den »Steinen im Kocher«.

Es war zu erfahren, dass, als die Bäume gefällt wurden, offenbar auch die Steine mit großem Gerät bewegt worden sind. – Spuren von »Buckelquader-Bearbeitung« konnte ich diesmal allerdings nicht erkennen. Der markanteste Stein ist fast 1 Meter lang, ca. 1/2 Meter dick und 60 cm breit und eindeutig bearbeitet. Fest steht inzwischen einerseits, dass die Steine keinesfalls zu einem römischen Brückenbauwerk gehört haben können, andererseits, dass die Natur diese Steine nicht an diesen Ort gebracht hat. Bericht 46: Ruderibus? Glogghaus? Fest steht aber auch, dass exakt an dieser Stelle die Gemarkungsgrenze zwischen Unter- und Oberkochen verläuft: Jenseits des Kochers bei der nördlichsten Oberkochener Kleingärtneranlage ist Unterkochener, »Starzer« Terrain.

Dietrich Bantel

 
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