Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 622-2
 

Es war einmal:
Ein Beat Club und ein Jugendclub

Teil 2

Für mich persönlich (obwohl kein ZEISS- sondern LEITZ-Lehrling) und nicht wenige meiner Schulfreundinnen, war der Jugendclub ein kleiner angenehmer Ort, an dem man sich am Freitagabend zu guter Musik und zum Tanz und am Samstagnachmittag zu den verschiedensten Aktivitäten traf. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Veranstaltungen wie eine LETKISS-Tanzstunde (furchtbar ätzend), eine nächtliche Maiwanderung nach Tauchenweiler und die Freitags-Tanzabende bei Beat-Musik, bei der einige Zeitlang auch Helmut Kappler Platten auflegte. In dieser Zeit, speziell ab 1968 stießen viele Jugendliche durch Vermittlung von Wolfgang Kieslich vom örtlichen Progymnasium dazu und sorgten für eine ganz spezielle Mischung aus Schülerinnen und Lehrlingen. Für mich war dann der Höhepunkt, als Hartmut Müller unbedingt eine Theatergruppe gründen wollte, um mit dieser bei der Lehrlingslossprechung 1969 oder 1970, die Bretter des ZEISS-Saales zu beglücken. Wir probten wöchentlich und büffelten unsere Texte und als der Tag der Hauptprobe nahte, kam es wie es kommen musste: wer konnte den Text nicht? – der mitspielende Regisseur Hartmut Müller :-) Vermutlich war er wohl zu sehr mit uns beschäftigt als mit seiner Rolle. Lampenfieber nahm uns in Beschlag, doch mit Bravour meisterten wir die Herausforderung und ich durchlebte eine intensive Zeit auf der Bühne als »feuriger ungarischer Liebhaber« – TSCHOI. Danach stand ich für die Bretter, die für andere die Welt bedeuten, nicht mehr zur Verfügung, denn meine Lehrzeit bei LEITZ erforderte meinen vollen Einsatz und so endete für mich auch die Zeit im ZEISS-Jugendclub. Natürlich gab es Kritik zur Arbeit im Club, auch von uns, aber das zeigt, dass der Club gelebt hat und ich bin froh, dass es ihn damals gab und mein Namensvetter hat nicht unbeträchtlich dazu beigetragen, dass wir damals begonnen haben, intellektuell über den Tellerrand hinauszuschauen. Der Club zog später zum Gutenbach um (in einen Teil des heutigen Kinderhauses) und später in das alte WIGO-Gebäude (heute PEDCAD) in der Heidenheimer Straße. Beide CLUBS hatten ihre Berechtigung und fanden ihr Publikum. Auch wenn die BEAT CLUBLER mit dem JUGEND CLUB aus verschiedenen Gründen nicht konnten und nicht wollten.

Unbestritten bleibt aber:
Die wichtigsten Jahre waren für die Jungs und Mädels des BEAT CLUBS und des JUGEND CLUBS die Jahre von 1962 bis 1969 und diese haben bei uns, die wir engagiert dabei waren, Spuren hinterlassen. Und manche von uns haben die Musik neben dem Gelderwerb zu einem wichtigen Punkt in ihrem Leben gemacht. Dazu noch ein paar Anmerkungen, die zeigen, dass es unbedingt notwendig war, den Ort zu verlassen (auch wenn man wie ich später wieder zurück gekommen ist). Diejenigen, die gegangen sind, haben vermutlich mehr von ihren Träumen und Wünschen umsetzen können. Auch wir Gymnasiasten hatten Wolfgang Dubiel zu danken. Er stellte die gesamte Technik für die erste Schulparty im Treppenhaus im Jahre 1969 zur Verfügung. Wenn es um Musik ging, war er immer engagiert bei der Sache.

Peter Maiwald und ich haben dann den Bürgermeister Bosch kontaktiert, weil wir etwas mehr für die Jugend wollten – wieder mehr Rock und Beat und weniger Kultur – und wenn möglich mit einem Rock-Konzert. Leider zerschlug sich das aus verschiedenen Gründen. Ansonsten hingen wir vor dem »Storchenbäck« oder später im »Musikpavillon« am Rathausplatz herum. Die dortigen Anwohner teilten unsere Begeisterung für den Pavillon in keinster Weise – schon gar nicht, wenn wir dort Musik machten, um des Pavillons Namen Ehre zu machen. Es gab dann noch ein paar Veranstaltungen im Rupert-Mayer-Haus und bei der evangelischen Kirchengemeinde, wie z. B. einen Sonntagnachmittags-Tanz mit Beat, Fanta und Cola – das war ja nur grausig (wir nannten das Ringelpietz mit Anfassen) und so mussten wir warten, bis in Aalen 1968 das DISCO PUB im Rohrwang eröffnete. Das war dann das NON PLUS ULTRA für uns. Tolle aktuelle Beat-, Soul- und Blues-Musik, Light und Sound, DJS, tolle in Licht getauchte Wandgemälde und Super Mädels. Das PUB machte schon am Sonntagnachmittag auf und wir liefen teilweise von Oberkochen zu Fuß nach Aalen oder trampten (per Anhalter), um dabei zu sein. Dann öffnete später der BOTTICH (1968 oder 1969) in Aalen-Unterrombach. Auch ein toller Musiktempel, zu dem auch viele GI's aus Schwäbisch Gmünd herüberkamen und mit ihren Joints einen besonderen Duft über die Sitz-Bottiche entfalteten. Ein großer Anziehungspunkt war dann noch das »1001-Nacht« in Giengen, das aber nicht an die besondere PUB-Atmosphäre herankam. Diese ganze Zeit, die mit der neuen Musik über uns hereinbrach, hatte auch Auswirkungen auf uns und so wurden einige meiner Bekannten, Freunde und Mitschüler tatsächlich Musiker aus Leidenschaft, die bis heute wirkt und gründeten erste Bands oder spielten und spielen in solchen bis heute mit.

Ich erinnere an den »VRS VEHICLE REPAIR SHOP, mit Friedemann Blum, Stephan Stumpf, Wolfgang Hörndl und einem Sam auf dein Sax. Die Gruppe absolvierte viele Übungseinheiten in der evangelischen und spielte ein erstes Konzert auf dem Ersten Open-Air-Konzert in Aalen auf dem MTV-Platz. Ich wollte deren Manager sein, brachte aber nichts auf die Reihe :)

Oder an BLUES PILZ mit Siggi Schwab, Karl »Charly« Starz, Dieter Funke und Jörg »Balloo« Funke, die zum 10-jährigen Jubiläum 1978 im DISCO PUB aufspielten. Friedemann Blum spielt heute bei den BANANA SHAKERS und Wolfgang »Wolfi« Dubiel finden wir in Berlin als Bassist beim VINTAGE JAZZ TRIO oder bei den HOT TAMALES.

Unsere alten Herren lassen es sich nicht nehmen, bei jedem Schulzeittreff kräftig aufzuspielen, auch wenn unser alter Musiklehrer Otto Fischer diese Musik nur als störendes Geräusch empfindet und der Szenerie entflieht.

Dieser Bericht wäre ohne die Unterstützung von Hartmut Müller und ganz besonders von Wolfgang Dubiel aus Berlin so nicht möglich gewesen. Wolfgang hat es verstanden, seine Liebe zur Musik auch beruflich umzusetzen.

Originaltext von Wolfgang Dubiel:
1969 in Berlin angekommen, spielte ich sehr bald mit der Gitarre und der BluesHarp auf privaten Partys, Hinterhof-Festen und gelegentlich auf der Straße (auf der Straße allerdings in München – der damaligen Freundin wegen). Als Techniker arbeitete ich dann bei der Firma Neumann (Hersteller der edlen Neumann-Mikrofone). Ich selbst konstruierte bei Neumann Schallplattenschneidmaschinen – CD gab es damals noch nicht. Neumann baute unter anderem auch Mischpultanlagen, und zu dieser Zeit auch eines für die »Beatles - Abbey Road«. Das reizte uns junge Leute in der Firma, eigene Musik auf einem Beatles-Mischpult abzumischen, und wir gründeten eine Firmenband. Einige in der Firma spielten ein Instrument oder mehrere und begleiteten nebenher auch bekannte Stars in Berliner Musikstudios. Es gab dann einen Auftritt in der alten Kongresshalle Berlin (die sogenannte »Schwangere Auster«) im Zusammenhang mit einem Firmenjubiläum (also Privatveranstaltung – aber die Welt war zu Gast). Wir schnitten auch eine LP, die aber nur an Firmenmitarbeiter und enge Freunde verteilt wurde. Dies war 1978 zum 50jährigen Neumann-Firmenjubiläum. Das war auch der Beginn meiner eigenen Bluesgruppe »Hot Tamales«. Bis heute spielen wir jeden Mittwoch zusammen, ausgenommen wegen Ferien und Krankheit. Als Bluesgruppe feiern wir dieses Jahr unser 35jähriges Bestehen. Anfangs spielten wir auch öfters öffentlich, dies tun wir aber nicht mehr. Nur zu unseren eigenen Festen spielen wir vor Publikum. Nach Abschluss meines Ingenieurstudiums und Festanstellung bei Siemens kauften wir 1985, meine Frau und ich, ein Haus zusammen mit einem in Berlin bekannten Jazzmusiker namens »Michael Rothensteiner«.

Im Keller richteten wir ein kleines Studio ein und machten zeitweilig Demoaufnahmen von Berliner Jazzgruppen für Auftritte bei Festivals. Zu dieser Zeit spielte ich noch die Gitarre, die BluesHarp und machte auch Gesang. Dazu kam dann noch Klavier und 1994 der Kontrabass. Mit dem Kontrabass spielte ich öffentlich bei diversen Jazzbands mit. Als Gründungsmitglied einer Gruppe namens »Swingmobil« spielte ich dort eine Weile fest und wechselte dann 2005 zu einem Duo aus dem dann das »Vintage Jazz Trio« wurde. 2009 erschien unsere CD auf dem Markt und seit 2005 spiele ich im Wesentlichen mit »Vintage Jazz Trio« öffentlich. Angesetzt ist mindestens 1 Auftritt pro Monat, aber nicht mehr als 4 Auftritte im Monat. Manchmal haben wir auch sehr bekannte Gastmusiker aus Radio und Fernsehen bei unseren Auftritten dabei. Ich kann sagen, dass es einen verdammt nach vorne bringt, wenn man mit Profis musiziert. Ein Spielabend mit einem Profi ersetzt ein halbes Jahr proben.

Vielen Dank an die beiden und als Hinweis an alle Leser: Ohne Eure Geschichten und Erinnerungen kann es keine Berichte geben.

ACHTUNG: Es werden dringend Geschichten und Fotos zum Thema »Öffentliches Baden in Oberkochen« gesucht.
Wilfried Müller – Email – Mobil 0171 2217 530

Wilfried Müller

 
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