Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 622-1
 

Es war einmal:
Ein Beat Club und ein Jugendclub

Teil 1

Die Musik brauchte Orte, an denen sie gehört und erlebt werden konnte. Da war das kleine Zimmer im Hause der Eltern nicht genug. Wir wollten Musik hören, rauchen, trinken, diskutieren – kurz, die ganze Welt verändern. Da mussten besondere Orte gefunden und erfunden werden.

Wir schreiben das Jahr 1964 und mein Nachbar, eine Art großer Bruder für mich, Wolfgang »Wolff« Dubiel begann eine Feinmechanikerlehre bei Carl Zeiss in Oberkochen. Dort traf er 1965 die Mitlehrlinge Hartmann, Korn und Schellenberg.

Hartmann und Korn waren unter Lebensgefahr über die innerdeutsche Grenze in den Westen geflüchtet. Da sie beide aus dem Raum Jena waren, haben die Behörden die beiden vermutlich bei Carl Zeiss abgegeben. Da die beiden keine Angehörigen im Westen hatten, wurden sie im Jugendheim in der Jenaer Straße 2 untergebracht.

(Bild 1 aus Bericht 195 - Carl Zeiss Jugendwohnheim)

Das war nun ihr neues Zuhause. Und wie man das so zuhause macht, macht man das erst recht in einem neuen Zuhause: Man stöbert in allen Räumen herum und oft wird man fündig und findet spannende Dinge.

So auch dieses Mal. Die beiden fanden einen Raum voller Musikinstrumente wie Vibraphone, Schlagzeug und anderes mehr. Wie zu erfahren war, wurde zur damaligen Zeit von jungen Leuten, die ein Volontariat bei ZEISS machten, Jazz im Keller gespielt – und das anscheinend gar nicht übel. Sogar Klaus Doldinger soll hier mal mit von der Partie gewesen sein.

Aber die neue Zeit und der Geist der 60er brach auch über Oberkochen herein und die Jugend fühlte sich in dem Nachkriegsmief dieser Zeit nicht wohl und begann aufzubegehren und hier boten sich besonders Musik, Kleidung, Sprache und Haare als Ausdrucksmittel des Anders-Sein-Wollens an. Unsere Musik wurde zuhause als Negermusik abgetan, Haaren und Kleidung wurde mit dem bekannten Spruch »Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch strecksch....« begegnet.

Musik, moderne Musik mit stampfendem Beat, nach der wir gierten, konnten wir nur über das Radio (zeitlich sehr eingeschränkt) oder aus den Musikboxen im CAFE MUH, im HIRSCH und im ITALIA hören. Ich erinnere mich noch an eine wundervolle WURLITZER-MUSIKBOX im HIRSCH, die so manchen Groschen aus meinem Geldbeutel verschlang. Aber es war einfach ein tolles Gefühl, den geliebten Song so oft zu hören, wie ich wollte. Es war die Zeit der BEATLES, der ROLLING STONES, und der BYRDS, deren Musik uns in ihren Bann zog. Und da es in Oberkochen für ein Jugendhaus oder eine ähnliche Einrichtung nicht den Hauch einer Chance gab, packten die Jungs von ZEISS an. Frei nach dem Motto der damaligen Jahre: »Nicht viel fragen - machen«, zumal es von der Firma auch kein Geld dafür gab.

Hartmann, Korn und Dubiel nahmen die Dinge in die Hand und gestalteten den Keller um (vermutlich mit den Erlösen aus dem Verkauf der Instrumente, sicher ist das aber nicht). Wolfgang Dubiel und sein Schwager Ulrich Rassel hatten die Aufgabe eine Musikanlage mit Boxen zu bauen, die sie mit viel Herzblut zusammenbauten (Ulrich war allerdings nie im Beat Club, ihm ging es nur ums technische Machen). Der Name BEAT CLUB entstand nach dem Vorbild der gleichnamigen legendären Musiksendung von RADIO BREMEN, die seinerzeit von Manfred Sexauer und Uschi Nerke moderiert wurde.

Im BEAT CLUB v. li. n. re. Wolfgang Dubiel, Rolf Frank, Frank-Heiner Hillje

Die ZEISS-Führung hatte anfangs nichts dagegen, da der Jazz-Keller ja auch keine Probleme mit sich gebracht hatte. Wäre das alles auf kleiner Flamme geblieben, es hätte sich niemand ereifert oder aufgeregt, aber es kam anders. Der BEAT CLUB machte sich in der Szene einen Namen (was sicher etwas mit der Musik zu tun hatte, die dort aufgelegt wurde) und so dauerte es nicht lange, bis die Jungs und Mädels aus Aalen, Heidenheim, Giengen, Schwäbisch Gmünd und sogar aus Stuttgart nach Oberkochen kamen, um im BEAT CLUB Spaß zu haben. Mit dem Erfolg stieg das Verlangen und Hartmann konnte bei ZEISS durchsetzen, dass einmal im Monat am Samstag der ZEISS-Speisesaal für den BEAT CLUB öffnete und ganz wie beim Original im Fernsehen spielten auch hier teilweise Live-Bands auf.

Die Begleitumstände führten aber dazu, dass es in der Oberkochener Bevölkerung zu gären begann. Es kamen junge Leute in ungewohntem Outfit, die auf dem Weg vom Bahnhof zum ZEISS zu bewundern waren oder mit ihren Mopeds einen ordentlichen Krach veranstalteten. Auch wandelte er sich von einer gemeinnützigen Veranstaltung zu einem privaten BEAT CLUB. Über die Geldströme, die seinerzeit irgendwohin flossen, gibt es heute nur Vermutungen – aber sie versandeten offensichtlich in Taschen außerhalb von ZEISS.

Da traf nun die damalige Gemengelage auf die konservative Geisteshaltung eines Großteils der Gemeinde. Die politische CDU-Strömung und der enorm starke Einfluss der Kirche (besonders der katholischen unter Pfarrer Forster) taten das übrige und so war es nicht verwunderlich, dass auf Druck der Bevölkerung, der Gemeinderat sich mit dem Thema beschäftigte (Auch die alte »Senza« aus der Aalener Straße 2 zeigte den Jungs mal, dass man einen Putzlappen auch anders einsetzen konnte, um ihr Missfallen gegenüber den Krachmachern zu verdeutlichen).

Bevor es allerdings zu einer Entscheidung kam, wurde eine Sitzung mit Gemeinderatsmitgliedern, den beiden Pfarrern der Gemeinde und ausgewählten Jugendlichen aus Alt-Oberkochener Familien abgehalten (wie das halt so war, so hatten diese Jugendlichen als Angehörte mit dem Beat Club sicher nichts zu tun und dienten wohl nur als Alibi, um eine moderne Haltung vorzugaukeln). Der Gemeinderat übte wohl Druck auf die Firma ZEISS aus, dass sie ihre Jugendlichen nicht im Griff hätte und so wurde noch ein Grund benötigt und gefunden, um das Projekt zu beerdigen – »Es ginge im Club unzüchtig zu, die Putzfrau habe ein Präservativ gefunden«. Sodom und Gomorra waren nicht in Nahost, sondern mitten unter uns.

Im Grunde ist es wie so oft gelaufen. Projekte mit Selbstverwaltung laufen aus verschiedenen Gründen oft schief, da sie den Entscheidern manchmal ein Dorn im Auge sind und Gründe und Beweise lassen sich dann schon finden. Danach entstehen dann weichgespülte Projekte, die man gerne vorzeigt, die den Interessen der Gründer aber oft nicht mehr entsprechen. Das war sicher auch ein Grund, warum einige damals von Oberkochen weggegangen sind – das Tal war in dieser Zeit einfach zu eng und das nicht nur geographisch.

Von li nach re: NN, Wolfgang Kießlich (verst.), Hartmut Müller, NN, Jürgen Becker (verst.), NN, Sigurd Bank

ZEISS musste jetzt handeln, wollte das Projekt aber nicht gänzlich beerdigen und so wurde Hartmut Müller seitens ZEISS beauftragt, einen Jugendclub zu errichten. Einen Jugendclub, der mehr sein sollte als ein Treffpunkt zum Musikhören und zum Tanzen. Hartmut war sich wohl bewusst, dass der Club seine Ziele nur erreichen konnte, wenn er sich öffnete, denn das Interesse und die Mitarbeit bei den BEAT CLUB-Jugendlichen war direkt nach Schließung des BEAT CLUBS an der neuen Art nicht so sehr ausgeprägt und es bedurfte reichlich Engagement seitens Hartmut Müller und so war der Jugendclub dann doch zeitweise sehr Gymmi-lastig (so bin auch ich letztendlich im Club gelandet).

Ich zitiere jetzt Originaltexte aus der damaligen Zeit. (Wolfgang Braun schrieb seinerzeit in einem Rückblick 1969).

»Im Oktober 1967 fand sich die ZEISS-Jugend zum ersten Mal im Jugendclub zusammen. Mit diesem Schritt sollte der Weg zu einer neuen Tradition und Aufgabe getan werden. Im raschen Laufe der Zeit erreichte die Mitgliederzahl des Jugendclubs bald ihre obere Grenze. Immer mehr junge Leute bewarben sich um die Mitgliedschaft und nahmen an den Veranstaltungen teil. Schon bald wurde die erste Bilanz gezogen: die Habenseite war »ausgebucht«. Mit der Gründung des Jugendclubs wurde eine neuartige Entwicklung mit harmonischer Verbindung geschaffen: Der Gemeinschafts-Abend und der Kultur-Nachmittag. Beides fein aufeinander abgestimmt. Referenten und Diskussionspartner ebenso wie Mitglieder konnten bald das Gelingen des Experiments bestätigen. Ab März 1968 erschien monatlich ein fest umrissenes Programm. Die Club-Abende und Kulturveranstaltungen erhielten immer deutlicher einen gewissen Glanz, umrahmt von Wanderungen, Fahrten, Fest- und Spielveranstaltungen.

Auch verdienten sich einige von uns ihre ersten Meriten an der Gitarre wie z.B. unser Huga-Paule sowie Porzig's Tine und Straube's Regina

Zurückblickend mag der Jugendclub sogar als Wegbereiter erscheinen, denn bald folgte ihm die Gründung eines anderen Clubs in Oberkochen und dem von der Jugendvertretung beschlossenen außerordentlichen Gartenfest (in Verbindung mit den Naturfreunden) von anderer Seite ebenfalls ein außerordentliches Gartenfest.

Gleichzeitig ebnete die Jugendvertretung den Weg zu überkonventionellen Gesprächsrunden. Erinnert sei zum Beispiel an die Diskussion mit Vertretern der beiden Konfessionen. Unsere objektive Bilanz betrifft den Zeitraum von 1967 bis 1969, in welchem eine äußerst hohe Zahl von Veranstaltungen verzeichnet werden konnte. Dieser Erfolg bescheinigt nachträglich die Berechtigung eines laut gewordenen und in die Tat umgesetzten Gedankens: Auf diesem Weg sei dem Gedankenträger und Gründer ein Dank ausgesprochen. Die Bilanz zeigt ein gelungenes Werk und gleichzeitig den Segen einer Autorität auf, die mit Idealismus und Realismus gepaart war. Möge das Erreichte erhalten bleiben. Mit Zustimmung des Jugendclubs.«

(Hartmut Müller schrieb seinerzeit in einem Rückblick 1969).

»Sinn und Zweck eines Jugendclubs. Wenn sich in einem Kreis junge Menschen treffen, so muss es doch dafür einen guten Grund geben. Dieser Grund heißt bei uns: Gemeinschaft. Dank unserer Firma Carl Zeiss können junge Werksangehörige in einem aufgeschlossenen, fröhlich freien Kreis ihre Gedanken austauschen, den anderen näher kennenlernen und sich selbst entdecken! In diesem Kreis kann jeder seine Talente entwickeln und vervollkommnen. Ist es nicht eine fruchtbare und erfüllende Aufgabe, Abende und Nachmittage mitzugestalten, die eigene persönliche Note hinzuzufügen und an dem Erfolg mitbeteiligt zu sein? Da wo das Vergnügen mit dem geistigen Arrangement harmonisiert, ist eine glückliche Verbindung geschaffen. Mag »unser« Jugendclub auch zur durchdachten und fruchtbaren(!) Kritik anreizen, dann ist der Sinn eines Jugendclubs erfüllt.

In diesen 3 bewegten Jahren waren folgende Personen besonders aktiv (in alphabetischer Reihenfolge):

S. Bank, J. Becker (verstorben), W. Braun, D. Dorn, W. Kieslich (verstorben), M. Minsch, H. Müller, R. Kruse, J. Tuente, R. Zinser

Von li nach re: NN, Jürgen Becker, NN, Wilfried Müller, NN; Edeltraut Schüler

(Fortsetzung folgt)

Wilfried Müller

 
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