Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 620
 

Was haben Bremen, Aalen und Oberkochen miteinander zu tun?

Diese ausgefallene Frage beschäftigte mich während der letzten Wochen, – seit mich eine in Bremen gebürtige Oberkochenerin vor ein ungelöstes Problem stellte:

Da ich ja vom Heimatverein sei, wisse ich die Antwort auf ihre Frage ja wohl sicher, – oder könne, falls nicht, zumindest die Lösung zu dieser Frage beibringen:

Die Frage:
Wie kommt es, dass sich ausgerechnet in Aalen an der Außenfront des Reichsstädter Markts ein sich gegen den Platz gewandtes und sich über zwei Stockwerke erstreckendes metallenes Kunstwerk zum Thema »Die Bremer Stadtmusikanten« befindet?

Ehrlicherweise räumte ich ein, dass mir von der Existenz dieses Kunstwerks rein gar nichts bekannt sei, was ich damit zu entschuldigen versuchte, dass ich einerseits ja den Heimatverein von Oberkochen und nicht den von Aalen oder gar den von Bremen vertrete, und andererseits als jahrzehntelanges Familienoberhaupt von vier weiblichen Wesen mit dem Einkaufen razzfazz gar nichts zu tun gehabt habe, und deshalb eigentlich so gut wie nie auf den Reichsstädter Markt nach Aalen komme. Teil 1 meiner Ausrede wurde akzeptiert, Teil 2 milde belächelt mit dem Ergebnis, dass obige Frage erneut an mich gerichtet wurde, mit der Bitte, ob ich mich vielleicht dennoch um eine Antwort kümmern würde?

Da mir die irgendwie doch spannende Frage geraume Zeit lösungslos blieb, wandte ich mich anfangs Juni mit dem folgenden Schreiben an das Kulturamt der Stadt Aalen. Ich ging schachspielmäßig davon aus, dass das Kulturamt der Stadt Aalen den möglichen Makel, diese Frage nicht beantworten zu können, sich nicht leisten können würde. Notfalls würde man dort die richtigen Weichen stellen, so lange, bis die gewünschte Antwort auf dem Tisch läge.

Jedenfalls hätte man hier in Oberkochen so gehandelt. Hier der Brief:

An das Kulturamt der Stadt Aalen
Sehr geehrte Damen und Herren !

Als Ehrenvorsitzender des Oberkochener Heimatvereins, den ich 1987 gegründet habe, werde ich seit geraumer Zeit, – obwohl inhaltlich echt sehr peripher und quasi nur im »studium generale« davon betroffen, – von einer in Oberkochen ansässigen gebürtigen Bremerin nachdrücklich mit der Frage konfrontiert, was die »Bremer Stadtmusikanten« ausgerechnet auf dem per Foto in dieses Schreiben eingefügten Aalener Gebäude »Reichsstädter Markt - Müller« zu suchen haben.

Klartext:
Von wem ist diese Drahtplastik, oder in wessen Auftrag, wann und aus welchem Grund ist jene just an diesem Aalener Gebäude angebracht worden?

Nachdem selbst mein verehrter Bruder im hohen Amte des Ehrenelferrats der Oberkochener Narrenzunft »Schlaggawäscher«, der Aalener Historien- und Histörchenprofessor Prof. Dr. Eugen Hafner, wie er mir telefonisch auf meine schriftliche Anfrage mitteilte, trotz seines enormen Wissens um die Aalener Geschichte und Geschichten und vor allem trotz persönlicher Nachfrage in der Umgebung dieses ominösen Wandschmucks (Kunst am Bau) das Kunstwerk nicht einmal entdecken, noch viel weniger etwas zu seiner Geschichte herausfinden konnte, sehe ich mich, um dem heimatkundlichen Adel meines hiesigen Amtes halbwegs gerecht zu werden, gezwungen, mich mit der Bitte um Aufklärung an das Kulturamt der Stadt Aalen zu wenden.

Die uns persönlich bekannte Oberkochener Bremerin verbringt zunehmend schlaflose Nächte, da ihr bislang niemand in Aalen in dieser in unmittelbarem Zusammenhang mit der Geschichte ihrer Heimatstadt Bremen stehenden und bislang ungelösten Frage, die auf Schwäbisch ganz einfach lautet: »Wie kommt der Spinat aufs Dach?« weiterhelfen konnte.

In der Hoffnung, keine Fehlbitte getan zu haben, verbleibe ich Ihr Dietrich Bantel, Ehrenbürger der Stadt Oberkochen.

Vom Kulturamt der Stadt Aalen erhielt ich prompt noch am 4.6.13 von Frau Karin Haisch folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr Bantel,
leider ist mir auch nicht bekannt, von wem das Bild stammt. Ich habe Ihre Anfrage weitergeleitet, vielleicht können Ihnen Dr. Schurig oder Frau Euteneier (Stadtarchiv Aalen) weiterhelfen. – Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen konnte. Viele herzliche Grüße, Karin Haisch - Schul-, Sport- und Kulturamt der Stadt Aalen

Ebenfalls noch am selben Tag, dem 4.6.13, erhielt ich von Herrn Stadtarchivar Dr. Roland Schurig persönlich eine ausführliche Antwort auf meine Frage.
Hier das Schreiben:

Grüß Gott Herr Bantel,
gerne helf ich Ihnen in der fraglichen Angelegenheit weiter. Die Drahtplastik »Bremer Stadtmusikanten« zierte ab 1959 die westliche Giebelseite der Gartenschule. Das alte Knabenschulgebäude wurde in diesem Jahr grundlegend renoviert. Auch die »Kunst am Bau« sollte nicht zu kurz kommen. So wurden die beiden Aalener Künstler Hägele und Wanner aufgefordert, Entwürfe für ein Kunstwerk einzureichen, das die Fassade schmücken sollte. Der Vorschlag von Ernst Wanner, das Märchenmotiv »Bremer Stadtmusikanten« fand den besonderen Gefallen des Stadtbauamtes. Es empfahl dem Gemeinderat, der sogenannten Drahtplastik den Zuschlag zu erteilen. Weshalb Wanner dieses Motiv einreichte, ist nicht bekannt. Die Verbindung von Grundschule und Märchenthema ist allerdings zum damaligen Zeitpunkt so abwegig nicht.

Nach dem Bau der heute noch bestehenden Greutschule wurde die Gartenschule 1980 abgebrochen. Die Plastik blieb jedoch erhalten und wurde an der Fassade des kurz darauf errichteten Einkaufszentrums »Reichsstädter Markt« angebracht. Sie sollte an den Standort des alten Schulhauses erinnern. Dreißig Jahre später mag dies wohl nicht mehr so ganz gelingen (siehe vorne).

In der Hoffung, zur Wiederfindung der Nachtruhe Ihrer geschätzten Bekannten einen kleinen aber doch wesentlichen Beitrag geleistet zu haben bin ich mit herzlichen Grüßen Ihr Dr. Schurig.

Anmerkung: Der Gedanke, dass dieser interkommunale Austausch auf kultureller Ebene zwischen Aalen und Oberkochen unter virtueller Miteinbeziehung Bremens durch eine Oberkochener Bürgerin initiiert wurde, besticht - - - man muss sich ja nicht immer gleich auf der allerobersten Ebene austauschen.

Gemeinsamkeit war schon immer ein guter Weg. Und »Gemeinsamkeit« scheint mir auch in dem Grimm'-schen Märchenmotiv der Bremer Stadtmusikanten zu stecken. Mehr noch: »Gemeinsamkeit macht stark und erfolgreich«. Dieses Motiv passt unter den Vorzeichen des Stichworts »Inklusion« in unsere derzeitige moderne Schullandschaft, wo dem Stichwort »Inklusion« immer mehr Bedeutung geschenkt wird.

Und die Moral von der Geschicht:
Es ist gleichgültig, wer die Räuber und Konsorten fertig macht. Entscheidend ist, dass das Pack durch

1. die störrische Unnachgiebigkeit und Ausdauer des Esels
2. die Wachsamkeit und die Verteidigungsbereitschaft des Hundes
3. die unerwartete schusswaffenlose Angriffslust der Katze
4. den anfeuernden, den Räubern schreckeinflößenden Schlachtruf des Hahns

in einer konzertierten gemeinsamen Aktion in die Flucht geschlagen und unschädlich gemacht werden.

Dietrich Bantel

 
Übersicht

[Home]