Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 62
 

Weshalb die »Heide« und nicht der »Rodstein« bebaut wurde

Anläßlich eines Gesprächs mit »Altstadtbaumeister« Helmut Kranz erfuhr ich nebenbei folgende höchst ergötzliche Geschichte:

In der ersten Hälfte der Sechziger-Jahre überlegten sich Gemeinderat und Gemeindeverwaltung, wo auf Oberkochener Gemarkung ein größeres Baugebiet erschlossen werden könne.

Im Tal dachte man damals schon an das »Spitztal«, für das es einen inzwischen völlig vergessenen sogenannten »Schubladenplan« gibt, - genaugenommen einen recht detaillierten Bebauungsplanentwurf, dessen Verwirklichung letztlich daran scheiterte, daß die Gemeinde, die im »Spitztal« keinen eigenen Grundbesitz aufweisen konnte, nicht bereit war, die geforderten stattlichen Grundstückspreise zu bezahlen, und man sich aus diesem und auch noch anderen Gründen dazu entschloß, sich außerhalb »Etters«, wie man gelegentlich heute noch sagt, (»Etter« bedeutet auf mittelhochdeutsch »Zaun«, und zwar einen Zaun, der das Dorf als geschlossene Siedlung von der offenen zum Dorf gehörenden Flur abgrenzte), nach einem anderen vor allem preisgünstigeren Baugrund umzusehen.

Hierbei fielen in die engere Wahl die Ebene hinter dem »Rodstein« und die »Heide«. Der Rodstein hatte den Nachteil, daß der Erschließungsweg umständlicher und vor allem länger gewesen wäre, - aber auch den, daß der Besitzer Vater Staat war und ist. Dennoch liebäugelte man eine zeitlang mit dem Gedanken eines Oberkochener Satelliten auf dem Rodstein - sogar das Stichwort »Seilbahn« fiel damals in der Diskussion.

Gegen den Gedanken einer Rodsteinbebauung wandte sich vehement das Staatliche Forstamt, in Oberkochen seinerzeit vertreten durch Herrn Oberforstrat Pfitzenmayer.

Ungeachtet der von dieser Seite vorgebrachten Bedenken begab sich eines Tages eine Abordnung von Vertretern des Regierungspräsidiums, der Gemeindeverwaltung, der Carl-Zeiss-Wohnungsbau sowie der Architekten Bayer und Erdle zu einem Lokaltermin hinauf in die luftigen Höhen des Rodsteins. Natürlich per Automobil. Man nahm die Gegebenheiten in kritischen Augenschein und fuhr zum Abschluß selbstverständlich auch noch ganz nach vorne hin zum Rodstein, um den wundervollen Blick aufs Dorf von oben zu genießen, und, um sich vorzustellen, wie es wäre, wenn man an diesem Orte eines Tages im kombinierten Seilbahnbahnhof-mit-Höhencafe-Rodstein säße, fast wie auf dem Fernsehturm, nur eben noch viel schöner . . . Nach ausführlichem Genuß stieg man in die bereitstehenden Automobile und wollte hinab ins Dorf fahren zur wohlverdienten Nachsitzung in einer der zahlreichen gastlichen Stätten.

Laut dem damals zuständigen Revierförster, Forstamtmann i.R. Betzler, hat sich die Sache, wie sich auch Herr Kranz, damals Ortsbaumeister, erinnert, folgendermaßen abgespielt:

Die auf dem Rodstein versammelten Herren waren mit etlichen Autos dorthin gefahren. Zuvor bedurfte es, da der Bürgermeister dabei war, keiner Fahrgenehmigung durch das Forstamt, jedoch hätte der damalige Forstamtsleiter, Oberforstrat Pfitzenmayer, dennoch erwartet, daß man sich anmeldet, ehe man die Waldwege befährt. Durch Zufall (?) (auch damals geschahen schon Zeichen und Wunder) waren an diesem Tag Herr Pfitzenmayer mit seinen damaligen Forstassessor, Herrn Röhm, bei einer Waldbegehung in der Nähe des Rodsteins und »bemerkten« natürlich die geparkte Fahrzeugkolonne am Ende des Fahrwegs zum Rodstein ... .

Jedenfalls tauchten vor den zurückfahrenden Fahrzeugen nach nur guten 50 Metern plötzlich, urplötzlich, auf dem Sträßchen, das man kurz zuvor gekommen war, unbehelligt, mitten drin, ganze Berge, - es sollen 3 Meter gewesen sein, - von aufgeschichteten schweren Meterholzstämmen auf, die innerhalb kürzester Zeit von Geisterhand dorthin verfrachtet worden sein mußten. Es gab keinen anderen Weg zurück zur Menschheit ins Tal, als die Autos zu verlassen und im Schweiße des Angesichts mit eigener Hände Fleiß das außergewöhnliche Hindernis aus dem Wege zu räumen . . . .

Eigenhändig hatten auch, - so kam es später dann heraus, - die beiden Forstbeamten diese Wegsperre in Form eines wild aufgeschichteten Holzhaufens aufgebaut, um

1) gegen die unbotmäßige Befahrung der Waldwege energisch zu protestieren (da nicht angemeldet)
2) im Hinblick auf eine mögliche Besiedelung auf dem »Kammerbüchle«. (Name des Waldabteils im dortigen Waldgebiet beim Rodstein) ebenfalls von vorneherein die vehemente Opposition des Staatlichen Forstamtes anzukündigen.

Die 7 Herren, die zu dieser schweißtreibenden Fleißaufgabe verdonnert waren, aus heiterem Himmel, und, wie man sieht, ganz und gar nicht auf Waldarbeit eingestellt, was die Kleidung betrifft, - die 7 Herren auf dem historischen Foto aus dem Besitze von Herrn Kranz, sind, von links nach rechts:

der verstorbene Bürgermeister Bosch
Baudirektor Schips vom Regierungspräsidium Nordwürttemberg
Herr Tümmler von der Carl-Zeiss-Wohnungsbau
Herr Bauingenieur Eismann von der Carl-Zeiss-Wohnungsbau
Architekt Bayer, Schwäbisch Gmünd
der damalige Ortsbaumeister Kranz
Architekt Erdle, Stuttgart.

Das Foto wurde vermutlich von einem weiteren Begleiter, wahrscheinlich einem Herrn von der CZ-Wohnungsbau, im Jahre 1961 gemacht.

Im Tal sind hervorragend die neuen Blöcke entlang der Schillerstraße, der Walther-Bauersfeld-Straße und des Gerhart-Hauptmann-Weges zu erkennen. Bürgermeister-Bosch-Straße (vormals Goethestraße) und Tiersteinweg sind noch weitgehend unbebaut, vom Wolfertstale ganz zu schweigen. Ganz rechts im Foto angeschnitten kann man den Rohbau des Gymnasiums erkennen.

Nun ist die Aktion Pfitzenmayer sicher nicht der einzige Grund, weshalb man dann tatsächlich Abstand nahm von einer Bebauung des »Rodsteins«, - aber sicherlich mit einer der Gründe. Es wäre doch nicht ratsam gewesen, ein Gelände zu erschließen, wenn damit zu rechnen war, daß allmorgendlich von Geisterhand in den Weg gezauberte Hindernisse hätten aus dem Weg geräumt wer den müssen, wenn die Rodsteinbewohner zur Arbeit fahren würden.

So blieb der »Rodstein« eines unserer schönen unberührten Wanderziele in näherer Umgebung, - und man entschloß sich für die etwas näher liegende und vor allem gemeindeeigene »Heide«.

Im Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« vom 18.12.1964 ist im diesbezüglichen Sitzungsbericht nachzulesen: . . .»Bürgermeister Bosch begründete dann warum er dem Gemeinderat den Vorschlag unterbreiten möchte, die »Heide« zu bebauen.

1. stehe sie im Eigentum der Gemeinde;
2. sei die äußere Erschließung billiger als die auf dem Rodstein;
3. liege die »Heide« 655 bis 675 m über dem Meeresspiegel, der Rodstein dagegen 700 - 710 m;
4. stehe eine Siedlung auf der »Heide« in einer engeren Verbindung zu der Muttergemeinde als eine Siedlung auf dem Rodstein, da die Bahnlinie und die Umgehungsstraße eine optische und kommunalpolitische Trennung schaffen würden. Auf dem Rodstein bestünde die Gefahr der Entwicklung einer Art Einöd-Siedlung, während derjenige, der auf der »Heide« einmal wohnt, auf Schritt und Tritt spüren werde, daß er zu der Gemeinde Oberkochen gehört.

Zu dem da und dort gemachten Einwand, mit einer Siedlung auf dem Rodstein könne man das Härtsfeld anbinden, erklärte Bürgermeister Bosch, daß der unmittelbare Anschluß des Härtsfeldes an Oberkochen nach wie vor erwünscht sei, daß man sich jedoch eine nennenswerte Einsparung beim Straßenbau nicht versprochen hätte. Die Gemeinde könne die Landesplanung nur bitten, daß sie sich im Landesentwicklungsplan für eine Verbindungsstraße zum Härtsfeld ebenso einsetze wie auch für eine Verbindungsstraße nach Essingen.«

Es war die Zeit der fast unbegrenzten Planungen. Im Rahmen der vielerlei Reformen, - Verwaltungsreform, Gebietsreform, Regionalplanung, - blieb Oberkochen übrigens zuletzt als einzige Stadt das, was sie war: unabhängig und niemandem verpflichtet, - »solo integer«, - wie Bürgermeister Bosch seinerzeit formulierte, »als einzige ohne Makel, unversehrt«. Wie sich in der Folgezeit zeigte: zum Vorteil der Stadt.

Die Knüppel des Forstrats Pfitzenmayer haben mit dazu beigetragen.

Dietrich Bantel

 
 
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