Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 619
 

Einst im Mai…
Valeria und Luitgard

Bilder aus dem Dorf. – Ehe der Mai zu Ende ist, müssen in unserer heimatkundlichen Berichterstattung endlich einmal wieder zwei Alt-Oberkochenerinnen zu Wort kommen. Den ersten Bericht mit der Überschrift »Valeria« erhielt ich schon vor mehr als 2 Jahren von Luitgard Hügle, geb. Grupp – seit über 50 Jahren in Italien lebend. Den zweiten mit der Überschrift »Luitgard« erhielt ich anfangs dieses Jahres von Valeria Franz, geb. Burghard, Oberkochen – gewissermaßen als Ergänzung zum ersten Bericht. – Manche Namen wurden eingefügt, manche blieben weg; denn es trifft echt zu: All diejenigen, die diese beiden Berichte interessieren, wissen eh, von wem die Rede ist, – und den anderen ist es egal – Sollten letztere an den Namen wirklich interessiert sein, so werden sie mit Sicherheit Mittel und Wege finden, um das Notwendige zu erfahren.

Dietrich Bantel

»Valeria« – von Luitgard Hügle

Mit 14 Jahren kommt man aus der Schule – für die meisten Kinder aus unserem Dorf war die 8. Volksschulklasse die letzte, bevor der »Ernst des Lebens« begann. Manche begannen eine Lehre, andere gingen gleich als Hilfskräfte in die Fabrik. Valeria kam als Haushaltshilfe zu uns. Ich war damals 10 Jahre alt und freute mich, sozusagen, eine ältere Schwester zu bekommen. Valeria war lustig, sie sang bei der Arbeit. Wenn sie abwusch, gab sie mir das Geschirrtuch in die Hand und begann zu erzählen. Ihre beste Freundin war die Lisbeth, aber da waren noch die Marlies, die Lissy und die Liddy. Und die Buben aus ihrer Klasse. Den Lehrer hatten sie manches Mal geärgert, dem Herrn Pfarrer (Hager) hatten sie sogar mal einen Schnuller am Rücken an den Rock geheftet und er verstand lange nicht, warum alle so freundlich lachten und schmunzelten.

Wenn der Abwasch fertig war, schlug sie den Teppich ein, und ich setzte mich auf den Tisch, während Valeria den Boden wischte und erzählte: Gestern Abend war ich im Kino, es gab »Bitterer Reis« mit Anna Magnani. Valeria berichtete den ganzen Filmverlauf. Es roch nach Putzmittel, – ich aber sah mich mit den wunderschönen Film-Mädchen im kalten Wasser stehen und die kleinen Pflänzchen in den Schlamm drücken. Barfuß, mit hochgekrempelten Hosen und mit einem Tuch auf dem Kopf singen sie italienische Lieder und werden doch ausgeschimpft. Nach der Arbeit treffen wir uns in den Schlafsälen, sind lustig und vergessen die Mühen des Tages. Ich war auf einmal schon ganz groß und gehörte dazu.

Am Abend ging ich mit Valeria Milch holen. Wir nahmen die Milchkanne und gingen zur »Molke«, der Sammelstelle. Der Weg führt vorbei am »Draiher« (Draiher = »Dreher«, ist der Hausname von Josef Wingert, dem späteren Amtsboten. Der Name »Draiher« bezieht sich auf »Dreher« an der großen Drehbank in seiner Werkstatt. DB), der bei offener Tür in seiner Werkstatt saß und Kleingeräte für die Bauern herstellte und Stühle reparierte. Im nächsten Haus, dem »Hugaschreiner« saßen in der oberen Stube die Schreinerin und ihre Töchter beim Stricken. Die Fenster gingen zum Kocher hin, der dicht am Haus vorbei fließt. Das wusste ich; auch für mich hatten sie schon gestrickt.

»Die Molke«. Das Gebäude steht noch heute.

 

Dieses Foto vom Haus des Schusters Trittier zeigt eine längst dem Bulldozzer zum Opfer gefallene etwas versteckte Idylle, ganz in der Nähe der »Molke«.

Wir überquerten die Kocherbrücke und waren im Hof der Milchsammelstelle. Auf der einen Seite brachten die Bauern ihre Riesenkannen voll Milch, die der Molker vom oberen Stock in die Anlage leerte. Vom unteren Raum aus konnten wir sehen, wie die Milch über viele Metallrollen nach Unten lief und aufbereitet in die Kannen der Käufer gefüllt wurde. Die Frau des Molkers Gold oder ihre Tochter Maria saßen hinter einem Schalter mit Schiebefenster und kassierten den Milchpreis. Wenn man aus dem gekachelten Raum raus kam, standen im Hof immer Leute rum und ein Gespräch kam schnell in Gang – oder ein Scherz erheiterte alle. Valeria zumindest traf sicher den einen oder anderen Schulkameraden. Einer, Adolf (Hausmann), zeigte mir, wie man die Milchkanne hoch seitlich am Kopf vorbei schwenkt, ohne dass auch nur ein Tropfen Milch verloren geht.

Wir machten uns auf den Heimweg. Zuerst das Gässle hinauf zur Hauptstraße. Links wohnte der Grazer (Grazer = Familienname. Auch »Kratzer«. Angeblich, aber nicht belegt, nach dem 30-jährigen Krieg aus »Graz« eingewandert) ein kleiner Mann und seine Frau mit tiefschwarzen Haaren und einem Knoten. Sie werkelten im Stall bei den Kühen oder »hinten raus«, wo bis runter zum Kocher viel Gerümpel stand: Sachen eben, die man nicht mehr brauchte – aber wer weiß, für was noch gut sein können.

Auf der anderen Seite der Straße war rechts das »Rössle«. Die Wirtin (Maier) hatte alles im Blick, was sich auf der Straße und überhaupt »im Dorf« bewegte. Sie passte auch auf die Kinder auf, und mich hat sie einmal sehr ausgeschimpft, als ich unvorsichtig über die Straße gerannt war und auf der Kühlerhaube eines der damals noch seltenen Autos gelandet bin.

Das »Rössle« stand Ecke Heidenheimer Straße und Dreißentalstraße an der Stelle, wo heute die Kochertal-Apotheke steht.

Auf der linken Seite kam nach dem Uhl ein Haus, dessen Bewohner am Abend immer aus dem Fenster schauten – ein Kissen auf dem Sims und darauf die Arme gestützt. Auch ihnen entging nichts von allem, was am Abend los war. Danach kam das Bauernhaus vom Georg Jooß. Käthe, meine Schulkameradin, war aus dieser Familie und so war ich einige Male mit ihr in der Küche und im Stall gewesen.

Gegenüber gab es noch nicht lange, seit Anfang der 50er, den Fleury, bzw. die Niederlassung seiner Konditorei. Was gab es dort für leckere Sachen! Besonders Mohrenköpfe hatten es mir angetan.

Valeria half mir auch, ein Kostüm für das Kinderfest 1951 zu machen. Wir sollten alle Blumen darstellen und so schnitten Valeria und ich große Blumenblätter aus Krepp-Papier und machten ein Röckchen daraus.

Kinderfestzug 1951 vor dem Haus von Landwirt »Weber«.

Damals ging man beim Kinderfest vom Schulhaus (Dreißentalstraße) zu Fuß in Reih und Glied, eine Klasse nach der anderen, zum Sportplatz, seinerzeit im »Spitztal« beim Segelfliegerhäusle. Dort wurden Spiele gemacht und man bekam einen Wecken und etwas zum Trinken. Es gab einen Klettermasten und meistens kam auch ein Eisverkäufer. Das Eis war rechteckig am Stiel, Schokolade und Vanille, und kostete 20 Pfennige. Das Eis war in einem Karton, aus dem es herausdampfte, wenn er aufgemacht wurde. Am Sonntag war Skispringen in Unterkochen. Natürlich gingen wir da hin, auch Valeria. Ich traf sie, als sie mit ihren Freundinnen untergehakt unten beim Auslauf der Schanze stand. Bist du auch gekommen –, mit dem Zug, oder zu Fuß, fragte sie mich. Ja, Ausflüge machten wir zu dieser Zeit vor allem zu Fuß oder mit dem Fahrrad, im Winter per Schi. Gerne hätte ich mal einen Ausflug mit Valeria gemacht, aber schon bald ist sie woanders hingegangen.

Luitgard Hügle

»Luitgard« – von Valeria Franz

Mit 14 Jahren kam ich aus der Schule. Ich selbst durfte keinen Beruf erlernen und kam somit zu der Familie Grupp (Gruppa-Paul, Schuhgrupp) »in Stellung«, wie man damals so sagte.

Im Haushalt waren, neben den Eltern, 3 Kinder. Luitgard war ein liebes, gescheites und auch ein sehr wissbegieriges Mädchen. Meine Welt war damals das Kino. Alle Filme, die ich sah, musste ich danach Luitgard im Detail genau erzählen. »Was für ein Buch liest du gerade?« Antwort: »Ludwig Ganghofer«. Oder auch etwas anderes. Schon sahen und hörten wir nichts anderes mehr, steckten unsere Köpfe zusammen und erzählten, erzählten...

Herbert (Hättere) war ein liebenswerter Lausbub, der manchen Streich spielte. Wurde ich gefragt, was er wieder angestellt hat, war meine Antwort immer »Ich weiß von nichts«.

Paul, oder auch Paule, war ein zartes und auch sehr liebes Kleinkind. Ich musste mit ihm einmal zum Impfen gehen. Er weinte sehr, worauf ich noch mehr weinen musste. Schluchzend kamen wir beide nach Hause. Ich wurde deswegen natürlich ausgelacht.

Wir alle vertrugen uns untereinander sehr gut, außer der Gockel (Hahn) vom Hühnerstall, der mich, wenn ich im Garten war, immer anfiel. Mit der Bohnenstange, die ich immer zur Abwehr dabei hatte, traf ich ihn versehentlich am Kopf. Er lag leblos am Boden, als Herr Grupp dazukam. »Jetz isch'r hee? meinte Paul Grupp. Jedoch der Gockel hatte sich schnell wieder erholt und trieb somit sein Spielchen mit mir weiter.

Von der Familie Grupp wechselte ich danach zu der Familie Fritz Leitz.

Valeria Franz

 
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