Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 618
 

Wildsau im Kinderfest-Festzug

Frischling vom 1. Mai 1950

Unsere wiederholten Berichte vom Kinderfest sowie die beiden Filmabende, bei denen das Kinderfest von einst im Mittelpunkt stand, also das Kinderfest in seiner ausgestorbenen Art auf »dem Berg«, haben bei unseren Lesern zu einer ganzen Reihe von zum Teil sehr ergötzlichen Erinnerungen und Berichten geführt. Nachdem die Hauptfigur eines aktuellen Leserechos, eine am 1. Mai genau vor 63 Jahren als Frischling gefangene Wildsau ist, die dann vor etwas mehr als 60 Jahren im Kinderfestzug in Oberkochen mitmarschiert ist, und nachdem die Wildschweine gerade in diesem Jahr 2013 zum Ärger der Landwirte besonders zerstörerisch auf unserer Gemarkung zugange waren und wüteten, möchten wir den Bericht von der »Wildsau im Kinderfest-Festzug« an dieser Stelle weitergeben.

Frau Esther Englert schrieb uns bereits im Februar dieses Jahres:

»... Immer wieder gern lese ich Berichte von Alt-Oberkochen in »Bürger und Gemeinde« unter dem BuG-Vereinssymbol »Heimatverein«, – so wie neulich über die Gebrüder Hahn und letzte Woche Ihren Bericht über das »Kinderfest auf dem Berg«. Bei 4 Kindern, die ihre Kinderfeste auf dem Berg erlebt haben, ist mir vieles in Erinnerung und durch Ihren Bericht manches wieder in Erinnerung gekommen. Ob meine jüngste Tochter auch noch alle Kinderfeste dort oben erlebt hat, weiß ich nicht. Ich konnte es auch noch nicht in Erfahrung bringen.

Ich fand es immer schön, dass auch die meisten Väter den Abschluss und den Heimweg von dort oben mit den Kindern gegangen sind. Im Gegensatz zu den Festen, die dann aus irgendeinem besonderen Anlass mit Festzelt am Sportplatz stattfanden, wie z.B. bei der Stadterhebung.

Ein besonderes Erlebnis ist mir auch nun wieder eingefallen. Als unser Sohn Rolf 4 Jahre alt war – ich war im 6. Monat mit dem 4. Kind schwanger, war er auf einmal unter all den vielen Kindern von der Festwiese verschwunden. Familie, Verwandtschaft, Freunde und Nachbarn halfen beim Suchen mit, aber das Kind blieb verschwunden. Herr Kempf, der sich auch auf dem Berg befand, kam auf einmal mit einem Motorrad daher – ob es ihm gehört hatte, oder ob er es sich von einem seiner schon damals vielen Bekannten geliehen hatte, weiß ich nicht mehr.

Auf jeden Fall kurvte er erst einmal oben den ganzen Wald ab und fuhr anschließend ins »Dorf« hinunter, immer auf der Suche nach dem Rolf. Er fand ihn dann schließlich weinend auf unserer Haustreppe vor. Rolf hatte sich wohl verlaufen und war nach dem offiziellen Festabschluss einer Gruppe von Menschen hinterhermarschiert, von denen er dachte, es sei seine Familie. Wie er allerdings den Weg durch den Ort gefunden hatte, war uns immer ein Rätsel. Wir wohnten ja gegenüber vom damaligen Bahnhof – jetzt Norma – und am Abend vor dem Fest kam dann das »Bähnle« in den Bauhof, das am nächsten Tag im Kindergarten, zumindest Carl-Zeiss-Kindergarten, zur Freude der Kinder eingesetzt wurde. Damit begann schon die Freude auf den nächsten Tag.

Der eigentliche Grund aber, warum ich mich an Sie wende, sind nicht meine Erinnerungen an das Bergfest, sondern das beiliegende Foto. Es war auch ein Kinderfest, das genaue Datum weiß ich nicht, – ich schätze mal 1951 oder 52. Mein späterer Mann, Hugo Englert, hatte am 1. Mai 1950 bei einem Ausflug der Singgemeinde Oberkochen im Wental (über die Singgemeinde Oberkochen werden wir in einem getrennten Beitrag berichten), dort diesen Frischling gefangen und im Brotbeutel nach Hause transportiert. Er versuchte es auch ein wenig zu dressieren und meine spätere Schwiegermutter, Frau Anna Englert, zog das Tier auf.

Im Hause Englert wohnte damals noch die Flüchtlingsfamilie Menzel. Herr Menzel war Lehrer an der damals einzigen Schule in Oberkochen, der Dreißentalschule. Da bot es sich an, als Thema für seine Klasse zum Kinderfest »Jäger« darzustellen. (Man stelle sich vor, mit welcher Liebe, mit welcher Geduld und mit welchem Zeitaufwand, aber auch mit welchem Stolz damals die gesamten Familien in die Vorbereitung eines Kinderfestzugs miteinbezogen waren).

Der Junge, der das Wildschwein führt – das Geschirr hatte Hugo Englert selbst gebastelt – ist Willi Rühle, ein Bruder von Frau Limpert. Rühles waren die direkten Nachbarn von Englerts. Wo dieser Festzug endete, entzieht sich meiner Kenntnis, denn ich wohnte ja damals noch nicht in Oberkochen. Aber ich dachte, dieses Foto könnte Sie vielleicht interessieren. Allerdings hätte ich es gern wieder zurück.

Esther Englert

Wir vom Heimatverein freuen uns über jegliches Echo auf unsere Berichte, auch Kritik, oder auch einfach, wenn uns jemand von sich aus eine Erinnerung oder einen Tatsachenbericht aus alten Zeiten – wie in diesem Fall schriftlich – zukommen lässt. Einen weiteren Bericht, den uns eine Alt-Oberkochener Leserin, die seit zig Jahren in Italien lebt, werden wir demnächst veröffentlichen.

Dietrich Bantel

 
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