Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«

 

Bericht 617
 

Der »Hirsch«- oder »Nagelkeller«

Oberkochens natürliche und künstliche Unterwelten sind viel größer und spannender als bekannt. Im März dieses Jahres erst hat die Stadt einem kleinen Kreis von Interessenten Zugang zu einem in großer Tiefe im Bereich der Aalener Straße auf der Seite beim ehemaligen Gebäude KWO gelegenen und weitgehend vergessenen alten Eiskeller verschafft, in dem von Mitgliedern des NABU (Ottmar Bihlmaier, Oberkochen, Markus Schmid. Heidenheim) Fledermäuse vermutet wurden. Der Heimatverein war mit von der Partie. Früher stand in dieser Gegend eine riesige Kastanie in der Böschung. Heute ist es dort kahl – und es wird kähler und kähler. Weiter unten in der Aalener Straße wurde unlängst der alte Park hinter der schmucken Villa Walter, später Röchling Kaltwalzwerk, entsorgt. Glücklicherweise blieb die Villa selbst erhalten (wir berichteten). Die einstige grün eingewachsene Böschung rechts entlang der Aalener Straße ist aber kaum mehr zu erkennen.

Der Zugang zu dem Eiskeller befindet sich jedoch nach wie vor in dieser Böschung und sieht aus wie eine winzige mit einer doppelten Holztür verrammelte Garage. Gleich hinterm Eingang führen ca. 20 enge steile Stufen in die Tiefe einer beeindruckenden Vielfalt von Flachdecken- und Gewölbe-Kellern.

eines der Kellergewölbe

Ein gespenstisch anmutender Schienenaufzug sitzt oben in eine kleine Plattform eingerostet vor der Treppe und nimmt über den gesamten Treppenabgang die Hälfte der Stufenbreite ein. Auf diesem unheimlichen Gerät müssen wohl seit langen Jahren schon so gegen Mitternacht, in kalkig weiße Tücher gehüllte Kellerklappergerippe grinsend in die Tiefe rauschen, um dort unten makabre längst unmodern gewordene, aber, wie man sehen wird, in leicht älteren Kreisen noch nicht ganz in Vergessenheit geratene, Orgien zu feiern.

eingerosteter Schienenaufzug

Treppe und Aufzug führen ganz unten noch weiter in eine im Kellerboden vertiefte Ladegrube. Schaurige Wattepilze wachsen aus dem Boden und ein paar uralte Gerätschaften sowie ein Sack- oder Eisbollenkarren sind gegen eine Wand gelehnt. In Kellern dieser Art wurde früher das in den Eisweihern »angebaute« Eis für die zahlreichen Oberkochener Brauereien gehortet. Der »Hirsch« oder »Nagelkeller«, (ich kann mich noch gut an die in großen Buchstaben auf der Rückfront des »Hirschs« aufgemalte Aufschrift »Hirschbrauerei« gegen den Mühlkanal hin erinnern – und im Heimatmuseum gibt es sogar noch eine Original Bierflasche mit ins Flaschenglas eingebrachter Schrift »Hirschbrauerei Oberkochen«, ja, dieser Keller ist nicht der tiefste mir bekannte Eiskeller. Es gibt Hinweise darauf, dass er bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Benutzung war. Heute gibt es dort kein elektrisches Licht mehr. Dafür aber gibt es uralte kriminell anmutende Aufputzleitungen an Decken und Wänden,

kriminelle Gewölbe und Stromleitungen
 
gruselige Wände und Aufputzleitungen

die die besten Krimikellersituationen in den Schatten stellen und nebenbei davon zeugen. dass es im letzten Jahrhundert noch Strom in diesem Keller gab.

Fledermäuse haben wir nicht gefunden. Für sie gibt es zu wenig kleine höhergelegene Verstecke in den verlassenen Verliesen. Was wir statt Fledermäusen fanden, kommt indes einer speläologischen Sensation gleich. Von der flachen Decke eines dieser Keller wachsen seit Jahrzehnten – das lässt sich altersmäßig hervorragend berechnen – spaghettidünne Stalaktiten – ein Wunderwerk einer künstlichen Natur, – so zerbrechlich zart, dass man unwillkürlich leise spricht, ja fast zu atmen aufhört in ihrer Nähe. Die längsten dieser Gebilde sind über 2 Meter lang (!) und über 50 Jahre alt (!!!). Vom Kellerboden wächst dem längsten von ihnen ein kümmerliches Stalagmitchen entgegen.

Spaghettistalaktiten

Ich habe dieses phantastische Foto einer ehemaligen Schülerin als Osterrätsel gesandt mit der Frage, »In welchem Teil der Oberkochener Unterwelt könnten diese Gebilde sich befinden«?

Hier kommt die unveränderte Antwort dieser ehemaligen Schülerin – wohlgemerkt mit deren Einverständnis – in unserer heimatkundlichen Serie zur Veröffentlichung:

Email vom 2. April 2013:
Im Heimatverein werde ich noch öfter rumstöbern. Das, was ich auf die Schnelle gesehen habe, war wunderbar!!!

Meine Vermutung zu dem Osterbild: meine Jugenderinnerungen sagen mir, dass es Nagels Keller ist. Sehr viele Erinnerungen sind daran verknüpft – viele fröhliche und eine weniger gute.

Hans hat damals seine Eltern überreden können, uns den Keller als Partykeller zur Verfügung zu stellen bzw. einen Teil davon. Was haben wir da nicht für tolle Partys gefeiert und zwar nicht abends sondern nachmittags. Es war sehr romantisch: viele Kerzen, ein Miniplattenspielerle – und einer musste immer Platten auflegen. Jeder brachte seine neuesten Errungenschaften mit und dazu gab's Salzstengel und Fanta und Cola. Es war einfach toll!!!

Wer von den Eltern davon wusste, weiß ich nicht – meine zumindest nicht. Mein Vater hätte das niemals erlaubt (nachmittags lernt man und feiert keine Partys). Es ging alles gut bis auf einmal, da hätte ich Nachhilfe bei Trude Hermann gehabt. Mein Vater glaubte, ich wäre dort und ihr hab ich wohl irgendwas erzählt, warum ich nicht kommen kann, – aber sicher nichts von der Party. Und wie es halt so ist, haben sich die beiden, die Trude Hermann und meine Mutter, an dem Nachmittag getroffen und sich beide gewundert, wo ich bin. Na ja, da war für mich erst mal die Partyzeit schlagartig beendet.

Also, es scheint dieser Keller zu sein. Aber in der Zwischenzeit ist er wohl nicht mehr mit Luftschlangen, sondern mit Spaghettischnüren geschmückt. Schade, so ne Party alter Art hätte was für sich.

Wenn ich da so denk, was wir alles angestellt haben, um das tun zu können, was wir wollten. Einmal wollten Birgit und ich abends in die Eisdiele, aber das durften wir nicht: da sind wir halt ins »Hallenbad«, das war ja erlaubt. Dann sind wir in die Eisdiele, haben jede einen Martini getrunken und sind hinterher wieder heim. Unterwegs fiel uns dann ein, dass unsere Badeanzüge ja noch trocken sind. Da haben wir sie einfach in den Katzenbach getunkt, fest rumgeschwenkt – na ja, ab und zu war noch ne Stelle trocken, das konnten wir ja in der Dunkelheit nicht sehen. Zu Flause hat's dann glücklicherweise nur meine Mutter bemerkt, die es mit Humor nahm, und mich fragte, seit wann es im Hallenbad denn Steinchen habe. Es waren eben noch ein paar Kieselsteinchen vom Katzenbachuntergrund drin – aber wenigstens keine Fische.

Seid ganz herzlich gegrüßt und lasst es endlich Frühling werden.
Sonja

Sehr beachtlich, dass Sonja den »Nagelkeller« nach so langer Zeit wieder erkannt hat – und »Kieselsteine im Badeanzug« passt ganz gut zu ihrem damaligen Namen.

Es handelt sich bei unserem Oberkochener watteähnlichen Eiskeller-Pilz (Abbildung Foto DB) um einen in feuchter Luft entstehenden Schimmelpilz. Augenzwinkernd meint unser Fachmann, dass es sich auch bei dem Weltkulturerbe der »Höhlenmalereien von Lascaux« um einen Schimmelpilz handelt, der durch das Einwirken des Menschen bedingt die 17.000 Jahre alten kultischen Malereien zu zerstören droht.

siehe auch Pressebericht vom 20.06.2013

Dietrich Bantel

 
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