Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 608
 

Schrannafatzer

Das Wort »Schranne« begegnete mir zum ersten Mal vor über 60 Jahren. Ein attraktives Mädchen, das bei der gleichen Lehrerin Violinunterricht hatte, wie ich, und mit dem ich, von der Lehrerin verordnet, ein Violinduett einüben sollte, wohnte, wie ich schnell herausgefunden hatte, in Stuttgart-Vaihingen in einer Straße, die »In der Schranne« hieß. – Als ich sie nach der Bedeutung des Wortes »Schranne« fragte, erklärte sie mir, dass das Wort etwas mit »Freimaurern« zu tun habe – was sicher nicht leicht zu belegen ist: ich habe es nicht versucht. Ihr Vater war Freimaurer. Und meiner war das nicht. Und meiner wollte außerdem auch nichts von den Freimaurern wissen – Freimaurer seien nicht seine Schuhgröße, – und auch das Mädchen nicht… Das war’s dann. Aus dem Duett wurde kein Duo – und die schöne Helga habe ich aus den Augen und dem Sinn verloren.

Ungefähr 10 Jahre später, ich war inzwischen Student auf der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, begegnete mir das Wort »Schranne« in einer Vorlesung im Zusammenhang mit alten Marktplätzen und Getreidespeicherhäusern wieder. Ich suchte das Wort in Vaters »Knaur« und fand: »Schranne« = Kornspeicher. Im Duden »Die deutsche Rechtschreibung« von 1996 steht heute: Schranne = veraltend für »Fleischer-, Bäckerladen; Getreidemarkthalle; auch Markt oder Markthalle«. – Laut Günter Grass also »Ein weites Feld«. – Auch im Zusammenhang mit »Gerichtsgebäude« begegnete mir das Wort. Laut dem Großen Duden, 1969, war eine »Schrannengericht« ursprünglich dem altgermanischen »Thing« ähnlich und wandelte sich später in die Bezeichnung für ein auf öffentlicher Straße stattfindendes Gericht.

Vor ungefähr 25 Jahren kam ich mit einem älteren Bekannten meiner heutigen Heimat Oberkochen ins Gespräch. Er wusste viel, vor allem zum Bereich »Holz«; und hatte deshalb den Beinamen »Holzwurm«. Der »Holzwurm« hieß Eugen Gentner und hatte einen Oberkochener, der regelmäßig zu Gast in den gemeinderätlichen sogenannten »Bürgerfragestunden« war, um dort Fragen von mittlerer Bedeutung zu stellen, »Schrannafatzer« genannt. – Derlei häufig eher wichtigtuerische, gelegentlich durchaus auch richtige, wichtige und bissige Anfragen wurden von den Presseberichterstattern stets begierig aufnotiert, und die Fragesteller durften anderntags dann sicher sein, dass sie befriedigt ihren Namen in der Zeitung lesen konnten. Weil Bürgermeister Gentsch auf solche Anfragen stets ein allerdings in der Regel wirkungslos bleibendes »Da guggat mr drnach« parat hielt, nannte ich diese Fragen »Da-guggat-mr-drnach-Fragen«.

Ich war Schulmeister und damals noch wissbegieriges Mitglied im Gemeinderat. Auf meine bezüglich »Schrannafatzer« gestellte Frage an den »Holzwurm« erklärte mir dieser, dass man ziemlich früher diejenigen Bürger, die bei öffentlichen Gemeinderatssitzungen in einer Mischung aus Neugier und Interesse als Zaungäste hinten im Sitzungssaal saßen, um das Neueste direkt von der Quelle weg zu erfahren, tatsächlich »Schrannenfatzer«, oder genauer »Schrannafatzer« genannt habe. Wenig später gab mir der »Holzwurm«, nachdem er Erkundigungen eingeholt hatte, eine weitere gute Information zu diesem Wort, die bereits in Richtung dessen ging, was sich im Verlauf dieses Berichts als das herauskristallisierte, was wir später als »Bürgerausschuss« erkennen werden.

Nun war es an der Zeit, diesem neuen Wort, in dem wieder mein alt-mitgeschlepptes und irgendwie geheimnisvolles Wort »Schranne« vorkam, das ich in diesem neuen Zusammenhang noch nie gehört hatte, ernsthaft nachzugehen. Auch stand die hübsche Helga mit ihrer Violine wieder vor mir.

Inzwischen hatte ich natürlich in Oberkochen, das ja bis 1968 Dorf gewesen war, dazugelernt, dass man eine »Biertischgarnitur«, bestehend aus einem ca. 2 Meter langen Tisch und zwei ebensolangen schmalen Bänken, jeweils mit einklappbaren Metallfüßen, auch »Schrannengarnitur« nennt. – Offensichtlich musste da irgendwo ein Zusammenhang bestehen. Ich bohrte also weiter. – Und tatsächlich: Ganz früher, so erklärte mir der Altbürger »Holzwurm«, habe man für diese am öffentlichen Wohl interessierten Bürger, »hinten« in den Sitzungssaal hinein ganz einfache Bänke aufgestellt, die aus einem Brett mit vier schräg nach außen gestellten Füßen bestanden. »So wia’n’a’mr halt frihr sodde Benk ghet hot« – Und exakt diese Art von Bänken habe man einst als »Schrannen« oder »Schrannenbänke« bezeichnet. –

Heute hat man’s leicht. Man kann das Wort »Schranne« einfach bei Google eingeben und findet tatsächlich alle die bereits aufgeführten Begriffe. Etymologisch interessant ist, dass sich das Wort laut Google ursprünglich von dem italienischen Wort »scranna« ableitet, – scranna = Gerichtsbank, aber auch Bank, Fleisch- und Brottisch. Und Lagerhalle. – Hier schloss sich der Kreis. – Speziell im Schwäbischen, also »bei oos«, wird der Begriff laut Google auch heute noch für eine Bierbank, bzw. Biertisch verwendet. – Stimmt.

Entschieden schwieriger wurden meine Nachforschungen im Zusammenhang mit dem zweiten Wortteil »Fatzer«. Auf die Frage, was ein »Fatzer« sei, bekam ich nämlich keine präzise Antwort. Die Befragten Alten waren der glaubenden Meinung, dass das Wort mit »Fetz« zusammenhänge, und mit den »Schrannafatzern« insofern zu tun habe, als die bei den öffentlichen Sitzungen anwesenden und mithörenden Bürger von den öffentlichen Angelegenheiten immer ein bisschen mehr und dies vor allem immer ein bisschen früher als die anderen Mitbürger wussten, und, dass diese Zuhörer auf den hintersten Plätzen deshalb mit der Aura eines schwäbischen »Fetzen« in der Bedeutung von »Schlitzohr« behaftet waren. »Schrannafetza« also. – Allerdings habe ich bei meinen Schrannen-Unterlagen auch eine Notiz aus dem Jahr 1989, derzufolge Franz Wingert sen. mir auf meine Frage erklärte, dass das Teilwort »fatzer« sich von »furzen« ableite (Sesselfurzer), was eher zu bezweifeln ist – jedenfalls konnte ich keinen Beleg für diese Deutung finden.

Schrannafatzer = Schlitzohr könnte möglicherweise ein wenig passen. Allerdings scheint noch überlegenswerter, was mir ein Anglistenkollege namens Gernot Stillenburg einflüsterte, nämlich, dass bei der bislang vorliegenden Definition eine Verbindung zu dem Begriff der englischen parlamentarischen »Backbenchers«, denkbar sei, was übersetzt etwas bedeutet wie »diejenigen, die auf den »hinteren« Bänken sitzen« - was wiederum nicht unbedingt und direkt mit dem Inhalt des Worts »Hinterbänkler« im Sinne von »Hinterwäldler« zu tun hat.

Bemerkenswert ist, dass überraschenderweise drei von mir befragte Vertreter bedeutender hiesiger öffentlicher und wissender Einrichtungen zum Zeitpunkt meiner Frage, 1999, das Wort »Schrannafatzer« nicht kannten, - nämlich Frau Heidrun Heckmann, Museumsbeauftragte vom Landratsamt Ostalbkreis, Kreisarchivar Bernhard Hildebrand jr. ebenfalls vom Landratsamt und Stadtarchivar Roland Schurig von der Stadt Aalen.

Hier mussten wohl »Ältere« weiterhelfen.

Aus dem Jahr 1999 liegt mir auch eine in dieser Richtung gehende einleuchtende Aktennotiz aus einem Gespräch mit Hilde Wingert vor: Hilde Wingert, die Schwester des genannten Franz Wingert sen., lange Jahre im Oberkochener Gemeinderat, kennt den Begriff – anders als ihr Bruder – vom einstigen »Bürgerausschuss« her. Die Vertreter dieses Ausschusses saßen laut Hilde Wingert nicht am Ratstisch sondern »hinten« auf Bänken, die man »Schrannen« nannte. Das Wort »Schrannafatzer« sei ein »Spottname« gewesen. (Siehe »backbenchers« – »Hinterbänkler«)

Beim Lesen des Tagebuchs meines vor über 100 Jahren verstorbenen Urgroßvaters bestätigte sich Hilde Wingerts Aussage. Der »Bürgerausschuss« ist ein heute, wie auch »Google« bestätigt, praktisch ausgestorbener kommunaler gemeinderätlicher Beirat, der aus gewählten Bürgern, häufig Sachverständigen, bestand, die dem Gemeinderat mit beratender Stimme unterstellt waren, gelegentlich jedoch auch volles Stimmrecht hatten. Dem wäre nachzugehen. – Diese Form der Bürgerbeteiligung findet man tatsächlich auch noch im Oberkochen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die Bürgerausschüssler unterzeichneten die Gemeinderatsprotokolle links, die Gemeinderäte rechts. – Diese Bürger, die von den Einwohnern der Gemeinden und Städte in eine Art kommunalen Beirat gewählt wurden, saßen, während der Gemeinderatssitzungen abseits der Gemeinderatsmitglieder »hinten«. Sie könnten, da sie sich in der Öffentlichkeit mit Sicherheit sehr wichtig vorkamen, indes mit ebensogroßer Sicherheit hin und wieder entschieden mehr gewusst haben als die gemeinen Bürger im Dorf. Aus Gründen, die zwischen Neid und Anerkennung lagen, mögen sie tatsächlich als eine Art »wichtigtuerische Hinterbänkler« angesehen worden sein. In diesem Licht würde die Bezeichnung »Schrannafatzer« eher etwas leicht Neckendes oder leicht Herabwürdigendes beinhalten. Hilde Wingert: »Spottname«. – Davon gehe ich heute aus.

Gemeinderatsprotokoll Oberkochen vom 9.4.1903 – »Bürgerausschuss und Gemeinderat«

Hierzu eine nette wahre Geschichte: Mein Urgroßvater Dietrich Bantel (1831 - 1911) war Maler in Ebingen und Mitglied im Bürgerausschuss seiner Stadt. – Von ihm habe ich zur Erträglichmachung von langweiligen Schulkonventen oder, ehrlich gesagt, gelegentlich auch sich unnötig lang dahinziehenden Gemeinderatssitzungen, die Fähigkeit ererbt, diese gelegentlich leider nicht vermeidbaren Sitzungs-Längen durch das Fertigen von aus dem Unterbewußten heraus entstehenden zeichnerischen Gebilden, die sich wie Telefonkritzeleien über die Sitzungsunterlagen wucheren, zu verkürzen. Ich könnte ein ganzes Album damit füllen. – Dieselbe Fähigkeit beherrschte auch mein Freund Willibald Mannes, der wie ich bei den »Freien« im Gemeinderat war.

Und nun die Geschichte: Mein Ebinger Bürgerausschuss-Urgroßvater zeichnete einmal wieder. Das war noch im 19. Jahrhundert – während der Sitzung. Da überreichte ihm sein Nebensitzer, ein gehobener Apotheker und ebenfalls Mitglied im Bürgerausschuss, während der Sitzung einen Zettel, auf den er geschrieben hatte:

»Wer Zeit für solche Dinge hat, der sorgt nicht gut für’s Wohl der Stadt« –

was meinen Urgroßvater wohl kaum daran hinderte, seine Kritzeleien in aller Ruhe fortzusetzen, denn vom Apotheker, den er gesundheitsmäßig nicht benötigte, hielt er nicht viel. – Diesen historisch verbrieften Vorgang beschrieb ich so ums Jahr 1975 herum in wenigen schriftlichen Worten meinem neben mir sitzenden und ebenfalls gerade zeichnenden Freund Willibald Mannes und schob ihm meinen Zettel mit der Kurzgeschichte samt Apotheker-Gedicht zu. Nach wenigen Minuten kam der Zettel zurück mit der sich auf das über 100 Jahre alte Geschehen beziehenden Ergänzung:

Zeichnung meines Urgroßvaters »Hund auf Schranne« (ca. 1882)

»Der eine malt, der andre dichtet – beiden ist das Wohl nicht wichtig, – richtig?«

Wenn schon – wie im Falle Bantel/Mannes – in die Verantwortung gewählte echte Gemeinderäte solche Dinge treiben, – wie mag es erst bei den Mitgliedern des Bürgerausschusses zugegangen sein. – Deshalb neige ich eindeutig zu der zuletzt beschriebenen Interpretation des Worts »Schrannafatzer«. Mit »Schrannafatzer« können nur mehr oder weniger fähige laus- bis spitzbübische, gelegentlich wohl aber auch wichtigtuerische auf Bänken im hinteren Bereich des Sitzungssaales hockende Bürgerausschuss-Mitglieder gemeint sein.

Dietrich Bantel

 
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