Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 607
 

Es war einmal - Ein schwäbischer Katalane namens José Sogas

Vor einiger Zeit hatte ich über das Schleichersche Kino in Oberkochen und dabei auch über Erna Schleicher (geb. Kaufmann) aus Utzmemmingen berichtet (Bericht 538). Die Nebensitzerin von Erna Kaufmann war damals, während der Schulzeit in Utzmemmingen, Lydia Fleck. Das spannende daran ist, dass sich beide Frauen später in Oberkochen wieder begegneten. Die eine hat den umtriebigen Albert Schleicher aus Pflaumloch und die andere den schwäbischen Spanier José Sogas aus Stuttgart geheiratet. José Sogas aus Katalanien und Lydia Fleck vom Ries - eine besondere Mischung. Diese Liebe zwischen José und Lydia hielt ein Leben lang, nur mit dem Makel behaftet, dass José viel zu früh starb. Bis die zwei aber in Oberkochen ein Geschäft und eine Familie gründen und in Oberkochen Spuren hinterlassen konnten, die heute noch sichtbar sind, war es ein langer Weg, den ich nachfolgend gerne beschreibe. Begleiten Sie mich zurück in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts - Vamos companeros!

Lydia Fleck wurde am 12. April 1923 in Utzmemmingen geboren, besuchte dort 7 Jahre lang die Schule und war eine Zeitlang Nebensitzerin von Erna Schleicher (geb. Kaufmann), bevor diese die Schule verließ und ins Internat Kloster Wallenstein wechselte. Lydia musste damals nach der Schulzeit ein sog. Pflichtjahr absolvieren.

Die Alternativen für diese Zeit waren entweder »in eine kinderreiche Familie« oder »in eine Bauernfamilie« zu gehen. Lydia entschied sich für die kinderreiche Familie. Nach diesem Pflichtjahr verließ Lydia das Ries und zog in die Stadt - nach Aalen.

Sie fand Beschäftigung im »Cafe Amman« (heute Konditorei Amman, Hersteller des »Aalener Spionle« seit 1927) in Aalen, in dem sie 13 Jahre lang bediente und, für damalige Verhältnisse, gutes Geld verdiente. Da werden sicher viele heutige Bedienungen neidisch werden: Es gab 10% Bedienungsgeld, das Trinkgeld durfte behalten werden und die Tätigkeit war sozialversicherungspflichtig. Für Lydia war das eine gute Arbeit und eine gute Zeit, denn sie konnte »gut mit Menschen«. Es muss wohl 1950 gewesen sein, als sich José und Lydia, natürlich im Cafe Amman (wo auch sonst), kennengelernt haben. War es Liebe auf den ersten Blick? Jedenfalls muss es zwischen den beiden schon arg »geschnackelt« haben und von nun an ging es mit den beiden aufwärts und ein Leben voller Arbeit begann für die beiden.

Nun aber zu José. Woher kam dieser gutaussehende Spanier, der die Lydia aus Utzmemmingen für sich begeistern konnte? Die Familie Sogas stammt aus einem kleinen katalanischen Dorf in der Nähe von Barcelona. Der alte José der Vater von unserem José, kam nach Stuttgart, heiratete eine echte »Schtuagaterin«, kam später nach Aalen und eröffnete den »Spanischen Garten«. Das Haus steht heute noch mit der Namens-Inschrift in Aalen in der Fußgängerzone.

Der alte José hatte zwei Söhne: Den Juan und den José, der 1916 in Stuttgart geboren wurde. Da José jun. aber Spanier war, wenn auch in Stuttgart geboren, musste auch er als Soldat in den spanischen Bürgerkrieg ziehen, den er Gott sei Dank unbeschadet überstand. Später hat José bei seinem Vater im »Spanischen Garten« in Aalen gearbeitet und dafür gesorgt, dass die »Oalemer« Südfrüchte und südländischen Wein, der in Flaschen abgefüllt wurde, kaufen konnten und somit die Familie Sogas die ersten Bananen und Datteln auf die Ostalb brachten. Als José jun. sich zusammen mit Lydia selbständig machte, half Juan noch seinem Vater, bis dieser 1958 starb.

José Bruder Juan hat dann den »Spanischen Garten« noch bis 1962 weiterbetrieben, bevor er nach Ellenberg »ausgewandert« ist.

1951 war es dann soweit. Lydia und José heirateten. Was war das allerdings für eine Überraschung auf dem Standesamt, als Lydia erfuhr, dass sie die deutsche Staatsbürgerschaft verlieren würde und einen spanischen Pass bekäme, wenn sie José heiraten würde. Das war zwar ein Problem, aber für die Lydia kein ernsthaftes Hindernis, zumal Lydias Familie mit José dem spanischen Schwaben, kein Problem hatte. Er war schließlich ein Josef, gar ein Sepp. Einen schwäbischeren und katholischeren Männernamen kann man sich kaum vorstellen. Das bedeutete auch, dass sie ihr Wahlrecht verlor, aber das nahm sie alles in Kauf, um mit ihrem José eine Familie zu gründen. Lydia hat heute noch ihren spanischen Pass mit unbefristeter Aufenthaltsgenehmigung.

Sie starteten ihr Lebensmittelgeschäft »EDEKA Sogas« bei den »Hägeles« in der Heidenheimer Straße in Oberkochen und nahmen es mit der eingesessenen Konkurrenz auf, dem GUBI, dem Gaissmaier, dem Kopp und dem Konsum. Aber wer konnte schon mit einem solchen Highlight aufwarten: Ein Obststand vor dem G'schäft zwischen »2 Misthäufen«, so dass die Leut sagten: »Jetz koasch scho auf d'r Straoß eikaufa«. Das Geschäft hatte eine Verkaufsfläche von ca. 30 qm und die Öffnungszeiten waren Mo. bis Fr. von 07:00 bis 19:00 Uhr, sowie Samstagvormittags. In Alt-Oberkochen herrschte früher ein eisernes Gesetz: »Wer etwas verkaufen wollte, musste sonntags in die Kirche gehen - sonst drohte Geschäftsschädigung«. Natürlich war sonntags nicht geöffnet, aber der eine oder die andere Kirchgängerin wollten partout noch nach »d'r Mess'« einen Vanillepudding oder ein Backpulver (wahrscheinlich entstand dieser Kundenwunsch erst während der Predigt vom Pfarrer Forster). Da mussten Lydia und José schon flexibel sein – denn auch der katholische Kunde ist König. Das Geschäft entwickelte sich gut, da Lydia aus ihrer Zeit beim Cafe Amman viele I.eute kannte und auch die Oberkochener Geschäftsleute kauften gerne etwas teurer bei der EDEKA ein. Wachstum war die Devise in dieser Zeit und so wuchs auch die Familie, Carmen wurde 1953 und Juan 1955 geboren. Natürlich gab es auch in dieser Zeit helfende Hände in dem kleinen, aber regen Geschäft: Lydias Schwester Anna, Erika Steckbauer, Sieglinde Betzler, Doris Schmauder, Rosl Beck, die Schwester von Bauer Weber u.a. Während der ersten Monate fuhren Lydia und José immer morgens und abends mit dem Zug von und nach Aalen in ihr »G'schäft ond widdr hoim«. Wobei sie oft vom damaligen Bahnhofsvorsteher, dem BB-Obersekretär Anton Feil, angespornt wurden, schneller zu laufen: »Kommat, d’r Zug isch fei scho doa.« Und das kam häufig vor, weil es schon damals Leute gab, die um 19 Uhr noch unbedingt einkaufen wollten.

Dann kam die Stunde der Entscheidung. Hägeles wollten umbauen und kündigten daher den Mietvertrag. Sie hatten zwar die Zusicherung, nach der geplanten Umbauzeit von 6 Monaten wieder einziehen zu können, aber das würde bedeuten »auf der Straße zu stehen«. Das konnte, das durfte nicht sein.

Und wie das im Leben oft so ist, kommt eins zum anderen und die Probleme lösen sich, wenn man ein Wagnis eingeht. Fabrikant Schramm, ein treuer Sogas-Kunde verkaufte der Familie Sogas das Haus Dreißentalstraße 56 mit dem dazugehörigen Grundstück. Nun wurde im Frühjahr und Sommer 1957, in 6-monatiger Bauzeit, ein modernes EDEKA-Geschäft in unserem Viertel gebaut. Als 5-jähriger Bub war das damals eine spannende Zeit, in der ich beobachten konnte, wie aus einer Wiese und einem großen Erdloch ein schönes neues Geschäft entstand.

Im Herbst 1957 war es dann soweit. Das neue Geschäft war fertig. Für uns Kinder gab es vor dem Geschäft einen Bubblegum-Automaten für Kaugummi und Kleinspielzeug (ähnlich wie die späteren Überraschungseier) und glitzernden Ringen für die Mädchen. Wir übten uns darin, dem Gerät ohne die obligatorischen 10 Pfennige beizukommen und die Schätze kostenlos zu heben. Lydia führte das Geschäft in der Heidenheimer Straße und José leitete das neue Geschäft im Dreißental. Der Parallelbetrieb wurde ca. 4 Jahre aufrechterhalten. Danach ging Lydia auch ins Dreißental und beide mussten jetzt lernen, das Geschäft miteinander zu betreiben, was sicher zu gelegentlichen Reibungen führte (katalanischer Stolz und schwäbische Beharrlichkeit ist sicher eine beeindruckende Mischung).

Was zeichnete SOGAS damals aus? Schwerpunkte waren frisches Obst und Gemüse, gute Weine, freundliche Bedienung und Hauslieferungen durch José. Ich erinnere mich noch daran, dass ich Wurst normalerweise bei »Betzens« in der SONNE zu holen hatte (Bericht 562), aber bestimmte Sorten, wie Bierschinken, immer beim SOGAS holen musste. Das EDEKA-Konzept »Gute Qualität zu guten Preisen« hat damals schon funktioniert und zieht auch heute noch viele Kunden an. Später kam dann noch ein offener Milchverkauf in einem besonderen Raum mit separatem Zugang (hinter dem Geschäftsgebäude) dazu.

Ein Zugang über das Geschäft war behördlich verboten. Um offene Milch anbieten zu können, musste José einen 4-wöchigen Kurs (!) in Stuttgart machen. Danach kannte José sicher »die Kuh« von Kopf bis Schwanz in- und auswendig. Das waren damals noch andere Zeiten, da musste man noch lernen, lernen, lernen – auch wenn das für den Verkauf völlig unbedeutend, aber Vorschrift war. José war ein agiler freundlicher Mann, der auch den Weg in den Aufsichtsrat von EDEKA fand und dort seinen Mann stand.

Jedoch, es gab auch schlechte Zeiten. José wurde 1981 sehr krank und verstarb 1984 im Alter von nur 68 Jahren. Lydia führte das Geschäft dann noch bis 1983 weiter, aber dann war es genug. Ausverkauf und Verkauf des Inventars waren dann im Dezember 1983 das offizielle Ende von EDEKA-Sogas und wieder wurde das Dreißental um ein gutes Geschäft ärmer. Die Liegenschaft gehört heute noch der Familie Sogas und in den Entscheidungen diese Immobilie betreffend, hat Lydia auch heute noch das letzte Wort. Lydia und José waren ein gutes Gespann und haben in Oberkochen Spuren hinterlassen. Wir denken gerne an sie zurück.

Wilfried Müller

 

 

 
 
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