Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 604
 

Neues zum »Schäfer vom Wollenberg«

Die Sage vom »Schäfer vom Wollenberg« ist eine unserer bekanntesten lokalen Sagen. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, dass jede Sage zumindest die Spur eines historischen Hintergrunds aufweist. Dass dem so ist, haben bereits im Jahr 1979 zahlreiche Schüler des Gymnasiums Oberkochen belegt, die in wochenlanger Arbeit zusammen mit ihrem Lehrer eine in der Sage vom »Griebigen Stein« angesprochene Fortsetzung dieser Höhle Richtung Pulverturm, wie in der Sage berichtet, entdeckten.

Wir gehen also nicht ohne Grund davon aus, dass auch jene Sage, derzufolge der ominöse Mord des Schäfers vom Wollenberg an seiner Frau, der dieselbe aus nichtigem Anlass ins 50 m tiefe Wollenloch gestoßen hatte, einen historischen Hintergrund aufweist. Der Schäfer leugnete der Sage zufolge zunächst den Mord, bis über den aus der Ziegelbachquelle ausgeschwemmten berühmten Pantoffel der Ermordeten auf eine unterirdische Wasserverbindung vom Wollenloch nach dort geschlossen werden konnte – womit auch der Mörder feststand. Dieser entzog sich der Strafe laut Sage durch Flucht ins benachbarte bayerische Ausland.

Dieser Sage nachzugehen, vor allem aber den Beweis der unterirdischen Wasserverbindung zwischen Wollenloch und Ziegelbachquelle zu erbringen, war die Absicht des Oberkochener Wollenlochklubs nach dem Zweiten Weltkrieg. Leider beendete ein tödlicher Unfall und die daraus resultierenden hohen und damit für den Klub nicht mehr bezahlbaren Sicherheitsauflagen des TÜV das Unternehmen »Wollenlochklub«.

Einem mit dem entsprechend feinen wissenschaftlichen Näschen ausgestatteten Heimatkundler würde es mit entsprechend nachhaltigem Einsatz sicherlich gelingen, die Akten zu diesem Mordfall, der sich vor circa 250 plusminus 50 Jahren ereignet haben muss, aufzuspüren. Das war die Zeit, zu der in der »Bilz« die österreichischen Einwanderer angesiedelt wurden. Fest steht, dass zur Zeit, da der Mord am Wollenloch geschah, der Wollenberg nicht oder nur spärlich bewaldet war, wie alle Berge über unseren Tälern. Und fest steht ferner, dass die Hänge und Höhen über dem Kochertal damals noch landwirtschaftlich genutzt wurden. Der Fachmann spricht auch von »Waldweide«. Es ist zum Beispiel belegt, dass auch die »Heide« zu dieser Zeit noch bewirtschaftet war. Wir haben dort noch in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts beim Pilzesuchen auf heute völlig überbautem Boden sogenannte »Lesesteinhaufen« festgestellt.

Auch von der Waldflur »Bilz« ist in der fraglichen Zeit eine landwirtschaftliche Nutzung belegt.

Christoph Schurr schreibt in seinem 1986 herausgegebenen fundierten Werk »Aus der Geschichte der Realgenossenschaft Oberkochen« (»Vom Nutzungsrecht zum Waldbesitz«) auf Seite 62: »Um 1750 waren die Wälder der Ostalb in einem erschreckenden Zustand. Der immense Holzbedarf der Kohlenmeiler, der starke Druck der Waldweide, verstärkt durch die im herzoglichen Jagdrevier des Heidenheimer Forsts (1810/11 – König Friedrich – Bilz, Bilzhaus, Bilzhannes) weit überhöhten Wildbestände, hatten die Wälder ruiniert.« – An anderer Stelle unserer heimatkundlichen Berichterstattung ist ein Zitat überliefert, demzufolge es auch in den Oberkochener Wäldern vor der systematischen Waldwirtschaft, die erst im 19. Jahrhundert eingeführt wurde, keinen Baum gegeben hat, der stärker als »armdick« war.

Allein die Tatsache, dass die Sage von einem Schäfer auf dem Wollenberg berichtet, belegt, dass auch der südlich des Tiefentals gelegene Wollenberg, heute ein reines Waldgebiet, einst landwirtschaftlich genutzt wurde. Im engen Zusammenhang ist auch die an den Wollenberg angrenzende Ziegelhalde (Ziegelbachquelle) zu sehen. Der Wollenberg wurde ursprünglich Hoalaberg (Hohler Berg) genannt, was wohl mit den beiden Höhlen »großes und kleines Wollenloch« und anderen Karsterscheinungen zusammenhängt. Der heutige Name Wollenberg entstand erst mit der Schafzucht auf dem Berg, wobei wohl die im Gebüsch und Gestrüpp hängengebliebene Schafwolle namengebend gewirkt hat.

Zwei neue Funde, die der Oberkochener Günther Schreiber im Rahmen seiner Gemarkungsgrenzen-Begehungen im Auftrag des Landesdenkmalamts (»Kleindenkmale«, s. Punkt 16 d. Homepage) und in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein Oberkochen zum Zwecke der Auffindung und Aufnahme von Grenzsteinen in den letzten beiden Jahren im gesamten Oberkochener Gemarkungsgebiet, also auch im Bereich Wollenberg/Ziegelhalde, getätigt hat, belegen diese landwirtschaftliche Nutzung des Wollenbergs in hervorragender Weise. Wir berichteten über diese Grenzsteinarbeit und verweisen auf Herrn Schreibers bereits angekündigten Vortrag zu diesem Thema am 8. November des Jahres.

Beide Funde, ein kleines Hufeisen (Abbildung 1), gefunden am 03.05.2010 im Steilhang der Ziegelhalde auf Oberkochener Gemarkung, das vom Landesdenkmalamt als »neuzeitich, plusminus 18 Jahrhundert« eingestuft wurde, und neuerdings, am 30.07.2012 das durchaus beachtlich große klassisch geschwungene Horn eines Ziegenbocks (ca. 30 cm lang, Abbildung 2) wurden beide in dem genannten Bereich getätigt, das Horn wurde sogar in noch größerer Nähe zum Wollenloch, gefunden. Es ist zunächst als kleines Steinbockhorn, bald jedoch von Horst Riegel, unserem Vereinsbiologen und -chemiker, klar als Ziegenbockhorn klassifiziert worden.

Wir werden bemüht sein, auch den zweiten Fund, das Ziegenbockhorn, durch Fachleute etwas präziser datieren zu lassen, denn mit einer genaueren Datierung wäre auch der historische Hintergrund der Sage vom »Schäfer vom Wollenberg« weiter eingekreist. Doch kann schon vorab mit einiger Sicherheit gesagt werden, dass das Horn tatsächlich in die Zeit der Nochbewirtschaftung des Wollenbergs und der Wollenberghänge, also ins 18. oder sehr frühe 19. Jahrhundert fällt: Das Horn ist durch das lange Liegen auf einer Seite, mit der es von allem Anfang an bis zum Tag des Auffindens durch Herrn Schreiber unverändert im Gelände lag, stark in die Fläche auserodiert.

Das Horn und das Hufeisen belegen in anschaulicher Weise, dass auch die Sage vom »Schäfer vom Wollenberg« einen historischen Hintergrund hat. Den Schäfer, der dort Schafe und Ziegen hütete, hat es auf dem Wollenberg wirklich gegeben.

Dietrich Bantel

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