Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 602
 

LW-Rohrbruch zum 100. Geburtstag
Ca. 1000 Liter Verlust pro Sekunde

Wer am letzten Montag, 11.Juni, im Wolfertstal spazieren ging, konnte zufällig Zeuge einer gewaltigen Springflut werden, die etwa auf der Höhe des mitten im Tal stehenden Schuppens (früher Schenk, heute Löffler) aus dem Waldrand des mit Fichten bewachsenen Steilhangs am Fuß des Volkmarsbergs, über die Wiese des Landwirts Balle schoss, welcher diese erst kurz zuvor in mühsamer Arbeit von den Spuren befreit hatte, die ihm die Wildsäue hinterlassen hatten. Der Sturzbach, der sich an der Talsohle in den trotz des Regens der vergangenen Tage ausgetrockneten Gutenbach ergoss, war so gewaltig, dass mittelgroße bis größere Steinbrocken talwärts mitgerissen wurden.

Da ein ähnliches Ereignis in den letzten 100 Jahren an dieser Stelle nicht überliefert ist, war klar, dass es sich hier um keinen neuen Quellaustritt handelt, sondern, dass die relativ bald wieder versiegende Wasserflut eher durch einen Schaden an der Landeswasserversorgung zustande gekommen ist.

Wenig später wurde an der Stelle, wo das Wasser aus dem Wald herausgeschossen war, ziemlich exakt am Waldrand, ein paar Fichten gefällt. Heute nun, am Donnertag, 14. Juni, waren an der Spur, die der Wassersturz in der Wiese hinterlassen hatte, mehrere schwere Bagger- und andere Fahrzeuge, auch ein Pkw der LW, erschienen. Ein Bagger schob einen Weg hinauf zum Waldrand frei. Am 15.6. wurden schwere Betonplatten über die weiter talwärts verlaufenden beiden neuen Leitungsstränge von 1964 gelegt, (Foto 1) um diese vom Druck der schweren Fahrzeuge zu schützen. Wer Glück hatte, konnte die beiden zuständigen LW-Männer, die Herren Frick von der LW Stuttgart und Wieland, den örtlichen Streckenwart, (Nachfolger von Herrn Strobel), treffen, die bereitwillig Auskunft über die Vorgänge gaben.

Der Beschluss zum Bau der Landeswasserversorgung war, wie wir in unseren Berichten 565 (BuG v. 16.4.2010) und 566 (BuG v. 30.4.2010) ausführlich beschrieben, genau vor 100 Jahren, also im Jahr 1912, durch König Wilhelm von Württemberg unterzeichnet worden. – Interessierte können unsere Berichte unter www.heimatverein-oberkochen.de (Titelseite Punkt 4b – Berichte 500 – 600) nachlesen. Der Schaden war in der Tat an einem der alten Rohre (ca. 1916) entstanden.

Herr Frick sieht verschiedene Möglichkeiten, durch welche der Schaden entstanden sein könnte, geht aber davon aus, dass durch Druck von unten (minimale Geländeveränderung) ein Stück aus einem gußeiserenen Leitungsrohr herausgesprengt wurde. Dieser Druck könnte punktuell durch einen durch eine minimal veränderte Lage eines Steins zwischen Rohr und Gelände entstanden sein. Eine ähnliche Möglichkeit ist, dass ein punktueller Druck auf das Rohr von oben her entstanden ist: auch wenn die Fichtenwurzeln nicht in die Tiefe gehen, üben sie, vor allem bei Wind oder Sturm, dennoch einen großen Flächendruck auf die Rohre aus, und auch auf diese Weise können Druckveränderungen entstehen und Steine, die früher »harmlos« waren, plötzlich punktuellen Druck ausüben lassen. Genaues wird erst gesagt werden können, wenn das alte Rohr freigelegt ist. Am 14.6. wurden über die etwas hangabwärts liegenden neuen Leitungen von 1964 Eisenbetonplatten gelegt, damit an diesen kein Schaden entsteht, wenn schweres Gerät über sie fährt.

Wie man den Fehler und den Ort des Fehlers so schnell habe feststellen können, wollte ich wissen, und erfuhr, dass die Leitung ab dem Zentrum in Langenau bis zum Osterbuchstollen in verschiedene Kontrollabschnitte eingeteilt ist, die getrennt voneinander bei ungewöhnlichem Wasserverlust durch automatisch schließende Schotten oder Klappen stillgelegt werden können. Die für den Abschnitt »Oberkochen-Osterbuchstollen« zuständige Klappe befindet sich auf dem Werksgelände der Firma Carl Zeiss. Die durchschnittliche Verlustmenge auf diesem Abschnitt beträgt maximal 100 Liter pro Sekunde. Dieser Normverlust sei innerhalb von Sekunden auf ca. 1000 Liter pro Sekunde hinaufgeschnellt, was am Kontrollzentrum in Langenau ablesbar war. Die Stilllegung des Streckenabschnitts erfolgte automatisch.

Die LW hofft, dass der Schaden bereits am Montag nächster Woche behoben wird. Die beiden Fotos von heute, 14. Juni, zeigen die vom Bagger frisch hangaufwärts geschobene Trasse, auf der das Wasser zu Tal schoss. Der Bagger schafft gerade die erste Schutzplatte, die über die neuen Leitungen aus den Sechzigerjahren gelegt wird. Die alte Leitung, an der der Schaden entstanden ist, verläuft knapp oberhalb des Waldrands in steilerem Terrain.

Ergänzung vom Montag, 18.6.: Das beschädigte Rohr (Foto 1) wurde heute Vormittag aus dem Verbund gelöst und ins Tal befördert. Das ausgebrochene Stück verläuft, wie unsere Fotos zeigen, (Foto 1 und 2) in der Längsrichtung des 5 Meter langen 90 cm im Durchmesser messenden Rohrs über mehr als 3 Meter Länge und mehr als 1 Meter des Umfangs. (Foto 3). Ein weiteres Foto (Foto 4) zeigt die „Unfallstelle“ mit der 5 m langen Lücke in der Rohrleitung. Die LW-Leute vor Ort ließen offen, ob nicht eine dritte und vierte Möglichkeit den Bruch verursacht haben könne, - Materialermüdung unter Druck oder Materialfehler. Das Neue Rohr soll noch heute, 18.6., geliefert und eingebaut werden.

Nachtrag zu Bericht 602
Am Montag, 18.6.2012 wurde, wie unser Foto 6 zeigt, das neue Rohr eingesetzt. Im Gegensatz zu den Rohren von 1916 wurde das neue Rohr am 19.6.2012 von einem Sandbett umgeben. - Sämliche Fichten übrigens, die entlang der Leitung taleinwärts auf der Leitung standen, mussten am 18.6.2012 gefällt werden, damit in Zukunft der schnelle Zugang zu der LW gewährleistet ist. DB

Dietrich Bantel

 
 
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