Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 598
 

»d'Strompfgold«

Ihre Tochter, Frau Gabi Feifel, besuchte vor einiger Zeit am »Offenen Sonntag« das Heimatmuseum und brachte nicht nur ihren Mann sondern auch eine kleine aber sehr schwere Maschine mit, die sie dem Heimatverein als Geschenk überreichte. Niemand hätte sagen können, welchem Zweck dieses kostbare Stück einst gedient hatte. - Auch wir wollen das erst später im Bericht verraten.

Frau Feifels Mutter, Katharina Gold, geb. Kutowski, lebte damals noch - sie war genau 99 Jahre alt. Ihre Tochter brachte nützlicherweise ein paar die Maschine betreffende Notizen aus dem Jahr 2009 mit, die sie der Museumsaufsicht zusammen mit der Maschine übergab.

Zitat aus den Notizen:
»Lebenslauf von meiner Mutter Katharina Gold geb. Kutowski. Meine Mutter wurde am 9.12.1909 als zweitjüngste Tochter in Zopott bei Danzig geboren. Sie hatte noch 4 Geschwister. Sie hat während des 2. Weltkriegs auf einer Ostsee-Werft in einem Lohnbüro gearbeitet und dort meinen Vater Josef Gold, einen Sohn Oberkochens, der dort dienstverpflichtet war, kennengelernt. Die beiden haben sich verliebt und am 19.1.1941 geheiratet. Im September dieses Jahres wurde Bruder Hubert geboren. Der Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft. Anfang 1945 wurde die Familie heimatvertrieben. Wir mussten die schöne Heimat, unsere geliebte Ostsee, verlassen. Ich war damals 36 Jahre alt. Wir gingen nach Oberkochen und fingen dort wieder von vorne an - in einer kleinen Wohnküche im Mahd 4.

Im Dezember 1947 wurde meine Schwester Gabriele geboren.

Meine Mutter hatte einen starken Willen und war sehr fleißig und rege. Sie war immer für uns da, weil sie hatte Heimarbeit angenommen und hat für die Leute Strümpfe aufgemascht, wofür sie eben diese seltsame Maschine erworben hatte, die nun im Heimatmuseum gezeigt werden kann.

10 Pfennig hat es einmal gekostet, eine Masche wieder hochzuziehen.

Seidenstrümpfe waren teuer - die »Wegwerfgesellschaft« war noch nicht erfunden. Deshalb war meiner Mutter Nebenberuf bald wie zu einer Art Hauptberuf geworden und schon nach kurzer Zeit hatte sie in Oberkochen den Name »d'Strompfgold« weg.

Man muss sich wundern, dass sie so alt geworden ist, weil sie hat schon manches durchgestanden. 1977 hat sie im Februar ihren Sohn durch einen Autounfall und im Mai ihren Mann an Krebs verloren. Sie selbst hatte 1987 auch eine schwere Krankheit. Sie hat aber die Freude am Leben nie verloren. Sie war immer zufrieden. Heute hat sie 3 Enkel und 4 Urenkel und zu ihrem 100. Geburtstag wollen alle Verwandten, die wir noch haben, kommen. Geschwister und Freunde und Altergenossen, die sie immer gepflegt hat, sind halt leider keine mehr da. Ich hoffe, dass es ein schönes Fest wird.« Soweit der Bericht der Tochter Gabi Feifel. - Ende Zitat.

Das Geheimnis ist nun gelüftet:
Die Maschine ist eine Laufmaschenflickmaschine.

Frau Katharina Gold hat ihren 100. Geburtstag tatsächlich erlebt. In »Bürger und Gemeinde« vom 4.12.2009 ist darüber auf Seite 1005 ausführlich berichtet.

Nur 2 Monate nach ihrem 100. Geburtstag, am 12.2.2010, starb Frau Gold. Ihren »Beruf« des Strumpfreparierens übte sie von 1950 bis ins Jahr 2000 aus, hauptsächlich aber bis 1970. Annahmestellen waren die Fa. Bolz (jetzt »Fässle«) und die Firma Fischer (jetzt »Grafitti) in Oberkochen. Der Hausname ihres Mannes Josef Gold ist »Holzwartsbecka-Josef.« - Die Geschichte um die Laufmaschenflickmaschine endet wie im Märchen. Die Familie des »Holzwartsbecka-Josef« wohnte später in der Aalener Straße 21, dem Gebäude, das von der Stadt zur Erweiterung des Heimatmuseums erworben wurde. Das heißt: Nach langen Wanderjahren kehrt die Laufmaschenflickmaschine der »Strompfgold«, wieder in ihre alte Heimat, die Aalener Straße 19/21 zurück.

Herzlichen Dank für die außergewöhnliche Maschine und ihre Geschichte.

Ein weiterer Dank
Ein Geschenk ganz anderer Art vermachte uns unser Mitglied Rolf Stelzenmüller. Es hat sich im Ort bereits herumgesprochen, dass Rolf Stelzenmüller sein Fotogeschäft nicht weiterführt. Erstens hat er die Altersgrenze schon überschritten und zweitens ist die digitale Konkurrenz zu groß geworden und die Beschaffung der notwendigen modernen Gerätschaften lohnt sich für ein Geschäft dieser Größe nicht - das traurige aber unausweichliche Schicksal tausender ähnlicher deutscher Betriebe. Für die Freunde der traditionellen Fotografie und in mancher Hinsicht für ganz Oberkochen ist diese Geschäftsaufgabe ein echter Verlust. Auch der Heimatverein hat Rolf Stelzenmüller für seine jahrzehntelange treue Unterstützung und Förderung des Heimatvereins, hauptsächlich in der Zeit des Aufbaus des Heimatmuseums, großen Dank abzustatten. Als letztes großes Geschenk überlässt uns Rolf Stelzenmüller nicht nur einen großen Stapel alter bis uralter von seiner Firma mit Fotos bestückten Prospekten in Form von Belegexemplaren für Werkzeug-Kataloge für die Firmen Bäuerle, Leitz, Schmid, Gold und Oppold, sondern, als wahren einmaligen Schatz, seine komplette Sammlung von Fotografien aus Oberkochen, vor allem Alt-Oberkochen. Die Sammlung umfasst auch noch Glasplatten und großformatige Zelluloid-Negative aus der Zeit der Firma Rudolf Kristen, die Rolf Stelzenmüller übernommen hat. Hinzu kommen zwei große Alben mit Foto-Sammlungen von Alt- Oberkochen.

Von Isidor Rettenmaier, der der eigentliche »spiritus rector« der Stelzenmüller'schen Foto-Sammlung ist, erhielten wir außerdem noch eine CD, auf der sich ein von einer Tonbandaufnahme von 1980 überspieltes Interview mit inzwischen längst verstorbenen Altoberkochenern befindet. Herzlichen Dank also auch nach Rainau-Buch.

Dietrich Bantel

 
 
Übersicht

[Home]