Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 595
 

60 Jahre Sonnenberg

Unser Mitglied Wilfried Müller, Jahrgang 1952, ist seit 1969 im Bereich »Organisation« bei der Firma Leitz GmbH & Co KG tätig - schwerpunktmäßig: »Weltweite Einführung von kommerziellen EDV-Systemen«. Er ist hausgeborener Neu-Oberkochener und hat als Ureinwohner vom Sonnenberg unzweifelhaft bereits große altoberkochener Anteile erworben. Anlässlich seines 60. Geburtstags hat er sich selbst als Geburtstagsgeschenk, und uns als aus seiner Sicht zunächst Außenstehende, zur Freude einen 3-teiligen Bericht geschrieben, der uns in alte Zeiten zurückversetzt, Zeiten, die stellvertretend für die Geschichte vieler Mitbürger nicht nur die eigenen Kinderjahre des Verfassers, sondern auch die Kinderjahre Oberkochens auf dem Weg vom Dorf zur Stadt beleuchten.

Es war einmal - Kindheit und Jugend auf dem Sonnenberg (Teil 1)

Dieser Bericht soll auf der einen Seite einen Einblick in die frühen Jahre eines Oberkochener Jungen des Jahrganges 52 geben und zum anderen die Erinnerungskraft des/der Lesers/Leserin zum Erinnern an die eigene Kindheit und Jugend anregen. Viel Spaß beim Reisen in eine Zeit, die unvergleichlich war, weil es eine Aufbruchszeit war, mit wenigen Einschränkungen und vielen Möglichkeiten für uns.

Wir schreiben das Jahr 1952, das erste Fertighaus in Oberkochen wurde fertiggestellt (siehe Bericht 500), Georg »Hebammen-Schorsch« Müller aus Brastelburg (Härtsfeld) und Hilde geb. Pavlat (seine Frau) aus Mährisch-Aussee (Sudetenland) zogen ein und waren bei der Familienplanung erfolgreich, so dass ich am 1. März frühmorgens als Hausgeburt, unter Begleitung meiner Oma Barbara »Babette« Müller geb. Gröber (die seinerzeit weithin bekannte Härtsfelder Hebamme aus Waldhausen) das Licht des Sonnenberges erblickte. Es ging wieder aufwärts in Deutschland und ganz besonders in Oberkochen. Wachstum war das Stichwort und alles wuchs - Firmen, Häuser, Geldbeutel, Konten, Umsätze, Gewinne und der Nachwuchs.

Um dem Bericht eine kleine Struktur zu geben, teile ich ihn in 4 Bereiche ein:
1952 bis 1959 ohne Schule; 1959 bis 1963 Volksschule, 1963 bis 1969 Gymnasium Oberkochen und 1969 bis 1973 Lehrzeit und Aufbruch in neue Welten.

1952 bis 1959
Im Haus Nr. 34 gab es damals folgende Bewohner: Georg und Hilde Müller, meine Wenigkeit, später mein Bruder Harald, Hermann und Irmgard Schimmel, sowie die beiden Logierfräuleins Christa Geis und Helga Rockstroh. Wir lebten auf engem Raum mit vielen Menschen, da Geld benötigt wurde, um das Haus zu finanzieren.

Logierfräuleins waren junge Frauen, die in der Gegend arbeiteten und ein möbliertes Zimmer bewohnten, in dem, soweit ich mich erinnere, ein Stuhl, ein Tisch, ein Bett und ein Schrank standen. Mit Toilette und Waschen hat man sich wohl irgendwie arrangiert. Ich erinnere mich noch an ein Frl. Krause (bei der ich später das Schreibmaschinenschreiben lernte, während sie tagsüber heim Arbeiten war) und an einen Hr. Wild (der Weihnachten immer ein trauriger, wirklich alleinstehender Mann war). Herrenbesuch war strengstens verboten, denn die Vermieter wollten auf keinen Fall Probleme wegen Kuppelei bekommen. Dieser Paragraph (§ 180 StGB) war übrigens bis 1969 wirksam.

Die ersten 7 Jahre waren geprägt vom Spielen auf der Straße, im »Kessel« (das Gebiet unterhalb des Schützenhauses und den umliegenden Wäldern). Das war unsere Gegend - wir waren Straßen- und Waldkinder. Jetzt will ich Euch aber erst die Familien im Sonnenberg in unserer Umgebung vorstellen, die für mich wichtig waren: Die Hubers, Bauers, Müllers, Hermanns (Lehrer), Ruoffs (Lehrer), Hölldampfs (Lehrer), Fuchs (Polizist), Heiteles, Kohns und Krämlings, Vaters, Dubiels, Beckers, Hopps, Walters, Schimmels, Süss, Schröders, Werners, Floss, Maiklers, Schmids, Stillers und Farys. Das war die familiäre Welt, in der ich mich bewegte. Eine kleine Welt zwischen den Hausnummern 40 und 24 auf der einen und zwischen 17 und 27 auf der anderen Seite.

Bei gutem Wetter waren wir immer draußen. Es gab wenig, was uns im Haus festgehalten hätte. Die Straße war unser Spielplatz und langweilig war es nie. Wir vertrieben uns die Zeit mit Hüpfspielen, Seilspringen, Gummitwist und Hula-Hoop, wir spielten Fußball auf Garagentore (zur Freude aller Erwachsenen), Räuber und Gendarm, Cowboy und Indianerles, Fangerles und Versteckerles, Mutterles und Vatterles (dabei war gut zu sehen, wer wie erzogen wurde), Doktorles (zum Schrecken unserer Eltern), fuhren Roller und Fahrrad, badeten in Müllers Mini-Pool, spielten Pfennigfuchsen, Murmeln und Stinkei und waren stinkig, wenn abends der Ruf der Eltern über die Straße scholl: »HEIMKOMMEN - ESSEN !!!«. War das Wetter schlecht, besuchten wir einander und spielten in den Wohnungen mit Lego, Autoquartett, mit Figuren (meistens Ritter, Cowboys und Indianer), mit Autos (Wiking, Matchhox, Corgy Toys), Monopoly und Stadt-Land-Fluss. Langeweile? Das war ein Fremdwort. »Mama - mir ist langweilig, was soll ich tun«? Das gab es nicht. Im Winter war der »Kessel« unser Domizil. Wir sausten die Hänge und die »Schlucht« mit Schlitten und Skiern hinunter, jeder so gut wie er konnte. Und es gab einige, die konnten damals schon super Ski-Fahren. Die besten waren Reinhold Steckhauer und Peter Harpeng. Niemand wollte ständig wissen wo wir waren und was wir taten. Wir gingen heim, wenn es dunkel war, wenn wir froren oder wenn wir Hunger hatten. Kleidung und Lables waren damals noch kein Thema. Im Sommer trugen wir eine kurze Lederhose, im Frühling und Herbst eine Strumpfhose darunter. Lange Hosen gab es nur im Winter.

Den Versuch, mich im katholischen Kindergarten im Wiesenweg unterzubringen, erwies sich als Misserfolg. Der Garten war schön, mit Spielgeräten und sogar einem Planschbecken, aber ich konnte das ständige »Dees wird d'r Schwester gsait« nicht ertragen und auch fremdbestimmtes Spielen war schwierig für mich (heute würde man mir wohl soziale Defizite attestieren). Ich wollte mein eigener Herr sein (das ist wohl heute noch so) und so ging ich lieber in den Wald, als in den Wiesenweg. Es dauerte eine Zeitlang, bis das bemerkt wurde und dann nahm mich Mutter nach Hause auf den Sonnenberg. Mein Bruder, sechs Jahre jünger, konnte dann später darauf verweisen, dass Kindergarten für ihn, wegen meines leuchtenden Vorbilds, ebenfalls nicht in Frage käme und so erfuhren wir unsere pädagogische Grundschulung auf der Straße. Kein Nachteil, denn »Buaba ond Mädla« in allen Altersklassen sorgten dafür, dass auch wir soziales Verhalten lernten.

Natürlich zog auch der Fernsehapparat im Sonnenberg ein. Zu den ersten stolzen Besitzern gehörten die Familien Vater und Hopp, bei denen wir Kinder uns oft versammelten. Bei Vaters sahen wir oft »NERVEN WIE DRAHTSEILE« mit Armin Dahl und »FURY«, und hei Hopps sahen wir (zumindest den Anfang) von »STAHLNETZ«, das uns Kindern streng verboten war - aber mordsspannend und mit einer nervenzerfetzenden Eingangsmusik. (heute wirkt so ein Krimi auf die meisten totlangweilig). Ich muss allerdings gestehen, dass schwarz/weiß-Krimis noch heute auf mich spannend wirken.

Eine tolle Sache waren auch die Milchshakes, die Frau Hölldampf für uns auf einer ungeheuer großen Küchenmaschine herstellte und unvergleichlich gut schmeckten. Ihr Mann war ein gefürchteter Lehrer (kein Wunder bei dem Namen und er war groß, weißhaarig und beindruckend, und ihr Hund Adrian war auch groß und weißhaarig, aber sehr zutraulich. Überhaupt gab es damals reichlich Haustiere in der Nachbarschaft: Katzen, Hunde, Hühner, Papageien und anderes Getier.

Die Winter waren natürlich, nicht nur in der Erinnerung, schneereicher, kälter und härter als heute, und in der Erinnerung war jedes Weihnachten weiß. Überhaupt Weihnachten, das hatte seine festen Regularien und die waren nicht in jeder Familie gleich. Bei uns lief das so ab: Baden wie immer in prächtigem »Zink«, wir wurden herausgeputzt, zum Abendessen gab es Bratwürste/Würstchen und schwäbischen (!) Kartoffelsalat, danach läutete das Christkind (komischerweise war Mutter nie im Raum, wenn es klingelte ?) und dann wurden wir in ein dunkles Wohnzimmer geführt, in dem ein Christbaum brannte, nein natürlich nicht, sondern die Kerzen auf demselben (erst mit richtigen Kerzen und beigestelltem gefüllten Wassereimer, später mit elektrischen Kerzen ohne Wassereimer). Die Kinderaugen wurden groß und größer ob des Lichts und der liebevoll verpackten Geschenke. Es wurde »Stille Nacht« gesungen - natürlich mit Background, denn man besaß einen DUAL-Plattenspieler. Dann wurde freudig ausgepackt, die Kinder bekamen tolle Geschenke, Vater bekam das SKO-Paket (Socken, Krawatten, Oberhemd), Mutter etwas »Sinnvolles für die Küche« und alle waren happy. Danach wurde per Selbstauslöser das Foto des Jahres geschossen. Bei Sekt und selbst gebackenem Spritzgebäck (das bis Ostern reichte) wurde gespielt, bis wir müde waren und mit den Geschenken ins Bett gingen.

Wilfried Müller

 
 
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