Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 591
 

Seit langen Jahren verfolge ich, wie sich Alfred Fichtner, Ausschuss-Mitglied beim Heimatverein Oberkochen, mit unbeirrbarer Geduld und Sorgfalt bemüht, die im Schwarzen Kocher, unserem Kocher, ausgestorbenen »Steinkrebse« wieder heimisch zu machen. Hier sein jüngster Bericht über seine Bemühungen:

Dietrich Bantel

Krebse für den Kocher

Schon in meiner Kindheit u. Jugend haben sie mich fasziniert: die Panzerritter des Süßwassers, die Krebse. Wir verbrachten unsere Freizeit am Wasser, in den Flußauen und in den damals noch reichlich vorhandenen Schilfdickichten – in der Natur, nicht an der Tastatur elektronischer Spiele. Im löchrigen Wehr einer alten Jagstmühle waren Flusskrebse versteckt. Es war eine unserer Mutproben: wer sich getraute, den Finger in die Höhle zu stecken und nach dem Zupacken des Krebses ruhig blieb, der war »cool«.

Krebsmutter (auf Hand)

In den Jahren nach dem Krieg, wo Wachstum und Arbeitsplätze wichtiger waren als sauberes Wasser, wurden die Krebse immer seltener. Schon mit Beginn der Industrialisierung hatte man versucht, mit dem Aussetzen der unempfindlicheren amerikanischen Arten Kamper- u. Signalkrebs dem Verschwinden des Edelkrebses etwas entgegenzusetzen, mit fatalen Folgen: die eingeschleppte Krebspest vernichtete ganze Bestände. Hinzu kommt der vermehrte Düngereintrag aus der Landwirtschaft und das Abschwemmen der Ackerkrume aus viel zu vielen Maisfeldern, das die Gewässer verschlammt.

Noch im frühen 19. Jahrhundert gab es in Nord- u. Süddeutschland in fast allen Flüssen und Seen enorme Krebsbestände. Dr. J. Hofmann zitiert in seinem Büchlein »Die Flusskrebse« einen Bericht von J. Lahnsteiner von 1960 über die Krebse im Zeller See:

»Die Zeller Krebse galten als eine hervorragende Delikatesse. Von ihrer Zahl hat man eine Vorstellung, wenn um 1760 jährlich 14000 an den Erzbischof von Salzburg geliefert und eine ungleich höhere Stückzahl frei verkauft wurde. Noch besseren Verdienst ergab der verbotene Handel außer Land. Die Zeller Krebse kamen trotz scharfer Kontrolle nach Tirol, nach Augsburg und Regensburg, ja sogar über die Tauern nach Mantua. Heute sind die Krebse im Flussgebiet der Salzach durch die im Jahre 1878 aufgetretene Seuche (der Erreger Aphanomyces astaci, die Krebspest) restlos ausgestorben.«

Das Krebsen war einstens ein wichtiger Zweig der Fischerei, um die Verdienstausfälle nach den Verlusten durch die Krebspest wenigstens teilweise auszugleichen, wurden in viele Gewässer Aale eingesetzt.
Leider auch in das Flusssystem der Donau, wo es sie nie gegeben hat.

In den 70er Jahren gab es einen Züchter von Edelkrebsen in der Nähe von Augsburg. Es gelang mir einen Müller an der Brenz für einen Besatzversuch mit Edelkrebsen zu begeistern. In meinem Teich vermehrten sich die Krebse prächtig, in den Reusen in der Brenz wurde nie ein Krebs gefangen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass die Aale schon in die Brenz vorgedrungen waren. Leider erschwert dieser unsinnige Besatz mit Aalen heute eine Wiederansiedlung mit Krebsen.

Als ich 2005 einen Abschnitt des Schwarzen Kochers pachten konnte, ging ich auf Krebssuche – es gab keine mehr. Ich wusste, dass ein sommerkaltes Gewässer wie der Kocher auf unserer Gemarkung für Edelkrebse zu kalt ist, Flusskrebse können sich hier nicht häuten und somit nicht wachsen. Der Kocher hat, was ihn zu einem so wertvollen Biotop macht, im Hochsommer auf Höhe der Schwörzhalle nie mehr als 9°C. Hier und in den Seitenbächen waren sicher einmal Steinkrebse zuhause. Der Steinkrebs ist der kleinere Verwandte des Flusskrebses, noch anspruchsvoller was die Wasserqualität betrifft und in seinem Bestand stark bedroht.

Nun wollte ich Steinkrebse!
Die Naturschutzbehörde beim Landratsamt verwies mich an einen Biologen an der Fischereiforschungsstelle BW in Langenargen. Hier erfuhr ich, dass es im oberen Kochertal noch 3 Bäche mit Steinkrebsen gibt, einen Bach im Oberschwäbischen und einen im Schwarzwald. Einen Züchter von Steinkrebsen gibt es in Deutschland leider nicht.

In den letzten Jahren haben sich einige Fischzüchter wieder mit der Krebszucht beschäftigt, man findet Flusskrebse auf den Speisekarten der Edelgastronomie, wobei sicher ein Teil dieser Krebse Galizier sind und aus der Türkei kommen. Steinkrebse sind für die Küche uninteressant, sie werden nur 10 bis 12 cm groß, sind aber leider immer noch nicht ganzjährig geschützt.

Ich erhielt die Genehmigung der Entnahme von eiertragenden weiblichen Krebsen »wenn der Bestand dies erlaubt.«

Nach der Kontaktaufnahme mit dem Gewässerwart des Fischereivereins Abtsgmünd wurde ich freundlich unterstützt, erfuhr aber auch, dass in einem Bach der Bestand erloschen ist und ein Bächlein nur wenige Krebse beherbergt. Es gibt also nur einen Bach, der einen guten Bestand an Steinkrebsen hat. Man stelle sich vor, im Oberlauf dieses Gewässers kippt ein Güllewagen um – dann ist auch hier der Steinkrebs verschwunden.

Inzwischen habe ich über Hinweise durch Bekannte noch 3 Bäche mit einem kleinen Bestand gefunden. Letzten Sommer hat ein Biologe aus Langenargen anlässlich einer Steinkrebs-Untersuchung im Ostalbkreis den von mir ausgewählten Abschnitt im Kocher begutachtet und teilt meine Einschätzung der Möglichkeit einer Wiederansiedlung.

Meine Versuche, Steinkrebse in geschützter Umgebung schlüpfen zu lassen und bis zu einer Größe aufzuziehen, bei der die Verlustrate nach dem Aussetzen geringer erscheint, sind dieses Jahr gelungen. Die beim Schlüpfen Mitte Juni wenige Millimeter großen Krebschen haben sich schon mehrmals gehäutet und waren beim Aussetzen Anfang November bis zu 5 cm groß. Diese Aufzucht möchte ich in den nächsten Jahren wiederholen.

ca. 12 Wochen alt

Krebse stehen auf der Speisekarte des Fischreihers, der Wasseramsel, des Eisvogels, des Bisams, des Otters, der großen Forellen und der Ratten. Durch die Lebensweise der Krebse, sie kommen erst in der Dämmerung und in der Nacht aus ihren Verstecken, ist der Bestand durch ihre Feinde nicht gefährdet. Die größte Gefahr geht vom Menschen aus: Abwasser, Müll, Pestizide, übertriebener Ordnungssinn durch Herausreisen aller Wasserpflanzen und den Enten. Die gibt es am Kocher nur so zahlreich weil sie gefüttert werden. Schon mehrmals habe ich beobachtet wie Mitbürger ihr altes Brot in den Kocher werfen, was ja eigentlich verboten ist!

Das Rundele: »auf der Reise zum Kocher«

Sollten »Altoberkochener« noch etwas über frühere Vorkommen von Kebsen im Kocher oder in der näheren Umgebung wissen, würde ich mich über einen Anruf unter 5291 sehr freuen.

Alfred Fichtner

 
 
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