Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 590
 

Unser treues nach Italien ausgewandertes Mitglied namens Luitgard Hügle, echtes Altoberkochener Blut, hat uns wieder einmal aus heiterem Himmel eine wunderbare Geschichte geschrieben, die mehr als eine Geschichte – nämlich echte Geschichte ist. - Herzlichen Dank.

Dietrich Bantel

Die Zeit der Selbstversorgung
von Luitgard Hügle, Italien

»Wir haben daheim noch echte Kernseife«, sagte Gertrud, meine Freundin. Sowas hatten wir nicht mehr, aber wir haben in diesen ersten Nachkriegsjahren nicht wirklich Hunger gelitten. Wenig bekam man zwar mit den zugeteilten Lebensmittelmarken, aber da von meinen Großeltern noch ein paar Äcker da waren, bekamen wir Milch von den Bauern, die diese bewirtschafteten.

Jede Woche wurde ich am Mittwochabend in den »Ochsen« geschickt, eine leere Maggiflasche in meiner Einkaufstasche. Damals kaufte man alles, auch Maggi offen im Laden, da wurden die kleinen Maggifläschchen aus der großen Flasche aufgefüllt – und so eine große viereckige Flasche bekam ich mit, um sie mit Milch füllen zu lassen. Der »Ochsen« war Gastwirtschaft und Landwirtschaft zugleich. Ich ging in die Küche und stand an der Tür, bis mir jemand die Milch gab. Oft eine Stunde und mehr musste ich warten, schon deshalb ging ich gar nicht gerne hin. Aber langweilig war es nicht. Da war Anna, die am Herd stand und in großen Kacheln kochte. Immer wieder nahm sie einen Löffel und probierte ihre Gerichte. Dann kam die Bäuerin heim. Die hatte offene Füße und setzte sich in eine Ecke, um ihre Füße neu zu verbinden. Der Bauer kam und holte sich seinen Stiefelzieher hinter dem Schrank hervor und zog damit seine klumpigen Arbeitsstiefel aus. Dann kam der Kellner aus der Gaststube, eine Serviette über dem Arm und fragte nach dem bestellten Gulasch. Als er diesen bekam, nahm er seine Serviette vom Arm und wedelte damit über dem Teller. »Scheiß Flieschen, sitzen den ganzen Tag beim Nachbarn auf der Miste, aber kaum gibt’s was zu essen, sind sie da«.

Ganz anders war’s bei der Hägele-Bäuerin. Dahin wurde ich am Samstagmorgen geschickt. Es war zwar ein weiter Weg zum letzten Haus am Ortsende und ich war ja erst 6 oder 7 Jahre alt, aber ich ging dort gerne hin. Frau Hägele war sehr nett. Sie ging mit mir über den Hof, der war, wenn’s geregnet hatte, d.h. meistens, ganz schlammig. Wir gingen zu den Ställen und sie zeigte mir die Hühner und ganz kleine Kücken oder auch neu geborene Kätzchen. Manchmal schenkte sie mir ein Ei. Dann gingen wir zurück ins Haus und sie gab mir die Milch, die ich dann zufrieden und glücklich heim brachte.

Besonders im Sommer waren wir gut dran, denn wir hatten hinter dem Haus einen Garten mit Salat und Gemüse. Und Beeren gab es und Rhabarber, den aßen wir als Kompott zum Brei oder zu Pfannkuchen, wenn Mama genügend Fett hatte, um welche zu backen. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie Eltern kämpfen mussten, um die Familie satt zu bekommen.

Aber auf dem Land ging das schon. In der schlimmsten Zeit gingen viele Frauen zum Hamstern aufs Härtsfeld. Zu Fuß mit einem Rucksack oder mit dem Fahrrad. Natürlich war es gut, wenn sie etwas zum Tauschen dabei hatten. Kleider zum Anziehen bekam man mit etwas Mühe schon hin. Mancher alte Kittel wurde gewaschen und gewendet, um daraus was fürs Kind zu schneidern. Ganz problematisch war es jedoch, zu Schuhen zu kommen. Durch einen Tausch gelang es meinem Vater, 2 Paar Schäfte für Kinderstiefel zu kriegen. Nun musste ein Schuster gefunden werden, der die Sohlen beisteuerte und wirklich Kinderstiefel daraus machte. In Schnaitheim war ein Schuster bereit, und wir fuhren mit dem Fahrrad hin. Ich bekam schöne braune Stiefel in Größe 28, mein kleinerer Bruder lebte »auf großem Fuß« und bekam Größe 32. Was der Schuster dafür bekam, das weiß ich nicht – es muss wohl Ende 1946 gewesen sein, auf jeden Fall vor der Währungsreform, denn mit Geld konnte man nichts kaufen.

Blick in die alte Schusterwerkstatt im Heimatmuseum Oberkochen

Der Schuhmacher war natürlich sowieso ganz wichtig. Damit die Sohlen lange hielten, wurden sie genagelt oder bekamen ein Eisele unter die Schuhspitze und am Ende des Absatzes. Geh’ zum Holza-Schuster, sagte man mir. Zu dem ging ich ganz gerne. Er wohnte oben und schusterte unten in einem schmalen Haus in der Grambolgaß. Es war dunkel drinnen, nur dort wo der Schuster auf seinem Schemel saß, wurde es hinter seinem Kopf heller. Da war ein kleines Fenster, durch das man in sein Gärtle sah, in dem alles wild durcheinander wuchs. Er hatte einen dicken speckigen Lederschurz an, der bis zum Boden ging, und seine Brille hing ihm ganz vorne auf der Nase. Vor sich einen stählernen Fuß, auf den er den zu reparierenden Schuh zog und daneben seinen Schustertisch. Links die bereits reparierten und rechts Haufen mit »ungemachten« Schuhen. Doch was lag da nicht alles auf dem Tisch, der einen Rand hatte, damit nichts runterfallen konnte. Hämmer in allen Formen und Größen, Ahle und Zangen, Holznägel und Stahlnägel, ein Blechgefäß, geschlossen bis auf einen Pfropf in der Mitte, der angezündet werden konnte, gefährlich aussehende Messer gab es und Spachtel, Eisele und Absatzflecke in verschiedenen Größen und Formen – und wenn der Schuster gut aufgelegt war, dann begann er zu erzählen. Er wäre viel lieber Pfarrer geworden, dann hätte er den Leuten aber die Meinung gesagt. Da stand er sogar auf und proklamierte laut. Ich hätte ihm damals schon gewünscht, dass er Pfarrer hätte werden dürfen.

Man behalf sich in vielem. Klopapier wurde aus Zeitungen geschnitten. Zeitungen waren auch nützlich um sie für Einlegesohlen zuzuschneiden. Gesammelt wurde alles: Spitzwegerich und Hagebutten waren gut für Tee. Himbeeren und Heidelbeeren für Gsälz, aus Schlehen wurde Sirup gemacht und aus Tannenlymphen eine Art Honig. Aber das war eigentlich verboten, denn die Tännchen wuchsen dann ja nicht weiter.

Um den Winter gut zu überstehen, musste geheizt werden. Für das nötige Holz ersteigerte Papa einen Schlag und einige FM Holz im Wald. Dann zog die ganze Familie in den Wald, um Reisig zu bündeln und Äste zu zersägen und aufzuhäufen. Das Holz ließen wir von einem Bauern abholen, der es hinter dem Haus ablud. Dann kam der Säger. Er hatte eine fahrbare Bandsäge, kam auf Bestellung und sägte die langen Teile in „Möggel“. Diese mussten dann auf dem Holzblock gespalten werden. Das war viel Arbeit, die mein Vater mit seiner knappten Freizeit – auch am Samstag war er im »G’schäft« und abends bis spät, nicht allein bewältigte.

Dem Helfer, der dann kam, mussten wir Kinder zur Hand gehen. Danach aber kam das Aufwendigste, nämlich das gespaltene Holz auf die Bühne, den Dachboden, zu bringen. Unten luden wir die »Scheitle« in die Körbe und hängten sie an das Seil, das oben am Bühnenfenster einer bediente. Aber auch auf dem Balkon musste jemand stehen, um den Korb gut über das Geländer zu befördern. Und auf der Bühne mussten natürlich die Körbe geleert und zu ordentlichen »Beigen« geschichtet werden.
Wie froh waren wir, wenn wir das Holz trocken unters Dach gebracht hatten. Korb für Korb wurde es im Winter dann wieder herunter geholt zum Heizen.

Auf einmal hieß es: jetzt kommt die Währungs-Reform. Dann kann man wieder alles kaufen! Und ein Kotelett essen und einen ganz „schmotzigen“ Grumbierasalat mache ich dann dazu, sagte eine Tante. 200 DM Kopfgeld bekam unsere Familie. Zum Leidwesen meiner Mutter kaufte mein Vater, der sonst ja so sparsam war, gleich einen Radio. Um Nachrichten zu hören. Was los war, interessierte ihn immer sehr: hörte er ein Flugzeug, dann riss er schnell das Fenster auf und schaute nach oben. Von dem neuen Geld bekamen auch wir was, z.B. 5 Pfennige, das war ein grüner Schein, oder 10 Pfennige, das war ein blauer Schein. Münzen gab es erst viel später.

Luitgard Hügle, Italien

 
 
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