Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 584
 

Der „Motschenbach“ - Teil 1
(1910 – 1987)

Im Folgenden soll versucht werden, ein Bild eines Oberkochener Bürgers namens Motschenbach zu zeichnen, auf den hin ich in den vergangenen Jahren mehrere zig-Male angesprochen wurde. Das Ziel dieses Berichts wird sein, die zahlreichen, teilweise furchterregenden Gerüchte um diese Person von den wenigen belegbaren Fakten zu trennen.

Seit 2005, also seit demnächst 7 Jahren habe ich sporadisch immer wieder mehr oder weniger richtige oder falsche und mehr oder weniger wichtige oder unwichtige Informationen zum „Motschenbach“ gesammelt.

Ein erster Irrtum ist schnell klargelegt: Der Name dieser fast geheimnisvollen Person ist nicht, wie überwiegend falsch gesagt wird: „Motschenbacher“, sondern „Motschenbach“. Genau:

Wilhelm Georg Motschenbach

Im Amtsblatt „Bürger und Gemeinde“ vom 30. April 1987, Nummer 18, Seite 349 steht unter „In die Ewigkeit abberufen wurden“:

24.4.1987: Wilhelm Georg Motschenbach Wilhelm Georg Motschenbach - Starenweg 9 - 76 Jahre

In der alljährlich anlässlich des Totensonntags dem Amtsblatt beigelegten Totentafel des Jahrgangsbands von 1987 ist Wilhelm Motschenbach leider nicht aufgeführt, was, wäre er aufgeführt, zumindest eine Chance gewesen wäre, ein Foto von ihm aufzufinden. Diese Tatsache könnte gleichzeitig jedoch auch ein Hinweis darauf sein, dass es, – wie die Stadt später bestätigte, zumindest im näheren Umfeld des Wilhelm Motschenbach, keine Angehörigen gegeben hat.

Auf der Suche nach weiterführenden Unterlagen bat ich das Rathaus weiter um Hilfe, und erhielt eine Reihe von nicht unwesentlichen Hinweisen, (heute wäre das sicher wesentlich schwieriger), die mich weiterbrachten und an geeigneter Stelle in diesen Bericht eingefügt werden.

Als wichtig erfuhr ich zunächst, dass Wilhelm Motschenbach römisch-katholisch war. Also setzte ich mich mit dem katholischen Pfarrbüro in Verbindung und erhielt von dort die Auskunft, dass Wilhelm Motschenbach auf dem Oberkochener Katholischen Friedhof bestattet ist, und zwar „oben rechts vor den Urnengräbern an der Mitte der Mauer gegen die Bahn“.

Am 22.08.2005 suchten wir das Grab auf und fanden es auf Anhieb an der beschriebenen Stelle. Das kleine Grab (Foto 1) liegt vor dem rechten Drittel der Mauer gegen die Bahn und war zumindest damals stark eingewachsen. Es ist seither bis zum heutigen Tag im Wesentlichen unverändert. Überraschenderweise standen damals zwei blühende Blumenstöcklein im Grün. Ganz hinten, fast bei der Mauer, steht ein etwas wuchtiges ca. 80 cm hohes etwas blöckisches Steinkreuz mit einem im Verhältnis kleinen metallenen Kruzifixus darauf. Die zunächst völlig unsichtbare Grabplatte (Foto 2) fanden wir erst, als wir das wuchernde Grün an einigen Stellen zumindest so weit zurückgedrängt hatten, dass wir den Text lesen und die gusseiserne Platte fotografieren konnten. Der Text lautet:

Wilhelm Motschenbach
3.9.1910
23.4.1987

„Der Motschenbach“ war also 76 ½ Jahre alt, als er starb. Bei all den Lebensspuren, die ich vor langen Jahren schon aus seinem Gesicht hatte ablesen können, überraschte dieses Alter.

Weiter will ich ein paar der noch heute kursierenden und immer drastischer werdenden haarsträubenden Gerüchte zitieren, die mir bei der Nennung des Namens Motschenbach berichtet wurden. Die Leser wollen sie bitte auf ihren belegbaren Wahrheitsgehalt prüfen und sich gegebenenfalls bei uns melden. Als unwahr stellte die Mehrheit der Befragten diejenigen Aussagen dar, denen zufolge „Der Motschenbach“ gefährlich gewesen sein soll – im Gegenteil: Er wurde fast durchweg als „harmlos“ beschrieben.

Allerdings habe sein Äußeres sehr dazu beigetragen, dass man ihn als „gefährlich“ hätte einstufen können. Einige verglichen ihn mit einem modernen ziemlich großen „Bilzhannes“. Für gewöhnlich sei er so „herumgelaufen“, wie auch ich ihn immer wieder im Ort gesehen hatte: Von großer Gestalt, leicht nach vorne gebeugt, immer mit einem dunklen langen Lodenmantel angetan, einen uralten „blauen Anton“ darunter, und die Hosebeine in hohen großen Gummistiefeln steckend. Auf dem Kopf einen Schlapphut, wie die einen sagten, oder eine Art Basken – oder auch Schildmütze, wie andere sagten. Übereinstimmend erinnerten sich die Befragten einschließlich mir, dass „der Motschenbach“ einen großen krummen knorrigen Stock in der Hand hatte. – Ob er, wie ein weiterer Zeuge sich erinnert, eine „Captain-Flint-artige Augenklappe getragen hat, konnte niemand bestätigen. Ich selbst meine aber mich zu erinnern, dass seine Augen zumindest etwas Unregelmäßiges hatten. Unwillkürlich hatte man ob dieses ungewöhnlichen ungepflegt wirkenden Äußeren irgendwie Angst vor dem Mann, oder er war einem zumindest nicht ganz geheuer.

Über diese Beschreibung hinaus erinnerten sich einige der Zeugen, dass „der Motschenbach“ ganz gelegentlich auch von dem Stock Gebrauch gemacht hat, und zwar dann, wenn er – was offenbar der Fall war – von jugendlichen Frechlingen geneckt wurde, und vor allem, wenn sie ihm bei diesem Vorgang zu nahe kamen. – Eine vertrauenswürdige ehemalige Schülerin und einer ihrer Bekannten erinnerten sich, dass sie „in den Büschen gehockt seien“, und „dem Motschenbach“ wenig Schmeichelhaftes durchs Grün hinterhergerufen hätten, wenn er vorüberging. Dies war einmal der Mutter der Schülerin zu Ohren gekommen, woraufhin diese der Tochter erklärt hatte, dass das gemein sei, denn dieser Mann habe ein sehr schlimmes Schicksal hinter sich, weil er in irgendeinem ostischen Land Frau und Kinder verloren habe. Nach einer anderen Darstellung seien seine Frau und seine Kinder im Krieg vor seinen Augen von den Russen erstochen worden, wodurch er „verschoben“ geworden und aus dem Lot gekommen sei. – Einer dritten Version zufolge sei er hochkarätiger Wissenschaftler gewesen, und Frau und Kinder seien, weil er Jude war, vor seinen Augen erschossen worden – die ganze Familie bis auf ihn, sei „ausgerottet“ worden, – was sehr unglaubwürdig erscheint.

Fast alle diese im letzten Abschnitt beschriebenen fürchterlichen Darstellungen scheinen sich im Bereich unbelegbarer Gerüchte zu bewegen, denn zumindest den Angaben der Stadt zufolge ist Wilhelm Georg Motschenbach in Neuern, Kreis Klattau, CSR, geboren und unverheiratet gewesen, - kann also zumindest weder Frau noch eheliche Kinder gehabt haben – Dass er möglicherweise Schlimmes mitgemacht hat, erscheint hingegen durchaus wahrscheinlich, lässt sich aber bislang weder belegen noch widerlegen. Laut Angaben der Stadt hat er keine Angehörigen hinterlassen.

Sprechen hat ihn niemand gehört – nur eine Person wusste zu berichten, dass sie öfters vernommen hat, wie er laut „so unverständliches Zeug“ vor sich hingesprochen habe. Gurgellaute. Aber auch das konnte mir niemand bestätigen.

Gewohnt hat „der Motschenbach“ oben im Dreißental im Starenweg, wo dieser an die Riede-Wiese stößt. Und gearbeitet habe er beim Bäuerle in der Gießerei oder beim Oppold. Einer relativ jungen Info zufolge habe er bei Lindenfarb oder Palm einen niedrigen Job ausgeübt. Auch hier tappen wir noch im Dunkeln.

Da „der Motschenbach“ über lange Jahre zum Ortsbild gehört hat, wie „der Nickel“, oder die „Antonia“ oder die „Senze“ und viel andere markante Oberkochener oder Gastoberkochener der Sechziger- und Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, wären wir sehr daran interessiert, „Habhaftes“ zu Wilhelm Georg Motschenbach zu erfahren, gegebenenfalls vielleicht sogar Erinnerungen an persönliche Begegnungen mit ihm. In diesem Fall aber bitte nicht per Telefon (notfalls 7377) sondern mit Namen und Unterschrift schriftlich an Dietrich Bantel, Am Espenrain 3, da wir unter keinen Umständen Gerüchte verbreiten wollen.

Dietrich Bantel

PS: Zu unserem Bericht 584 „Motschenbach“: Wir haben zu diesem Bericht so zahlreiche und aufschlussreiche Zuschriften und Anrufe erhalten, herzlichen Dank, dass wir an einem zweiten Bericht arbeiten, der wohl als Bericht 586 erscheinen wird.

 
 
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