Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 583
 

Alte Fernsprecher aus Oberkochener Häusern
19. Sonderausstellung im Heimatmuseum

Anlässlich des Stadtfests eröffnen wir am Samstag, 25. Juni, 15.00 Uhr, wie in den vergangenen Jahren, unsere neue Sonderausstellung, die 19., im Raum 8 des Heimatmuseums.

Wir hatten uns das relativ einfach vorgestellt, allerdings nicht genügend eingedenk der Tatsache, dass es ziemlich unwahrscheinlich sein würde, dass sich in Oberkochen eine größere Anzahl alter Fernsprechgeräte über die Jahrzehnte hinweg erhalten hat. Wer konnte sich in dem doch relativ armen Dorf schon groß einen Fernsprecher leisten. Das waren die wenigen Industriellen – und die haben ihre alten Geräte wohl schnell entsorgt, und durch die neuesten ersetzt, wobei ihr Interesse, die alten Geräte für die Nachwelt aufzubewahren, mit Sicherheit ein geringes war. – Wären wir in Herrn Günter Kempf nicht an einen Sammler geraten, der uns hier kräftig mit Exponaten ausgeholfen hat, wäre das Ergebnis unserer Bemühungen ziemlich kläglich gewesen. Hinzu kamen dann aber überraschend dennoch auch weitere ausgefallene Stücke mit denen wir nicht gerechnet hatten. Herzlichen Dank den Leihgebern. Die Stücke sind über die Dauer der Ausstellung bis zum nächsten Stadtfest, wie immer über die Stadt versichert. Wir können nunmehr sagen:

47 Leihgaben aus 7 Oberkochener Häusern.

So können wir nun mit einer stattlichen Zahl von Exponaten aus einer Zeitspanne von über mehr als 100 Jahren hinweg mit sehr ausgefallenen Geräten aufwarten. In Bericht 552 vom 17.07.2009 haben wir, belegt durch Eintrag im entsprechenden Gemeinderatssitzungsprotokoll vom 28. Januar 1902, unterzeichnet von Schultheiß Alois Butscher, belegt, dass zu diesem Zeitpunkt das erste Oberkochener öffentliche Telefon im Rathaus eingerichtet wurde. Interessanterweise haben wir für unsere Ausstellung gleich 2 Telefongeräte erhalten , wie sie im Jahr 1902 verwendet wurden. (siehe Abbildung)

Ferner haben wir bereits vor 23 Jahren in einem unserer ersten Berichte (Bericht 19 v. 27.5.1988) eine Information von Frau Anna Barth („Pflug“) wiedergegeben, derzufolge man im „Pflug“ in den Dreißigerjahren ein Telefon hatte, - und zwar den Oberkochener Anschluss mit der Nummer 12.

Vom Fernmeldeamt Ulm erhielt ich damals auf Anfrage folgende interessante Zusammenstellung der Entwicklung des Telefonwesens in Oberkochen:

1987 entsprach die Zahl der Telefonanschlüsse ungefähr der Zahl der Haushalte. Übrigens gibt es noch heute über 20 Oberkochener Telefonanschlüsse mit einer 3-stelligen Telefonnummer. Soweit erkennbar beginnen diese allesamt mit einer „3“. Zwei bekannte Nummern sollen stellvertretend für diese Oldtimer-Nummern stehen: Firma Autohaus Büchler: 349, Friseur Gebr. Hahn: 353.

Obige Liste wollte ich aktualisieren. Das FA Ulm gibt es indes schon lange nicht mehr. Und die Telekom war auch auf 3-malige Nachfrage hin bislang nicht in der Lage, aktuelle Angaben für 2011 zu machen - was nach menschlichem Ermessen durch die mannigfaltige Zahl und Art der Anbieter, Handy-Anschlüsse, geheim gehaltene Anschlüsse usw. auch unmöglich ist. – Sollten wir von der Telekom entgegen unserer Erwartung eine habhafte Auskunft erhalten, so werden wie sie an dieser Stelle veröffentlichen.

Ein interessantes Gerät aus dem Jahr 1919 (Inbetriebnahme 1920), das uns Herr Glemser für die Ausstellung zur Verfügung stellt, trägt eine Nummer, an Hand derer wohl noch heute der einstige Besitzer auszumachen wäre…

Herrn Glemser verdanken wir auch Informationen zur Geschichte der Fernsprecher. 1908 wurde in Europa das erste Selbst-Anschlussamt in Betrieb genommen. Da sind zunächst die sogenannten OB-Fernsprecher (OB = Ortsbatterie). Der Ortsbatteriebetrieb zeichnet sich dadurch aus, dass sich bei jedem Fernsprecher eine Ortsbatterie zur Speisung des Mikrofons befindet. Mit der Kurbel (Induktor) wurde der Rufstrom für das Vermittlungsamt erzeugt. Dort wurde man vom „Fräulein vom Amt“ mit dem Teilnehmer verbunden („verstöpselt“), mit dem man sprechen wollte. Die letzte Handvermittlungsstelle wurde 1966 in Uetze aufgehoben.

Unsere ältesten Geräte stammen aus der Sammlung Kempf. Wahrscheinlich ist die No. 21 (um 1900) unser ältestes Wandtelefon. Es funktioniert über OB und ist wunderschön in Mahagoniholz gearbeitet. - Ein Einhängehörer stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Auch ein sehr altes „Klappenschranktelefon“ (1902) stammt aus dem Besitz von Herrn Kempf.

In unserer Ausstellung können wir auch eines der ältesten schnurlosen Telefone zeigen. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, dass wir anlässlich einer Fahrt mit dem Gemeinderat in einem Ettlinger Hotel verhockten und ich meiner Frau von der Theke aus anrief, um zu verkünden, dass „es“ später wird. Die Dame an der Theke sagte mir, dass ich das Gerät gerne mit an meinen Platz an den Tisch nehmen könne. Ich blickte nichts und kuckte sicher wie ein holländischer Omnibus… Natürlich nahm ich das Gerät trotzdem mit an meinen Tisch. Das war die Sensation des Tages - - und alle Gemeinderäte wollten natürlich auch mit meiner Frau sprechen, um sie zu beauftragen, sie solle doch bitte auch ihren Frauen ausrichten, dass „es“ später werde…

Ein bemerkenswertes überraschend schweres Gerät (3500 gr) ist ein auf dem Flohmarkt erworbenes Feldtelefon der Bundeswehr aus dem Besitz von Elli und Viktor Stopar – Auf der Rückseite trägt es in Rot einen Stempel „September 1967“ – wohl das Datum der Ausmusterung.

 

Unser von der Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins Oberkochen her bekannter Werner Riedel (UJAG-Riedel) hat uns ein seltenes Gerät mit „schwarzer Blechkarosserie“ aus dem frühen 3. Reich, 1939, zur Verfügung gestellt.

Sie können ferner sehen: Geräte mit Gebührenanzeige, ein uraltes Mobiltelefon (1992 ?) – Edeltelefone in Elfenbein und orange, - Wandtelefongeräte, sämtliche Variationen der berühmten schwarzen Bakelit-Telefongeräte und als Besonderheit ein solches, von der Form her anders gestaltet, aus der ehemaligen DDR.

Nehmen Sie sich die Zeit, sich unsere kleine aber exklusive Ausstellung anzuschauen, und unser Wissen möglicherweise durch das Ihre zu erweitern.

Dietrich Bantel

 
 
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