Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 582
 

Barocke Regimentskasse
Neu im Museum

Der 30. Mai 2011 wird als der „Tag der Regimentskasse“ in die Geschichte des Heimatmuseums eingehen.

Anfang des Monats hatten wir einen Anruf von Herr Dieter Fröhlich, Oberkochen, erhalten, ob wir an einer alten möglicherweise aus dem 30-jährigen Krieg stammenden reich geschmückten eisernen Schatztruhe interessiert seien – er selbst und seine Frau Brigitte, geb. Bezler (Kratzer), sowie der Rest der Familie hätten sich entschlossen, das ausgefallene echt museale Objekt dem Heimatmuseum zu stiften. Das klang wie im Märchen.

Am vergangenen Montag war es dann so weit. Unser Vorstandsmitglied Michael Müller sowie die Herren Fröhlich und Kunisch brachten das kostbare Stück ins Museum. Es war so schwer, dass man zu zweit mächtig zu tun hatte, die Truhe ins 1. OG zu schaffen. Ihr Standort war schon festgelegt: Raum 4, Neuzeit ab der 1. urkundlichen Erwähnung Oberkochens, 1335, dort, wo in einer Pultvitrine die alten Dorfordungen des 16. Jahrhunderts und das Aalener Protokoll von 1749 ausgestellt sind, und vor allem auch die Kurve, die die Bevölkerungsentwicklung des Orts ab dem 30-jährigen Krieg zeigt. Oberkochen hatte vor dem 30-jährigen Krieg 500, nach demselben noch 100 Einwohner. Es dauerte ca. 200 Jahre, bis Oberkochen wieder auf 500 Einwohner angewachsen war. - Das seit der Reformation, 1553, konfessionell geteilte Dorf hatte um die Zeit um 1720/1730 herum, etwa die Zeit, zu der die Truhe gefertigt wurde, etwa 200 katholische und 100 protestantische Einwohner.

Dieser gewichtige Vorläufer eines Kassen- oder Geldschranks weist die äußeren Abmessungen von 63 cm Länge, und jeweils 40 cm Höhe und Tiefe auf. Im Deckel befindet sich ein äußerst kompliziert gearbeitetes 5-faches Schloss (3 Schlösser an der Längsseite mit den Angeln und je ein Schloss auf der linken und eines auf der rechten Seite. Der Schloss-Mechanismus ist durch eine aus dem Deckel herausnehmbare reliefierte silbrige Deckplatte geschützt. Dieses Relief ist mit zwei Pferden und barock geschwungenen Ornamenten, die noch Spuren einer roten Bemalung aufweisen, geschmückt. In der Vorderfront der Truhe ist ein wundervolles doppelachsialsymmetrisches Rankenornamentrelief eingearbeitet, das im weitesten Sinn an gespiegelte königliche Lilien erinnert.

Dr. Thiel vom Landesdenkmalamt vermittelte uns Herrn Blumer, einen LDA-Restaurator, der schon bei unseren Alamannen Hervorragendes fürs Oberkochener Museum geleistet hat. Herr Blumer bezeichnet unsere Truhe als „Regimentskasse“, eine Art Tresor der Barockzeit. Sämtliche 5 Schlösser funktionieren gleichzeitig über einen einzigen Schlüssel, dessen Original nicht mehr existiert, jedoch von Horst Grupp in ein paar Nachtschichten in hervorragender Weise auf einfache Art funktionstüchtig nachgebaut wurde. Von den zusätzlichen Klappriegeln, die extra mit Maderschlössern gesichert wurden, fehlt eines, was der faszinierend dekorativen Wirkung der Truhe keinen Abbruch tut. Wörtlich schreibt Herr Blumer: „Makellos kosten derartige Truhen derzeit ca. 2000,-- bis 3000,-- Euro. Vor einigen Jahren konnte man (vom Kaufpreis, der wesentlich höher lag), lässig einige Tage in den Luxusurlaub fahren. Das ist leider vorbei. Antiquitäten (die rein dekorativ sind) will kein Mensch mehr (Staubfänger). „Unsere“ Regimentskasse wird vom LDA wie gesagt ins 18. Jahrhundert datiert.

Ein Vereinsmitglied des HVO besitzt das 1913 erschienene Fachbuch „Der Schlosser“ – Bibliothek des Handwerks – von J.E. Meyer, Donaueschingen – Verlagsanstalt vormals G.J. Manz – Regensburg. Aus diesem Werk ist erkennbar, dass „unsere“ Regimentskasse um 1720 /1730 herum entstanden ist – wohl im süddeutschen Raum. Das heißt, dass die Fröhlich’sche Truhe nicht ganz so alt ist, wie zunächst vermutet. Aber immerhin lagen wir mit „barock“ altersmäßig doch ziemlich gut.

Zum Begriff „Regiment“ weiß Wikipedia/Google: Eine Kompanie besteht aus ca. 60 bis 250 Soldaten, ein Bataillon sind 300 – 1200 Soldaten. Ein Regiment setzt sich aus 3 - 4 Bataillonen zusammen, sodass davon ausgegangen werden kann, dass die Truhe einst den Lohn über einen bestimmten Zeitraum hinweg für plusminus 3000 Soldaten beinhaltet hat. - Die Begriffe „Söldner“ und „Sold“ sind neuerdings im Gegensatz zu dem Begriff „Soldat“ laut Wikipedia ohne nähere Ausführungen eher etwas negativ besetzt.

Zur Geschichte der Regimentskasse wissen wir leider nicht allzuviel. Hier ließe sich eine wunderschöne Geschichte erfinden. Herr Fröhlich teilt uns indes mit, dass ihm ein ihm bekannter und wohlgesonnener Heidenheimer Geschäftsmann (Herr Fröhlich ist gebürtiger Heidenheimer) die Truhe kurz vor dessen Tod vor 18 Jahren überlassen hat.

Herzlichen Dank für die herrliche Bereicherung unseres Museums!

Nachtrag:

Soeben erfahren wir vom LDA, dass unsere eiserne Truhe auch durch eine zweite Expertise in den Anfang des 18. Jahrhunderts, in diesem Fall sogar noch früher, nämlich „um 1700“ datiert wird. Nun kann also mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die Regimentstruhe mindestens 300 Jahre alt ist.

 

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Dietrich Bantel

 
 
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