Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 576

Dr. Eberhard Sußmann
Erster niedergelassener Arzt in Oberkochen
1916 – 2008

Aus unserer Sonderbeilage zum Jabo-Überfall auf den KZ-Häftlingstransport am 1. April 1945 ergaben sich für unseren Ansprechpartner bezüglich des KZs Neckarelz, Herrn Arno Huth aus Mosbach, einige Fragen, von denen wir inzwischen drei beantworten können.

Frau Valeria Franz, geb. Burkhard, und eine andere Oberkochenerin stellen fest, dass es sich bei der von Zeitzeugen aus dem Häftlingstransport genannten „Diakonissin“, die sich in Oberkochen um Verletzte gekümmert hat, nicht um eine solche gehandelt haben kann, da es zu dieser Zeit noch keine Diakonissinnen in Oberkochen gegeben hat. Dagegen erinnert sich Frau Franz daran, dass sie gesehen hat, wie sich Schwester Aspedia nach dem Angriff beim kocherabwärts gelegenen Armenhaus um einen Schwerstverletzten gekümmert hat („dem quollen die Eingeweide zum offenen Bauch heraus“). Schwester Aspedia habe sie und ihre Freundin aufgefordert, weiterzugehen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass diese in Oberkochen später sehr bekannte Schwester mit einer „Diakonissin“ verwechselt wurde. Schwester Aspedia (mit weltlichem Namen Walburga Maurer) erhielt übrigens für ihr herausragendes soziales Engagement im Jahr 1977 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Ferner konnte inzwischen belegt werden, dass bei dem Angriff vom 1.4.45. einige verletzte Häftlinge von Oberkochen tatsächlich nach Aalen in ein Krankenhaus oder Lazarett kamen. Demnach sind „2 unbekannte Insassen eines Konzentrationslagers…am 1.4.1945 in Aalen im Lazarett (Parkschule) verstorben und wurden auf dem Friedhof in Aalen begraben“. – Dieser Bericht deckt sich mit der mehrere Jahre alten Aussage von Emil Elmer, derzufolge „Verletzte mit einem Opel Blitz abtransportiert worden seien, vermutlich nach Aalen ins Krankenhaus“.

Dr. Sußmann

Besonders berührend ist eine weitere Aufklärung:
Auf die BuG-Sonderbeilage vom 24.09.2010 hin erhielten wir unter zahlreichen Anrufen auch einen von Frau Bertha Hahn, nach deren Aussage es sich bei dem gesuchten unbekannten „jungen, human gesinnten Militärarzt aus dem Lazarett Heidenheim..“ mit sehr großer Wahrscheinlichkeit um Dr. Eberhard Sußmann gehandelt habe, der sich um diese Zeit als erster praktischer Arzt und Geburtshelfer in Oberkochen niederließ. Frau Hahn vermittelte die Freiburger Anschrift und die Telephon-Nummer von Tochter Renate Lüdtke, geb. Sußmann, wodurch ein langes und herzliches Gespräch zustande kam in dessen Verlauf Frau Lüdtke bestätigte, dass ihr Vater ihr von diesem schlimmen Ereignis erzählt hatte. Außerdem erklärte sie sich bereit, einen kleinen Bericht über ihren Vater zu schreiben. Dieser Bericht inzwischen in hier eingetroffen.

Hier der Brief:
Vater ist am 6.6.1916 in Magdeburg geboren. Einzelkind, Vater im Krieg gefallen. Mutter hat ihn zielstrebig und streng erzogen. Er war ein strebsamer guter Schüler und studierte Medizin in Marburg. Kaum Examen musste er als Stabsarzt in den Krieg, Haupteinsatz in Südfrankreich auf einem Fliegerhorst bei Sête. Rückkehr 1944 gerade rechtzeitig zur Geburt seines ersten Kindes Jürgen Ende Juli.
Er war dann Assistenzarzt bei Dr. Walz, schwerpunktmäßig wohl auch Gynäkologie.
Ab 1945 (?) erster und einziger Arzt in Oberkochen, Bahnhofstraße 5 in der Bäuerle Villa. 1946 Geburt Renate.

Als Geburtshelfer hat er an die 100 Kinder mit zur Welt gebracht, zusammen mit den Hebammen Holz und Hauber. Ein Blinddarm entpuppte sich als strammer ausgewachsener Junge. Viele Anekdötchen gab‘s, die ich leider nicht mehr weiß. Wurst und Eier gab‘s fürn Doktor immer, manchmal anstelle einer Entlohnung. Wir litten nie Hunger.

Er liebte es, zu Kuchenbackzeiten Krankenbesuche zu machen und naschte gerne Teig! Des Schwäbischen war er nicht mächtig und mancher Okoner nahm ihm seine preußischen Worte übel.

Vater war auch Reisedoktor; mehrmals im Jahr war deshalb seine Praxis zu. Dr. Borst, Dr. Jordan, Dr. Schwarz kamen als Kollegen dazu. Ich glaube kurz (?) war er auch Betriebsarzt bei Zeiss – bin mir aber nicht ganz sicher. Er war Versehrtenarzt und ging jeden Mittwoch mit ihnen im Heidenheimer Bad schwimmen. Fliegerarzt, Sanitätsarzt beim DRK, Gründungmitglied beim Schwimmverein Oberkochen, und glaub auch Vorstand desselben. Außerdem war er Sportarzt beim Boxverein, wo er die heißen Kämpfer und die eventuell Verletzten betreute.

1984 machte er die Praxis dicht und reiste sofort mit Flug, Schiff und Mumienbus durch Südamerika. Schon als Student hatte er sich als Reiseleiter bewährt und somit sein Studium finanziert. Er fuhr auch mit dem Fahrrad von Magdeburg über den Bodensee, Höllental bis Frankfurt, damals ein abenteuerliches Unternehmen. Mit dem Paddelboot gings die Elbe abwärts und auf dem Frachter per Huckepack wieder zurück.

Als Sanitäter hoch zu Ross im militärischen Einsatz

Segeln und Segelfliegen waren seine weiteren Leidenschaften. Auf der Wasserkoppe hat er seinen ersten Flugschein erobert. An einem Freitag, dem 13. stürzte er am Heuberg aus geringer Höhe ab und kam mit einer Gehirnerschütterung davon . Von da an war er abergläubig.

Später hat ihn das Wasser mehr angezogen als die Luft; vor allem am Bodensee war er aktiv mit seinem immer ein wenig wachsenden Segelboot – schöner Kommunikationspunkt für Freunde.

Skifahren begeisterte ihn schon früh und bis ins hohe Alter von 85. Bergtouren mit Führer und tollen Tiefschneeabfahrten. Ein Einkehrschwung zur Mittagszeit, ein Viertele, und schon war er locker für die Abfahrt ins Tal. Sauna und gutes Essen, gute Weine, gute Bücher, Philosophie, Hobbiefilmer und Schachspieler. Zu medizinischen Vorträgen ging er solange er Autofahren konnte: 80. Unermüdlich interessiert. Spaziergänge, lange, auch das bis ins hohe Alter.

Vater starb am 5.12.2008 mit 92 ½ Jahren nach einem inhaltsreichen, spannenden, erfüllten Leben im Altenheim in Oberkochen, wo er die letzten 3 Jahre mit Marga gut versorgt wurde – und sehr geschätzt.
Soweit Dr. Eberhard Sußmanns Tochter Renate.

Zu den schlimmen Ereignissen am 1.4.1945 schreibt Renate Lüdtke noch extra: „….ich weiß, dass dieser Einsatz gefährlich, und die Sorge, erwischt zu werden, groß war. Vater hatte viel Zivilcourage…“

Insofern ist dieser Bericht ein nicht alltäglicher und umso wertvollerer Bericht in unsere Weihnachtszeit.

Mittlerweile sind 65 Jahre vergangen, seit Dr. Eberhard Sußmann, der „Ebbe“, wie ihn seine engeren Freude nannten, unter tragischen Umständen zum ersten Mal als Arzt in Oberkochen gewirkt hat. Und wenn man heute an der Sußmann’schen Praxis in der Bahnhofstraße gegenüber dem Katholischen Friedhof vorübergeht, könnte man meinen, die Zeit sei stehen geblieben.

Korrekturen, Ergänzungen und besondere Erinnerungen an Dr. Sußmann wenn möglich bitte schriftlich an den Heimatverein.


Als DRK'ler aktiv bei einem Umzug". (Wer weiß, wann?)

Dietrich Bantel

 
 
Übersicht

[Home]