Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 575

Dr. Alfred Hildebrandt - Teil 2
1870 – 1949 

Unser Aufruf vom 29. Oktober brachte zahlreiche und wertvolle neue Erkenntnisse zu Dr. Alfred Hildebrandt und seinen Angehörigen. Die wir allesamt an den Hildebrandt-Forscher Herrn Alexander Kauther ( www.johflug.de ) nach Berlin weitergeleitet haben und auch weiterhin weiterleiten werden – denn auch der mit 14 Tagen Verzögerung gebrachte Bericht in der „Schwäbischen Post“ vom 15. November brachte neue Informationen. - Mittlerweile kann gesagt werden, dass Hildebrandt eine Persönlichkeit war, die die Geschichte Oberkochens gegen Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegs-Geschichte des damaligen Dorfs kräftig bereichert. Dr. Hildebrandt, so stellten die Zeitzeugen übereinstimmend klar, kam nicht bereits in den Dreißigerjahren, sondern erst im August 1944 im Zeichen der sogenannten „Evakuierung“ nach Oberkochen, und zwar ins Haus der Familie Wilhelm Sauerbrey, die in der alten „Villa Walter“, später unter dem Namen „Röchlingvilla“, Aalener Straße 52 bekannt, wohnte.

August 1944 bedeutet, dass die Hildebrandts den Einmarsch der Amerikaner in Oberkochen am 24.4.1945 hautnah mitbekommen und erlebt haben müssen. Wie und weshalb kamen die Hildebrandts nach Oberkochen?

Dr. Alfred Hildebrandts Bruder, Prof. August Hildebrandt, war mit Wilhelm Sauerbrey, dem Technischen Leiter der Firma Röchling Kaltwalzwerk, befreundet. Die Freundschaft geht auf eine gemeinsame Zeit in Goslar zurück. - Glücklicherweise gibt es die Röchling-Villa, (Abbildung) die ursprünglich von Fabrikant Walter (Abbildung: Plan von 1907) erbaut und 1928, zusammen mit der Walter’schen Fabrik, von Röchling übernommen worden war, noch. Die markante Villa wurde erst im letzten Jahr als Praxis für Krankengymnastik von Thomas Böttcher erworben; sie war unter den Vorzeichen einer bevorstehenden Bebauung abbruchgefährdet, konnte jedoch glücklicherweise vor der Zerstörung gerettet werden.

Planzeichnung der Villa Walter vom August 1907

Villa Röchling 2009

Weiter sagten sämtliche Zeitzeugen übereinstimmend aus, dass Dr. Hildebrandt – entgegen einer ursprünglichen Vermutung - mit Sicherheit keine Berührung mit dem Rüstungsbetrieb Fritz Leitz hatte. Nicht zuletzt der Sohn des Schwiegersohns von Fritz Leitz, Hannes Seyfried, dessen Vater und Schwiegersohn zu Fritz Leitz den Betrieb nach dessen frühem Tod im Jahr 1942 übernommen hatte, untermauerte diese Feststellung.

Nicht weniger als ungefähr 10 Oberkochener – weitere Personen, die ihn gekannt haben, wurden genannt - erinnern sich noch lebhaft an Dr. Hildebrandt, der als ruhig und zurückhaltend bis schweigsam geschildert wird, eher verschlossen aber durchaus angenehm und korrekt nach „alter Schule“. - Oft habe man ihn in einem langen Soldatenmantel spazieren gehen sehen.

Frau Hildebrandt wird als „feine Frau“ geschildert, sehr nett, rege und aufgeschlossen. Eine Alt-Oberkochenerin charakterisierte sie schwäbisch als „a wuasaligs Weib“. Sie lebte nach dem Tod ihres Mannes im Karlsstift (Altenpflegeheim) in Schorndorf und wurde nach ihrem Tod (18.5.1956), in Oberkochen in dem heute aufgelösten Grab ihres Mannes beigesetzt. Emil Elmer, gute 80 Jahre alt, entsinnt sich sehr wohl an Alfred Hildebrand, der jetzt 140 Jahre alt wäre. Josef Rosenberger, späterer Chef beim Röchling KWW Oberkochen, hat „als Stift beim KWW“ bei Hildebrandts den Strom in der oberen Wohnung der Röchling-Villa abgelesen. Herr Rosenberger konnte für uns, resp. Herrn Kauther/Berlin, den Kontakt zu Herrn Hermann Sauerbrey, dem Sohn des alten Firmenchefs (Technischer Leiter des KWW Oberkochen), herstellen. Inzwischen hat sich durch dessen Vermittlung auch der Enkel von Dr. Alfred Hildebrandt, Wolfgang Hildebrandt, bei Herrn Kauther in Berlin gemeldet. – Das heißt, dass wir mit Sicherheit bald noch weitere Details zum Leben und Wirken des Luftfahrtpioniers erhalten.

Frau Hilde Wingert und Frau Sabine Schütze - letztere besitzt sogar ein Foto aus den Vierzigern: Enkel Wolfgang auf der Treppe der Villa Röchling - haben persönliche Erinnerungen an die Familie, die allerdings von Enkel Wolfgang Hildebrandt teilweise richtiggestellt wurden. - Beide Söhne des Ehepaars Dr. Alfred und Erna Hildebrand waren früh ums Leben gekommen. Wolfgang, der Ältere der beiden Söhne, geb. 1910, kam 1937 bei einem Autounfall ums Leben. Horst, der Jüngere, geb. 1912, ist 1944 in der Ukraine gefallen. Seine Frau Brigitte war nicht, wie von Oberkochenern angegeben oder vermutet, eine Französin, hatte aber einen französisch klingenden Geburtsnamen (Caille). – Im gleichen Jahr 1944 kam Sohn Wolfgang, also der bereits erwähnte und „aufgespürte“ Enkel von Dr. Alfred und Erna Hildebrandt, auf die Welt. Dieser lebt heute im Saarland. Mutter Brigitte war es angeblich, die, nachdem ihr Mann Horst 1944 in der Ukraine gefallen war, in diesem Jahr den Wechsel der Familie von Berlin nach Oberkochen „betrieben“ hatte. Frau Wingert wusste zudem, dass der Firmenchef Sauerbrey versprochen hatte, sich um die Kriegerwitwe zu kümmern. Brigitte Hildebrandt, Schwiegertocher des Ehepaars Dr. A. und E. Hildebrandt, ist, wie wir soeben von ihrem Sohn Wolfgang erfahren, erst im letzten Jahr im Alter von 87 Jahren verstorben.

Unter die Haut geht eine anderthalbseitige vom stellvertretenden Bürgermeister Josef Schmid unterzeichnete „Bedürftigkeits-Erklärung“ vom 20. März 1946, ausgestellt auf den Namen „Dr. Alfred Hildebrandt aus Berlin-Charlottenburg, seit dem 3.8.1944 evakuiert nach Oberkochen“. Dort werden nicht nur gravierende körperliche Schäden wie Gehirnerschütterungen und Verletzungen durch Bombensplitter bei einem Luftangriff, sondern auch 7 Knochenbrüche, verursacht durch „12 Bruchlandungen von Ballonen und Flugzeugen“ aufgeführt. Die monatliche Unterstützung vom Fürsorgeamt Aalen von leihweise 82.- RM reiche nicht aus, die notwendigste Existenz zu fristen, weshalb der Antrag auf Hilfe gestellt wird, zumal die Geldinstitute die in der russisch besetzten Zone befindlichen Altguthaben sowie das Ruhehalt vor entsprechend abgeschlossenem Entnazifizierungsverfahren nicht ausbezahlen. Da zu diesem Zeitpunkt auch Frau Hildebrandt als schwächlich und hilfsbedürftig bezeichnet wird, wird ferner festgestellt, dass das Ehepaar Hildebrandt nicht ohne fremde Hilfe (Haushaltsgehilfin) auskommen kann.

Frau Marianne Zick, die schräg gegenüber der Röchlingvilla wohnt, wusste von einer Haushaltshilfe namens „Hannchen“, das von Berlin mitgebracht worden war, später jedoch heiratete. Alsdann habe Frau Marschalek, Frau des langjährigen SPD-Gemeinderats Marschalek, als Reinmachefrau geholfen.

Weiteres Ungemach, auf das hier nicht näher eingegangen wird, entstand Hildebrandt – wie durch einen minutiös geführten dicken Aktenordner (Landesarchiv des Staatsarchivs Ludwigsburg) belegt ist - durch seine Mitgliedschaft in der NSDAP, der er von 1933 – 1938 (1940?) angehörte, jedoch aufgrund eigener Aussage als „Hochgradfreimaurer“ und zudem als Vorsitzender der Ortsgruppe Goslar der „Demokratischen Partei“ nie richtig in der „Partei“ aufgenommen wurde.

Offenbar war er nur nolens-volens Mitglied in der NSDAP. - Fest steht, dass das Verfahren gegen ihn, das bei der Spruchkammer Aalen anstand, durch die sogenannte Weihnachtsamnestie v. 6.2.1947, an dessen Ende er als „Mitläufer“ eingestuft wurde, eingestellt wurde. Zahlreiche Freunde hatten Hildebrandt entlastet, darunter auch der Ballonfahrer und Tiefseepionier Auguste Piccard, der ihm bereits mit Datum vom 28.7.1946 schriftlich „eine ausgesprochene Antipathie gegen die Hitlerbande“ bestätigt hatte. Piccard war wohl auch derjenige, durch dessen Vermittlung Hildebrandt als eine der ersten deutschen Persönlichkeiten bald nach dem Krieg zu einer internationalen Tagung in die Schweiz eingeladen wurde. Oberstleutnant Hildebrandts Berufsbezeichnung lautet in der genannten Akte „Schriftsteller“. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist sehr umfangreich. In einem von Kurt Ruthe, Holzminden, verfassten und im Internet veröffentlichten Nachruf ist die Rede von „Tausenden von Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften, Büchern und Zeitungen“. - Herbert Fritze, wohnhaft auf der Oberkochener Heide, machte uns auf das in seinem Besitz befindliche Buch „Geschichte der Luftfahrt“ aufmerksam, in dem ein Beitrag über Hildebrandts Wirken als Luftschiffer-Hauptmann enthalten ist.

Das Archiv der „Schwäbischen Post“ besorgte dem Heimatverein in dankenswerter Weise einen Nachruf der wenige Tage nach dem Tod Dr. Hildebrandts (24.2.1949) erschien. Am besten fasst dieser Nachruf vom 3.3.1949 die Bedeutung Dr. Hildebrandts zusammen:

Luftfahrtpionier Dr. Hildebrandt gestorben

Oberkochen. Mit Hauptmann a.D. Dr. A Hildebrandt verstarb einer der ältesten und begeistertsten Pioniere der Luftschifferei. Über 50 Jahre lang hat sich Hildebrandt in praktischer Arbeit wie als Schriftsteller für die Belange der Fliegerei eingesetzt. Besonders Graf Zeppelins lenkbarem Luftschiff galt sein ganzes Interesse, und auch nach dem (1.) Weltkrieg war Hildebrandt einer der ersten, die sich für die Wiederaufnahme des Zeppelinbaus einsetzten. Während seiner Soldatenjahre war er Angehöriger der ersten aufgestellten Luftschiffertruppe gewesen. Seine besondere Anteilnahme galt der Idee der Aeoroarktik, deren Bedeutung er frühzeitig erkannte und durch Geldsammlungen nachdrücklich betonte. Dr. Hildebrandt führte eine Expedition ins nördliche Eismeer durch und hatte wesentlichen Anteil an der Errichtung der Rostocker Luftwarte. Seinen Bemühungen blieb auch die äußere Anerkennung nicht versagt. Schweden ehrte ihn durch Verleihung des Nordsternordens für seine wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Luftfahrt. Enge persönliche Beziehungen verbanden ihn mit dem bekannten Stratosphärenforscher Prof. Piccard, der ihn laufend über seine kürzlich abgebrochenen Tiefseetauchversuche orientiert hatte. Er wurde auch durch eine Einladung zu einer 1947 in der Schweiz zusammengetretenen Tagung über Luftfahrt eingeladen und war damit wohl einer der ersten Deutschen, die wieder zu internationalen Tagungen hinzugezogen wurden.

Alexander Kauther wird seine Dokumentation über Hauptmann a.D. Dr. Alfred Hildebrandt noch in diesem Jahr abschließen und dann dem Archiv des Heimatvereins ein Exemplar seiner Arbeit zukommen lassen, was er auch im Gästebuch unserer Homepage www.heimatverein-oberkochen.de  ankündigte.

Dietrich Bantel

 
 
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