Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 572

Leseholz vor 54 Jahren

Von einem unserer Leser erhielten wir kürzlich auf digitalem Wege einen alten Erlaubnisschein zum Leseholzsammlen übersandt. Das über ein halbes Jahrhundert alte vom Oberkochener Forstamt im Jahr 1956 ausgestellte Dokument war als Formular damals schon damals 9 Jahre alt (Formular N. 13 - 1947 gedruckt) und ist noch in Fraktur geschrieben, weshalb wir den Text in „Lesbares“ übersetzen.

Inhaltlich und formal gehört das Dokument einer längst vergangenen Zeit an, wenngleich das Amtsdeutsch auch heute noch vielfach zum Lächeln oder gar zum Lachen animiert.

Forstamt Oberkochen
Erlaubnisschein zum Leseholzsammeln

Gültig nur für eine Person.
Jennel, Kurt, Oberkochen, Mühlstr. 11
(Anmerkung: der Familienname ist falsch geschrieben. Es handelt sich um Kurt Jähnel)
oder an seiner Stelle eine der mit ihm in häuslicher Gemeinschaft lebenden, über 14 Jahre alten Person,
je am Mittwoch und Samstag in den nachstehenden Staatswaldungen:

IV Eselbuch (s. u.)

Leseholz zu sammeln, wobei die nachstehenden Vorschriften zu beachten sind:

  1. Sollte der Holztag auf einen Feiertag fallen, so gilt die Erlaubnis für den vorhergehenden Werktag.
  2. Zum Leseholz gehört nur dürres, am dicken Ende nicht mehr als 7 cm starkes Holz, und zwar dürres Holz, das am Boden liegt, sowie dürres Ast-und dürres Bodenholz, das abgebrochen werden kann, ebenso abgefallene Nadelholzzapfen.
  3. Den Erlaubnisschein hat die obengenannte Person, beziehungsweise ihr Stellvertreter, im Walde und beim Heimschaffen des Leseholzes stets bei sich zu tragen, auch auf Verlangen dem Forstbeamten vorzuzeigen.
  4. Verboten ist:
    1. das Leseholzsammeln in den Monaten Mai und Juni überhaupt und in der übrigen Zeit an anderen Tagen oder in anderen Waldungen als den obenbezeichneten sowie in der Zeit von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang;
    2. das Sammeln an Plätzen und in Beständen, die durch Verbot oder Warnungszeichen geschlossen sind, und in Schlägen, in denen die Holzhauer arbeiten, oder in denen das gefällte Holz noch nicht abgeführt, oder das Sammeln des Abraums noch nicht vollzogen ist;
    3. das Zusammenbinden des Holzes mit Wieden, es muss hierzu ein Strick von Hause mitgebracht werden;
    4. das Abführen des Holzes aus dem Inneren des Waldes und das Heimführen auf hierzu hergebrachten bespannten Fuhrwerken, sofern nicht von dem Forstamt die Erlaubnis erteilt wurde, zur Abfuhr des Leseholzes auf bestimmten und im Leseholzschein beschriebenen Wegen leichte Fuhrwerke zu verwenden. In Ermangelung dieser Erlaubnis ist das Heimführen des an die Waldgrenze oder an die Wege getragenen Holzes auf Handwägelchen, Handkarren oder Handschlitten gestattet;
    5. das Heimschaffen des gesammelten Leseholzes durch andere Personen als den rechtmäßigen Inhaber des Erlaubnisscheins, ferner das Heimschaffen an anderen Tagen als am Holztag sowie in der Zeit von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang;
    6. der Verkauf des Leseholzes;
    7. das Überlassen des Leseholzzettels an Kinder unter 14 Jahren oder an fremde, nicht zur Familie oder zur Hausgenossenschaft gehörige Personen;
    8. die Ausübung der Leseholznutzung durch eine Person, welche diesen Erlaubnisschein nicht bei sich führt;
    9. das Mitnehmen von Hunden

Wer den vorstehenden Vorschriften zuwiderhandelt, hat die Abnahme des Erlaubnisscheins und unter Umständen forstpolizeiliche Strafe zu erwarten: das erstere kann insbesondere auch im Falle von Ungebühr oder Widersetzlichkeit gegen die Forstbeamten verfügt werden.

Dieser Erlaubnisschein bleibt, falls nicht vorher Widerruf erfolgt, gültig bis zum 31. XII. 1956.

Oberkochen, den 17.1.1956 – Forstamt i.A. Eigenbroth
Stempel: Staatl. Forstamt Oberkochen

Anmerkungen:

Karl Schurr erwähnt den „Eselbuch“ auf Seite 247 des Heimatbuchs in seinem Artikel zu den Flurnamen in Oberkochen gleich zweimal:

Eselbuch heißt der Rücken und die nach SO geneigte Hochfläche vom Rodstein Richtung Ochsenberg. Der Name steht für den Distrikt IV des Staatswaldes (s.o.)

Eselbuch erinnert an den noch heute reichlich vorhandenen Buchenwald. Esel benutzte man als Tragtiere für die dort auf vielen noch erkennbaren Meilerplätzen erzeugte Holzkohle.

In diesem Zusammenhang sei auch der Eselweg erwähnt, der von der alten Kreisstraße beim früheren Bettelbrunnen abzweigend zum Zwerenberg und aufs Härtsfeld hinaufführt.

Reinhold Vogel, 26 Jahre „im Geschäft“, stellt fest, dass es diese Holzlesescheine seit seiner Zeit, also seit über einem Vierteljahrhundert, wahrscheinlich schon länger, im Forst nicht mehr gibt.

Eigentlich schade um Begriffe wie „Holztag“, „Warnungszeichen“, „Ungebühr, „Handschlitten“, bespannte Fuhrwerke, „Widersetzlichkeit“ „das Heimschaffen“ oder Formulierungen wie “ „hiezu“ oder „die Ausübung der Leseholznutzung“.

Dietrich Bantel

 
 
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