Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 57
 

Das »Bergheim«

Auch heute noch, 44 Jahre danach, kann man aus dem Munde von Altoberkochenern die Bezeichnung »HJ-Heim« vernehmen, wenn vom »Bergheim« die Rede ist. Tatsächlich kennen die nach dem Kriege Zugezogenen die Geschichte dieses über »1000 Jahre alten« Gebäudes nicht. Es war in der Tat als HJ-Heim gebaut, vor nunmehr genau 51 Jahren. Bei denen, die die Zeit hier miterlebt haben, oder zumindest bei einigen von ihnen, blieb die Bezeichnung HJ-Heim haften, so, wie die echten alten »Schturgrtr« heute noch das Gebäude der Bundesbahndirektion in Stuttgart nicht als solches, sondern als »Reichsbahndirektion« bezeichnen. Keiner denkt sich was dabei, - obwohl es so Vieles hierbei zu denken gibt.

Die Bauakten des »Bergheims« sind beim Stadtbauamt vollständig erhalten.
Dort befindet sich ein Plan mit folgenden Bezeichnungen:

1. Fertigung
Gemeinde Oberkochen - Kreis Aalen
Baugesuch der Gemeinde Oberkochen für die Erstellung eines Hitlerjugendheimes auf eigenem Grundstück (Parzelle Nr. 2226/1)
Architekten Otto Köbele und Adolf Reichle, Stuttgart-N, Seestraße 90

Der Plan ist mit Datum vom 16.12.1937 erstellt und eingereicht und bereits mit Datum vom 20.1.1938 genehmigt. Das Baugesuch ist unterzeichnet vom damaligen Bürgermeister der Gemeinde Oberkochen, Otto Heidenreich, (Bürgermeister in Oberkochen von 1934 bis 1945).

Im Baubeschrieb wird das Gebäude folgendermaßen erfaßt:
Kellergeschoß, Erd- und Obergeschoß beiderseits verputzte Metersteine.
Dachgeschoß ausgeriegelte Holzfachwerkwände, teils verputzte Leichtbauplatten.
Biberschwanzdach mit Doppeldeckung

Die Baukosten werden mit RM 40.000,- veranschlagt, für einen umbauten Raum von insgesamt 2747 cbm.

Seitens der beiden Architekten ist der Plan unterzeichnet von Architekt Reichle. Beide Architekten werden als Mitglied der Reichskammer der Bildenden Künste geführt.

Die Bauvorschriften weichen nicht von den damals üblichen ab, bis auf einige besonders aufgeführte Vorschriften, von denen hier auszugsweise 3 aufgeführt werden sollen:

Ende Oktober 1943 hat ein Schriftverkehr zwischen der NSDAP-Hitlerjugend Stuttgart und Bürgermeister Heidenreich stattgefunden. Das Gebäude sollte als Domizil für die sogenannten »Kinderlandverschickung« dienen, - hier als »KLV-Lager« bezeichnet. Bürgermeister Heidenreich führte gegenüber der Stuttgarter NSDAP-Hitlerjugend Zentrale aus, daß die erforderlichen Kohlen von der Gemeinde nicht zur Verfügung gestellt werden können und forderte die NSDAP auf, sie wolle sich darum bemühen, beim Wirtschaftsamt Aalen Briketts zu bekommen, da die Ofen in dem Gebäude nur mit Briketts beheizt werden könnten.

Bis zum Kriegsende waren dann, außer der HJ, die »Mädle vom KHD« (Kriegshilfsdienst) in den oberen Räumen des HJ-Heims - unten war immer die HJ.

Nach Kriegsende, so berichtete ein Zeuge, sei das HJ-Heim zuerst einmal »ausgeräumt« worden. Die »Leute« hätten alles geholt. Viel wird wohl nicht da gewesen sein. Bald sind in dem Gebäude, das von nun an »Bergheim« hieß, bauliche Veränderungen vorgenommen worden, und zwar wurden Wohnungen für Flüchtlinge eingebaut. In den frühen 50er-Jahren interessierte sich die Firma Carl Zeiss für das Bergheim: Beim Stadtbauamt liegt ein Baugenehmigungsantrag der Firma ZEISSOPTON - Optische Werke Oberkochen GmbH betr. »Umbau im Inneren des bestehenden Gebäudes »Bergheim - (Kindergarten). Zu einem Bauplan vom 12.5.1952 (DM 25.000,-) folgt ein Schreiben vom 21.7.52, in welchem der Kreisbaumeister auf längere Sicht grundsätzliche Änderungen, vor allem im sanitären Bereich empfiehlt. Vom 23.1.53 liegt eine widerrufliche Genehmigung vor, »insolange sich keine Mißstände ergeben«. Mit Datum vom 19.5.54 sind die Anstände behoben. Nach dem Krieg wurde das Bergheim außerdem von der ev. und der kath. Jugend genutzt. Der kath. Kindergarten war bis zur Einweihung des Rupert-Mayer-Hauses im Jahr 1967 im Bergheim untergebracht.

Mit Beginn des Schuljahrs 1958/59 (April) zog das Progymnasium Oberkochen als Außenstelle des Schubart-Gymnasiums Aalen mit 3 Klassen in das Bergheim ein. Herr StA Diebel beschreibt die Situation in einem in BuG vom 18.4.1958 abgedruckten Artikel.

Zunächst war vorgesehen gewesen, das Bergheim für das wachsende Progymnasium auszubauen. Von diesem Gedanken kam man durch das unwahrscheinlich schnelle Zunehmen der Schülerzahlen ab, - das heißt, man plante für das Progymnasium einen Neubau, der am Samstag, 1.12.1962 eingeweiht wurde. In BuG vom 30.11.1962 ist das Ergebnis ausführlich beschrieben. Im Programm heißt es: 8.45 Uhr: Abmarsch der Schule vom Bergheim.

Nun diente das Bergheim zur Aufnahme der ebenfalls gewachsenen Dreißental-Hauptschule, die sich die Räume in der zweiten Hälfte der Sechziger-Jahre mit dem bereits schon wieder raumbedürftigen Progymnasium teilte; - bis Ende Schuljahr 1969/70 waren erneut 3 Räume vom Progymnasium belegt. Ab diesem Schuljahr 1969/70 waren dann wieder die gesamten Klassenräume des Bergheims mit 6 Klassen vom Progymnasium belegt, - mit Pendellehrern und Pendelschülern, wie man damals sagte.

Mit der Einweihung des Fachklassenbaus des Gymnasiums am Samstag, 24.7.1971 wurde das Bergheim dann endgültig frei für die zwischenzeitlich, am 9.9.1970 mit einem Anfangsgottesdienst aus der Taufe gehobenen Sonderschule (BuG vom 4.9.1970), die sich seither im Bergheim befindet.

Fotos:
1.) Foto vom »Bergheim« v. Ostern 1962 (D.B.)
2.) Planzeichnung vom »Bergheim« v. 16.12.1937 (Reichle)

Dietrich Bantel

 
 
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