Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 563

Neues zu alten Berichten
„Oroasa“ - (Bericht 550)
„Wiesraus“ u. Flur’s Karl - (Bericht 546)

Zu unserem Bericht 550 vom 12.06.2009 , in dem wir versucht haben, dem schwäbischen Wort „Oroasa“ auf die Spur zu kommen, haben wir Ende letzten Jahres eine interessante Zuschrift aus Balingen erhalten. Dr. Roland Groner, der sich intensiv mit dem schwäbischen Dialekt beschäftigt, teilt uns mit:

Oraosa u.ä.

Aus dem Bereich Aalen wird angefragt, woher das Wort „Oraosa“, das auf der Ostalb bekannt ist, stamme. Als Erklärung wurde angefügt, dass das Wort etwas mit Krümel und Essensresten zu tun habe. - Nun, zunächst denkt man, wenn man Krümel hört, an Brösel und Brosamen und versucht, auf dieser Schiene zu einer Klärung zu kommen. In Fischers Schwäbischem Lexikon wird Brösel mit der schwäbischen Aussprache „Braosl“ in den Bedeutungen Brotkrume und anderes fein Zerstückeltes wie Abfall von Holz, Torf u. dgl. angezeigt. Das Problem bei „Braosl“ ist jedoch der Anfangslaut „b“, der nicht zu dem nasalen „o“ bei „Oraosa“ passt. Möglich aber doch eher unwahrscheinlich wäre eine Verwischung des „b“ zu „o“ infolge einer unklaren Aussprache.

Als mir der Fragesteller einen Auszug aus einem Wörterbuch nachreichte, in dem die Sprechweisen „Oraosa, Aorosa, Duroasa und Urausa“ dargestellt waren, musste die Suche von neuem beginnen. Und tatsächlich – es fand sich das so heiß ersehnte Stammwort. Wiederum ist es Fischers Wörterbuch, das Hilfe in der Not leistet. Das zuletzt erwähnte „Urausa“ legt die Spur zu „Urasen“ mit einer Vielzahl von schwäbischen Sprachformen, u.a. auch „Oraosa“. Und was alles bedeutet dieses Wort: „Überreste, insbesondere beim Essen; teils ungenießbare Teile wie Kartoffelschalen…; auch Abfälle vom Futter der Tiere; dann Überbleibsel, Abfall, Ausschuss.

Interessant ist die Herkunft dieses Wortes. Auskunft gibt das Grimm’sche Wörterbuch, und zwar bei der alten Form „Urasz“. Im Althochdeutschen hieß das Stammverb „urezzan“, das u.a. bedeutet (Zitat): „zu essen aufhören aus überdrusz daran, eszbares wählerisch übriglassen“. Außerdem ist „vom verstreuten heu, das vom vieh wählerisch verworfen“ die Rede. Und auch „reste beim tuchmachen, beim spinnen; abfälle von scherben, steinen, holzstücken, die beim werfen der erde durch das sieb zurückbleiben“ werden genannt.

Zu den oben erwähnten Sprechformen gehört auch „durosa“, und mancher Leser wird fragen, wie dieses Wort hierher passt. Zunächst ist der Anfangslaut „d“ zu untersuchen, was einfach zu erklären ist, da er als verkürzter Artikel „die“ auftritt, der sich in der Aussprache mit dem Wort verbunden hat: „d‘urosa“. Das offene „o“ ist die lautliche Nachfolge zum „ao“. Übrigens: Wer Essensreste auf dem Tisch lässt, sorgt für „a Orausade“.

Soweit der Bericht von Dr. Roland Groner aus Balingen (siehe. Internet) Unser Bericht 550 zielte also in exakt der richtigen Richtung, wenn man von den phantastischen eher ironisch bemühten „Rosen“ einmal absieht…- Dafür können wir in Oberkochen mit der herrlichen in einer übertragen verwendeten Bedeutung des Worts aufwarten, derzufolge Kinder, wenn man ihnen mahnend sagen wollte, dass sie keinen „Blödsinn“ oder „Fissimadentle“ machen sollten, früher in Oberkochen auch sagte: „Kendr,- on dass’r oos fei koine „Oraosa“ machat“…

Wiesraus

Auf unseren Bericht 546 vom 17.04.2009 zum „Wiesraus“ übersandte uns unser Mitglied Franz Uhl auf unsere Bitte hin, der ein Gespräch vorangegangen war, folgende Ergänzung:

Dr Flur’s Karl

Von meiner Mutter Rosa Uhl (verwitwete Gold (1916 - 2003) weiß ich, dass ihr erster Mann, Karl Gold (*1910, gef. 1945) zwar der „Flur’s Karl“, gleichwohl jedoch nie Feldschütz war. Dessen Vater, ebenfalls namens Karl (1881 – 1943) war auch schon der „Flur’s Karl“. Es war sozusagen der Hausname des landwirtschaftlichen Anwesens Aalener Straße 9. Um die vielen „Golden“ auseinander halten zu können, hat man ihnen früher eben Hausnamen gegeben. Dieser ältere „Flur’s Karl“ war offensichtlich nebenher Feldschütz und „Begründer“ dieses Hausnamens. Dessen Vater Sebastian Gold (Lebensdaten auf die Schnelle nicht zu finden) war Förster und Waldschütz hier in Oberkochen. Durch die turbulenten Nachkriegsjahre, sowie die Heirat meiner Mutter mit Karl Uhl und ihren Umzug nach Heidenheimer Straße 20, spätestens aber durch den Abriss des Anwesens Aalener Straße 9 im Jahr 1963 und den Neubau unseres heutigen Wohn- und Geschäftshauses an gleicher Stelle, ist der Hausname „Flur’s Karl“ wohl in Vergessenheit geraten. Das kann auch meine Schwester Angela Brunnhuber, geb. Gold bestätigen.

Keiner der nachfolgenden Feldschützen soll meines Wissens expressis verbis als „Flur’s Karl“ bezeichnet worden sein, geschweige denn diesen Hausnamen geführt haben. Ob es allerdings überhaupt noch einen Feldschützen mit dem Vornamen Karl gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Oberkochener „Bevölkerungsmund“ war der amtierende Feldschütz nur der „Flur“ (ohne Namenszusatz) – berühmt berüchtigt. Der „Flur“ war ein Wort, dessen Klang nicht nur bei uns Kindern Unbehagen bzw. sogar Frösteln ausgelöst hat. „Der Flur“ war eine Institution, ein „Umstand“, der wie nur wenige in der Lage war, auf vielschichtige Art und Weise den Bewegungs- und Freiheitsdrang von uns Dorfkindern im Grundschulalter in Wald und Wiesen erheblich einzuschränken. Meine Tante Franziska (später Pfarrhaushälterin bei Onkel Canisius in Endersbach) hat uns hin und wieder exakt so gewarnt: „Bassat auf, dao kommt dr Flur, der nemmt uich mit ond schberrt uich ens Arreschd ei.“ - Mit „Arreschd“ war die Arrestzelle im alten Rathaus gemeint, deren kleines Gitterfenster uns Tante Franziska gezeigt hat. Dieses kleine Gitterfenster hat natürlich die kindliche Phantasie erheblich beflügelt. „Der Flur“ war also gefürchtet und (anonymerweise) intensiv von uns Kindern gehasst. Auch bei Erwachsenen soll er Urheber so mancher „wüster Streitereien“ gewesen sein. Erwischt hat er uns nie. Aber manchmal haben wir ihn von weitem gesehen (grüne Uniform mit Schildkappe). Irgendwann war er dann „abgeschafft“.

Soweit die Zuschrift von Franz Uhl.

In unserem Bericht 546 ist die Uniform des „Flurs“ abgebildet. Sie befindet sich im Heimatmuseum in unserem Raum 7 („Vom Dorf zur Stadt“). In der „Rathaus-Vitrine“ im gleichen Raum 7 befindet sich auch der Schlüssel zu der in Franz Uhls Bericht erwähnten berüchtigten Arrestzelle, den ich in einer Art Heimatmuseumsvorahnung 1967 wenige Sekunden, ehe die letzten Mauern des alten Rathauses eingerissen wurden, prophylaktisch abgezogen und geborgen habe. Er wurde speziell für diesen Bericht abfotografiert.

Zur genauen Lage vom „Arreschd“ befragt, antwortete Franz Uhl: „Zur Raodhausdir nei, d‘Drebb nauf, rechts nom. Jetzt befinden wir uns im ersten Stock hinten links (von der Heidenheimer Straße aus gesehen). Hier lag dr Arreschd. D’s Giddrfeeschdrle hat am Giebl Richdong „Herrgottshäfner“ nom guggt ond isch, wemma vor am Giebl geschdanda isch, bragdisch lenks oba g’wesd.“ Das Foto vom Abbruch des alten Rathauses entstand am gleichen Tag, an dem der „Schlüssel zom Arreschd“ vor dem sicheren Untergang gerettet wurde. Die Giebelwand mit’m „Arreschd“ steht noch.

Abbruch des alten Rathauses, 1967

Es wäre zu schön, wenn sich einer unserer ganz „Alten“ noch daran erinnern würde, dass er einmal im Oberkochener „Arreschd“ gesessen hat - und vor allem auch, weshalb. - In der Regel geschah das damals aufgrund von sehr überschaubaren „Ordnungs-Verstößen“, nach denen heute kaum ein Hahn mehr kräht…. – unter anderem vielleicht , weil mutige private Ordnungshüter, und sogar die moderne Polizei, damit rechnen müssen, dass sie beim aktiven Einschreiten oder in der Ausübung des Berufs tätlich angegriffen werden…. Die Zeiten, wo das nure Auftauchen eines Polizisten sowie Zurechtweisungen oder das Einschreiten von Mitbürgern zum Respekt vor der Ordnung und deren Hüter genügt hat, sind Opfer falsch verstandener Freiheit geworden.

Dietrich Bantel

 
 
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