Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 562

„Es war einmal“
Gasthaus und Metzgerei zur Sonne

Ich bin ein Kind der Sonnenbergstrasse, d.h. dass meine Kindheit durch das Gebiet rund um das Dreißental und den Volkmarsberg geprägt ist. Beim Gang durch die Strassen und beim gelegentlichen Gespräch auf den Strassen mit den älteren Mitbürgern/innen, drängte sich die Idee auf, etwas über die alten Geschäfte aus meiner Kindheit und Jugend zu schreiben. In diesem Hoheitsgebiet meiner Kindheit gab es eine Reihe von Geschäften, die es möglich machten, dass wir im Viertel fast alles kaufen konnten was wir brauchten, und die Geschäftsleute und ihre Familien davon leben konnten. Das hat sich leider verändert, denn damit veränderte sich letztendlich auch das Miteinander, das im Laufe der Jahrzehnte eher ein Nebeneinander wurde.

In unserem Wohnquartier gab es nach meinen Erinnerungen nachfolgend aufgeführte Geschäfte (keine Garantie auf Vollständigkeit):

Und mit dem Gasthaus und der Metzgerei »ZUR SONNE« will ich beginnen. Ich habe mich im Sommer letzten Jahres mit Franz Betz und Rosemarie Ziesche geb Betz (die als Schulkameradin zu Maria Kaufmann noch heute Kontakt zu Oberkochen hält) zu einem Gespräch zusammengesetzt und daraus resultiert dieser Artikel, der Ihnen hoffentlich gefallen wird und Sie zu einem Ausflug in vergangene Zeiten einlädt. Alois Betz aus Berswang bei Bargau (geb 26.02.1908, gest 27.05.1969), und seine Frau Anna Betz geb. Laub (aus Landshausen in Baden) (geb 28.11.1909, gest 02.08.1983) haben zuerst in Waldstetten den Gasthof HIRSCH gepachtet und sind 1938 nach Oberkochen gezogen, wo wie den GRÜNEN BAUM in der Heidenheimer Straße pachteten (heute Metzgerei LERCH). Nebenbei sei angemerkt, dass Anna Betzen’s Vorfahren zu den Astor’s gehörten, die vor demnäcsht 100 Jahren (1912) auf der TITANIC ums Leben gekommen sind. Die ganze Familie hat in der Wohnung über der Wirtschaft zum GRÜNEN BAUM gewohnt und wurde mit der Zeit immer grösser. Franz wurde bereits 1936 in Waldstetten geboren, Rosa Maria (Rosemarie) wurde 1943 geboren und Anne Theresa (Anneresie) kam 1949 zur Welt. Jetzt da die Familie groß war, wurde es Zeit für eine Veränderung – ein eigenes Haus und eine eigene Metzgerei.

Das Gasthaus »ZUR SONNE«

 

Die Gaststube

 

Die Besetzung

Der Bau des Gasthauses »ZUR SONNE« begann im Herbst 1949. Der Aushub wurde, wie das damals üblich war und wie ich es auch noch kenne, mit Pickel, Schaufel und Manneskraft durchgeführt. Die Männer, die das vollbrachten, waren der Sohn Franz Betz und ein Hr. Burr. Der Bau selbst wurde von der Fa. Apprich aus Aalen ab Frühjahr 1950 begonnen und 1951 oder 1952 (ist unklar) fertiggestellt. Durch diesen Schritt von Alois Betz begannen auch harte Jahre für die Kinder, denn alle mussten mit anpacken. Alle Kinder konnten im elterlichen Betrieb eine Lehre machen, da der Vater den Meisterbrief hatte. Franz hatte seine Lehre als Metzger bereits im GRÜNEN BAUM begonnen und vollendete diese in der SONNE. Die Mädchen Annerose und Rosemarie mussten sich die Lehrstelle als Verkäuferin gegen den Vater erkämpfen. Denn für Mädchen war seinerzeit noch die Heirat vorgesehen und dafür brauchte es keine Lehre. Franz erinnert sich noch heute daran, dass ihn Hr. Gillmeier sen. mit seinem schweren alten schwarzen Motorrad (das auch mich als Kind noch sehr beeindruckt hat) zur Gesellenprüfung nach Aalen gefahren hat.

All die Jahre in der SONNE waren für alle von viel und harter Arbeit geprägt. Urlaub, Freizeit, Feierabend waren für Alois Betz Fremdworte und fanden damit für die Kinder auch nicht statt. Alois war ein harter Mann, der eiserne Prinzipien hatte, diese vorlebte und von seiner Familie einforderte.

Für Franz war es besonders schwer. Er musste so früh aufstehen wie ein Bäcker (3 Uhr morgens). Aber es gab keinen Feierabend gemäß dem Motto seines Vaters: Ein Handwerker hat keinen Feierabend. Es gab im Jahr 2 freie Tage, an denen die Familie ausschlafen konnte: Am 1. Weihnachtsfeiertag und am Karfreitag. Sonst standen immer das frühe Aufstehen und die Arbeit im Vordergrund. Alois Betz hätte auch gerne am Karfreitag gearbeitet, aber es durfte an diesem Tag in der Wirtschaft kein Fleisch gekocht oder verkauft werden. Viele thüringer Mitbürger/innen hatten dafür kein Verständnis und so schloss Alois kurzerhand das Geschäft an diesem Tag und auf diese Weise kam die Familie zu einer Freizeitsteigerung um 100 % (von einem auf zwei Tage !)

Schlachtvieh (Rinder, Kälber und Schweine) kamen vom Viehhändler Hoffmann aus Adelsmannfelden. Zu Zeiten des GRÜNEN BAUMS war es noch üblich, dass Franz mit Bargeld zu Fuß unterwegs war, um in Rotensohl, am Zahnberg oder in Ochsenberg Bullen zu kaufen und diese dann zum Schlachten nach Oberkochen treiben musste. Geschlachtet wurde immer montags, und dienstags gab es immer Schlachtplatte mit allem was dazugehört. Ich erinnere mich auch, dass wir als Kinder beim Schlachten zuschauen konnten. Wir sahen die Sauen im Trog liegen und die Bullen am Gestänge hängen. Franz hat uns hin und wieder etwas erklärt. Das waren für uns schon aufregende und beeindruckende Erlebnisse.

Die SONNE, wie wir alle sagten, hatte also mehrere Standbeine und war erfolgreich. Die Metzgerei mit dem Verkauf von Fleisch und Wurst, die Wirtschaft und die Fremdenzimmer. Ein einträgliches Geschäft mit viel harter Arbeit und wenig Freizeit.

Es gab 9 Zimmer mit fließend Wasser und einem Bad und einer Toilette je Etage. Der Zimmerpreis lag bei ca. 10-12 DM incl. Frühstück. Da das Zimmerangebot für die Geschäftsleute und Monteure in Oberkochen damals noch recht überschaubar war (Sonne, Pflug und Grube), war es selbstverständlich die Gäste zum Konkurrenten zu schicken, wenn man selbst belegt war. Häufig war man auch überbucht, d.h. Rosemarie musste dann ihr Zimmer räumen und bei Papa und Mama schlafen.

Seinerzeit hatte Wurst in Oberkochen einen Namen – Alois Betz. Die Alten unter uns schwärmen heute noch von Alois’ Künsten des Wurst-Machens. Jedoch wurde das Geschäft mit der Wurst zunehmend härter, denn es gab Konkurrenz in der Umgebung: Reber, Sogas, Engel und Meroth boten ebenso Wurst an, die auch gut war und wir Kinder bekamen die Anweisung, zB die Schwarzwurst in der SONNE und den Bierschinken beim Sogas zu kaufen. Vielleicht wissen es manche noch, Anton Schlecker hat damals Wurst über Sogas verkauft. Zudem kam, dass die Wartezeiten an normalen Wochentagen einfach zu lang waren, bis Fr Betz jedes Mal aus der Wirtschaft in den Laden herüberkam. An Wochenenden, wenn alle Frauen hinter der Theke standen, gab es Schlangen bis auf die Strasse hinaus. Der absolute Renner war Tellersülze von Anna Betz, die wurde sogar sonntags in unvorstellbaren Mengen verkauft wurde. Auch die Wirtschaft war sonntags immer brechend voll. Es gab einfache und gute bürgerliche schwäbische Küche: Schweinebraten, Schnitzel mit Spätzle, Bratkartoffel, Kartoffelsalat. Wir Jungen gaben uns meist mit einem Teller ‚Spätze mit Soß’ zufrieden. Auch zur jährlichen Kirchweih gab es immer reichlich Zulauf. Der Stammtisch, gleich am Eingang rechts, war bekannt und immer gut besetzt. Die Hauptdarsteller waren u.a. die Herren Kolb, Dobschik, Geis, Sauer und Bestle.

Als Alois Betz 1969 verstarb, hat Franz mit seiner Mutter das Geschäft noch ca 1,5 Jahre weitergeführt, aber irgendwann ging es einfach nicht mehr und die Zeit der Verpachtungen begann. Franz wechselte dann 1968 zu Hees & Eberhard, 1969 zu Rehm Esslingen, 1974 zu Ramme & Betz Stuttgart und 1979 zu Barth & Seibold Aalen, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1999 blieb.

Der Verkaufsraum wurde an Brenner Fachsenfeld, an Schmidle Charlottenburg, an Zinnbauer, an einen Türken (?) und an Springer verpachtet. Die Gaststube wurde an Theilacker (Cheetah), Gruber, Bischof, Kett, Pohl, Schubke, Vorwerk u.a. andere verpachtet . Das ganze Ensemble wurde letztes Jahr an die Betreiber der jetzigen Gaststätte HEXASTIABLE verkauft und damit ist die Geschichte der Betzen’s auf der SONNE definitiv zu Ende.

Und doch gibt es noch etwas zu Franz zu sagen? Franz ist ein lebendes Lexikon auf zwei Beinen zum Thema METZGEREI. Jeder Mensch hat einen Traum. Oft einen, der sich nicht verwirklichen ließ. Das gilt auch für Franz. Der Lebenstraum von Franz war immer „In Chicago Metzger sein“. Das kann man nur verstehen, wenn man weiß , dass Chicago das El Dorado der Metzger war und dort die größten Schlachthäuser der Welt waren. Aber dieser Traum konnte aus Kostengründen nicht gelebt werden. So hat er sich literarisch mit dieser Welt auseinandergesetzt und sich das weltberühmte Buch ‚The Jungle’ von Upton Sinclair beschafft, der sich mit den Zuständen anfangs des 20ten Jahrhunderts in Chicago beschäftigt hat. Auch hat sich Franz in einem Kochbuch von Franz Inzinger verewigt. Das Absurde daran ist, dass er diese Rezepte nie selbst ausprobiert hat. Er hat es sich nur überlegt, nach dem Motto ‚wie könnt’t m’r des macha’ und hat die Rezept an Max Inzinger geschickt und der hat sie in seinem Kochbuch veröffentlicht. Unglaublich, aber wahr.

D’r Franz isch scho au a b’sond’rer Kerl ond a Metzger mit Leib’ ond Seel, ganz wie d’r Alois, sei Vadd’r, nur mit oim Onderschied – mit FEIERAOBAD, und seit 1999 mit 100-prozentigem Feierabend, der Rente.

Wilfried Müller

 
 
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