Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 558

Volkmarsbergturm - Richtfest vor 80 Jahren

Richtfest am Volkmarsbergturm 1929

Vor gut 2 Jahren übereignete uns unser Mitglied Helmut Gold (Murxle) für das Fotoarchiv des Heimatvereins ein auf Karton aufgezogenes 24 auf 17 cm großes Originalfoto mit der Aufschrift „Turmbau Volkmarsberg 1929“. Auf der Rückseite des Fotos steht in großer Handschrift „E. Weber“. Für den Heimatverein wäre es von Interesse, zu erfahren, ob unter den Bauarbeitern, die aus Ulm und Oberkochen kamen, Oberkochener erkannt werden. (Tel. 7377 – Bantel). - Ganz eindeutig handelt es sich um ein Foto vom Richtfest des hochmodernen Betonbaus. Der alte schon seit 1905 wegen Einsturzgefahr gesperrte Holzturm war bereits 1911 von einem Sturm „aus dem Gefüge gerissen und niedergelegt worden“. 20 Jahre lang gab es keinen Turm. – Links im Foto ist die 1923 erbaute Schutzhütte zu sehen, die noch lange nach dem 2. Weltkrieg bis in die frühen Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts stand.

Aus dem Heimatbuch zitieren wir den 1878 in Schwäbisch Gmünd geborenen und 1945 in Aalen verstrobenen Oberlehrer Alfons Mager. Er war von 1919 bis 1940 Lehrer in Oberkochen, ab 1927 Schulleiter der katholischen Bekenntnisschule und ab 1936 der deutschen Volksschule. Daneben war er Dirigent des katholischen Kirchenchors, Schriftführer und später Obmann der Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins, Denkmalpfleger und Verfasser zahlreicher heimatgeschichtlicher Arbeiten.

Alfons Mager:
„Es sollte nach der Zerstörung des alten Holzturms fast zwei Jahrzehnte dauern, bis sich ein neuer Turm auf dem Berg erhob. Die Not es ersten Weltkriegs verhinderte einen Neubau und die Inflation von 1923 beraubte die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins fast des gesamten angesparten Vermögens. Der Hauptförderer des Turmbaugedankens war Fabrikant Fritz Leitz. Zu Beginn des Jahres 1929 lagen Fritz Leitz mehrere Entwürfe für den Bau eines neuen Turmes vor. Der Albverein wollte einen möglichst schlichten und möglichst kostengünstigen Turm bauen. In Absprache mit der Staatlichen Bauberatung in Stuttgart wurde der Entwurf von Architekt Otto Schmid aus Gingen a.d.Brenz angenommen. Schmids Kostenvoranschlag belief sich im Januar 1929 auf 23.000 Mark: nämlich 14.000 Mark für den Bau, 1.000 Mark für die Fenster, 1.000 Mark für die Türen, Treppengeländer, Kupferabdeckung der Ecken und des Eingangs, Bänke und Tische. Dazu kam die Leistung der Bauherrschaft von 7.000 Mark (Schotter- und Zementlieferung 5.000 Mark, Beifuhr 1.000 Mark, Wasserzufuhr 1.000 Mark) Das Architektenhonorar betrug 8%. Wegen einiger Bedenken bezüglich der relativ hohen Kosten versuchte der Verein den Aufwand zu kürzen. Dann wurde der Bauauftrag der Eisenbetonfirma Jakob Vogt in Ulm in Verbindung mit dem Baugeschäft Heinrich Aisslinger in Aalen vergeben, die Bauaufsicht führte Architekt Schmid. Obwohl die Endrechnung den Kostenvoranschlag noch um 6.000 bis 7.000 Mark überstieg, wurde mit dem Bau noch im selben Jahr begonnen. Das war möglich, weil Fabrikant Leitz die Bausumme bis 1930 vorstreckte.

Fritz Leitz, rechts im Foto, mit drei Unbekannten.
Frau Zöllner, Tochter von Hermann Ilg, teilt am 06.11.09 telefonisch mit, dass die große Person links von Fabrikant Leitz (Mitte mit Hut) ihr Vater Hermann Ilg ist. Hermann Ilg wurde später selbst Oberkochener Obmann beim Schwäb. Albverein. Er war bei Fritz Leitz beschäftigt.

Die Gemeinde Oberkochen steuerte 2.000 Mark bei und überließ dem Albverein das Steinmaterial und das Verfügungsrecht über das Gelände im Umkreis von 50 Metern um den Turm. Der Rohbau machte dank der tatkräftigen Mithilfe vieler Albvereinsmitglieder und dank der günstigen Witterung rasche Fortschritte und wurde an Allerheiligen (1.11.1929) vollendet. Im November und Dezember desselben Jahres wurden die Innenarbeiten verrichtet, die Wasserspeier angebracht und im neuen Jahr der Raum im Eingangsbereich hübsch hergerichtet.

Der Turm wurde von Ulmer und Oberkochener Arbeitskräften unter Werkführer Deißler erstellt. Die Berghütte diente den Auswärtigen als Koch- und Schlafraum. Durch die Steinbrechmaschine von Maurermeister Trittler wurden die Bergsteine zerschrottet und zermahlen. Glasermeister Wingert setzte die aus geschliffenem, poliertem Drahtspiegelglas gefertigten Fenster ein, und Zimmermeister Brunnhuber sorgte für den Bodenbelag und die obere Treppenabeckung. Sämtliche Schreinerarbeit, die in dem altertümlichen Turmstübchen wohl auffällt, wurde von Schreinermeister Fischer ausgeführt. Die Schlosserarbeit besorgte Bauschlossermeister Walz von Heidenheim. Die Malerarbeiten führte Meister Richard Holz von Aalen aus.

Der Turm wurde neben dem Signalstein erstellt, ist aus Eisenbeton errichtet und 23 Meter hoch. Am Fuß hat er eine Grundfläche von sieben auf sieben Metern, die Plattform mißt sechs mal sechs Meter. Die gesamte überbaute Fläche umfaßt 53 Quadratmeter. Die Mauern sind an den Kanten 30, und sonst 15 cm stark. Das Innere umfaßt fünf Stockwerke, elf Treppen und 104 Stufen. Das Gewicht des ganzen Turms beträgt 300 Tonnen. Ein Wasserbedarf von 45.000 Litern mußte mit Fuhrwerken vom Tiefental aus herbeigeführt werden. Ein früherer Öltank der Firma Gebr. Leitz leistete als Wasserbehälter gute Dienste. Verwendet wurden 250 Kubikmeter Sand und Kies, zehn Tonnen Eisen und 900 Sack Zement. Die Deckplatte wiegt 20 Tonnen. Durch eine Nachbehandlung mit Ceresit gelang es, den Turm trocken zu halten.

Die feierliche Einweihung des Turms fand am Sonntag, dem 25. Mai 1930, durch den damaligen Vorsitzenden des Albvereins, Prof. Dr. Nägele, statt. Ab dem folgenden Tag war der Turm für die Öffentlichkeit zugänglich. Albvereinsmitglieder und deren Angehörige hatten satzungsgemäß freien Eintritt. Nichtmitglieder bezahlten 20 Pfennige“.

Dietrich Bantel

 
 
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