Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 554

Der evangelische Friedhof

Der evangelische Friedhof ist der älteste, noch bestehende Friedhof in Oberkochen. Er wurde 1850 angelegt und ist im alten Friedhofsteil auch die letzte Ruhestätte von Alt Oberkochener Unternehmern und Großbauernfamilien.

„Der evangelische Friedhof ist für unsere Kirchengemeinde ein besonderes Kleinod, weil er viele Besonderheiten und gewachsene Historie in sich vereinigt“, betont Karl Unfried, der nach der jetzt fertig gestellten Umgestaltung mit der „Schwäbischen Post“ einen Rundgang durch den Friedhof unternahm. Karl Unfried, ehemaliger Stadtrat und Kirchengemeinderat sowie Vorsitzender des Friedhofsausschusses, liegt die Sache Friedhof besonders am Herzen, er kennt seine Geschichte und Geschichten aus dem Effeff.

Die Gräber von Hans und Elsbeth Scheerer (die letzten Mühlenbesitzer der „Unteren Mühle“).

„Als der Friedhof 1850 angelegt wurde, lag er noch außerhalb des Dorfes“, berichtet Karl Unfried. Er ist 150 Meter lang, 60 Meter breit und enthält ein Achtel Morgen, 30 Ruthen, heißt es in der Chronik. 1947 wurde der an der heutigen Bühlstraße liegende Friedhof entlang der Katzenbachstraße um einen neuen Teil bis zur jetzigen Blumenstraße erweitert. 60 Jahre nach der letzten Erweiterung hat der evangelische Friedhof nun eine endgültige Gestalt angenommen.

Das Grab von 5 unbekannten KZ-Häftlinge, die bei dem Luftangriff auf einen Häftlingstransport umkamen. Auch über diesen Luftangriff hat der Heimatverein mehrfach ausführlich berichtet

Im März des Jahres 2007 war mit der Umgestaltung unter Federführung der Landschaftsarchitektin Pascal Bod begonnen worden. Der Seiteneingang von der Blumenstraße wurde vom Müllbereich weg auf die Mittelachse des Friedhofs verlegt. Diese Achse soll im Friedhofsgelände durch das Anlegen einer Kiefernallee nochmals betont werden. Es erfolgte der Abbruch der alten Mauer zwischen dem alten und neuen Friedhofteil. „Wir haben jetzt ein durchgängiges Konzept, das auch landschaftspflegerisch sehr sinnvoll gestaltet ist“, betont Karl Unfried, der nicht außen vor lässt, dass der evangelische Friedhof auch besondere Ruhestätten beinhaltet.

So gibt es zwei Gräber mit unbekannten Toten aus den letzten Kriegstagen. Fünf KZ Insassen waren damals außerhalb des Friedhofs bestattet worden. Daneben befindet sich das Grab eines russischen Zwangsarbeiters mit dem Datum 11. Juni 1945. (Der Heimatverein hat über diese Gräber in seinen heimatkundlichen Berichten 177, 178 und 179 vom 13.11. bis 31.12.1992 „5 unbekannte Opfer“  - und in seinem Bericht 322 vom 17.7.1998 „Überfall auf den Theussenberg“ ausführlich berichtet) Auch der Tote vom Theussenberg war außerhalb des Friedhofs zur letzten Ruhe gebettet worden.

Das Grab von Ottmar Brucklacher, der, 1899 geboren, gleich in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs als Leutnant gefallen ist.

Der evangelische Friedhof ist Ausdruck Alt-Oberkochener Industrie und Sozialgeschichte. Karl Unfried führt beim Rundgang zu den Gräbern der Industriellen Bäuerle, Leitz, Grupp und Günther, der Mühlenbesitzer Scheerer und Elser und zum Grab des Brauerei- und Gasthofbesitzers Nagel. Jakob Bäuerle, der Begründer der Oberkochener Werkzeugindustrie, hat 1891 seine letzte Ruhestätte gefunden. „Die Altvorderen haben die Gräber nach dem ersten Weltkrieg gekauft und die Grabnutzungsrechte können weitergegeben werden“, betont Unfried.

Das Grab des Urvaters der Oberkochener Bohrermachergeschichte und damit der Oberkochener Holzbearbeitungs- und Werkzeugindustrie, Jakob (Christoph) Bäuerle.

„Der Erhalt dieser Gräber sei ein gewachsenes Stück Friedhof- und Sozialgeschichte“, sagt Karl Unfried. Und seitens der evangelischen Kirchengemeinde komme dem ältesten, noch bestehenden Friedhof in Oberkochen ein besonderes Augenmerk zu, was schon von der Kirchengeschichte her bedingt sei. Am Totensonntag, 22. November, ist nach dem Gottesdienst eine Einweihungsfeier auf dem evangelischen Friedhof geplant.

Lothar Schell

Der Heimatverein bedankt sich beim Berichterstatter der „Schwäbischen Post“ Lothar Schell, der uns seinen Bericht vom 11. August 2009 freundlich zum Abdruck überlassen hat.

Dietrich Bantel

 
 
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