Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 550
 

Oraosa

»Oraosa« ist ein schwäbischer Begriff, der auf der Ostalb durchaus bekannt aber nachweislich nicht allen Alt-Oberkochenern geläufig ist, - ein Wort, das Nichtschwaben so viel phonetischen Aufwand abverlangt, dass das Unterfangen, es ihnen mit Erfolg nahe bringen zu wollen, glücklicherweise völlig hoffnungslos ist. Für Beuteschwaben und andere Zugereiste, die nicht wissen, was »Oraosa« sind, gibt es einschlägige Lexikas. Zum Beispiel das bekannte Schwäbische Handwörterbuch von »Mohr und Siebeck« (1986), wo man das Wort allerdings und leider mit negativem Erfolg sucht - ein Beweis dafür, dass es immer wieder Dinge gibt, die es gar nicht gibt. Aus diesem Grund gegebenenfalls bitte weiterlesen.

Ein weiteres bedeutendes Lexikon der Schwäbischen Sprache ist neuerdings der »Wax«. Hermann Wax, der in Oberkochen durch seinen hervorragenden Vortrag über den schwäbischen Dialekt, den er vor 7 Jahren im Schillerhaus in Oberkochen beim Heimatverein gehalten hat, in bester Erinnerung ist, hat sein schon damals angekündigtes »Lexikon der Etymologie des Schwäbischen« im Jahr 2005 herausgebracht. Vor zwei Jahren erschien es bereits in der 3. erweiterten Auflage. Doch höchst betrüblicher Weise sucht man auch in diesem inzwischen zu einem vielzitierten Standardwerk avancierten Lexikon vergeblich nach dem Wort »Oraosa«, seiner Bedeutung und seiner etymologischen Herkunft. Also weiterlesen. Erfolgreich wird man nämlich erst, wenn man in dem im Konrad Theiss Verlag im Jahr 1983 heraus gekommenen Werk »Schwäbisch vom Blatt« nachschlägt. Dort findet man auf Seite 186 in der rechten Spalte gleich mehrere Schreib- und Aussprachevarianten dieses schwäbischen Wortunikums.

Als Stuttgarter kannte ich das Wort nicht - ich lernte es aber bereits vor weit mehr als 40 Jahren in Oberkochen kennen. Damals wurden wir einen Tag nach einem runden Nur-in- Familie-Geburtstag von einer Alt-Oberkochenerin zu einem kleinen Nachgeburtstagskaffeeschwätz eingeladen. Zu diesem Kaffee gab es ausdrücklich und unmissverständlich angekündigt die »Oraosa« vom Vortag; das waren die übrig gebliebenen leckeren Kuchen vom Fest.

Der Zusammenhang »Reste vom Feste« scheint deutlich in Richtung der Urform der inhaltlichen Herkunft des Worts zu gehen, denn eine - allerdings nicht belegbare - etymologische Erklärung für das Wort »Oraosa« ist, dass man anlässlich einer solchen Nachfeier nicht, wie tags zuvor, an mit »Rosen« festlich geschmückter Tafel, sondern an einem normal wie wochentags gedeckten schmucklosen Tisch sitzt, symbolisch also »ohne Rosen«. »o« »un«, = »ohne«, - ohne Rosen, - aber mit durchaus noch intakten Kuchenstücken.

Dass die Vorsilbe »un« (= ohne) im Schwäbischen als langes nasaliertes »oh« ausgesprochen wird, ist bekannt - oheimlich, ohgaddich, ohmeeglich, ohahgnehm, ohbacha... usw.

Die Dipthong-Verdrehung von »ao« nach »oa« käme dem symbolischen Rosen-Tischschmuck näher, denn zumindest in Oberkochen sagt man zu Rosen nicht »Raosa« sondern »Rosa« oder auch »Roasa«.

Kleine Brösel oder Krümel auf dem Tisch, die man zur Unsichtbarmachung im Handbetrieb hinunter auf den Teppich wischt, sind selbstverständlich auch »Oraosa«, die man in Oberkochen gelegentlich auch als »Oaraosa« ausgesprochen hört. Auch die Form »Uraosa« hört man in Oberkochen.

»Oraosa« sind jedoch, wie unser Beispiel zeigt, nicht unbedingt nur »Brösel oder kleine Reste« - es können durchaus auch größere Reste in der Bedeutung von »Übriggebliebenem« sein, wie im Lexikon »Schwäbisch vom Blatt« zu recht erklärt ist.

Der Begriff »Oraosa« wird - was nicht im Lexikon steht, auch im bildlichen Sinne verwendet: »Mach«, oder »Machat mr fei koine Oraosa« ist im übertragenen Sinn eine mit symbolisch erhobenem Zeigefinger ausgesprochene Ermahnung an Zöglinge, sich anständig zu benehmen Fest steht, dass die Begriffe »Oraosa« und »Oroasa« zu den Wörtern gehören, die der Urknall des schwäbischen Dialekts hervorgebracht hat.

Über das Wort »Oraosa« stolperte ich erst wieder, als ich es jüngst wie selbstverständlich im Gespräch mit einer Alt-Oberkochenerin verwendete, die mich mit dem »Wie-bitte-Blick« ungläubig anschaute und äußerte, dass sie das Wort noch nie gehört habe. Erst als ich dann mit Seite 186 meines Lexikions »Schwäbisch vom Blatt« kam, reagierte sie gleich jemandem, der in den Grundfesten alter Überzeugung erschüttert wurde - denn sie schien mir nicht zu glauben. Unsere Bekannte war dann sozusagen prophylaktisch oder postphylaktisch noch am gleichen Tag zur Nachbarin geeilt, um sich die Richtigkeit meiner Aussage von einer ebenfalls echten Eingeborenen bestätigen zu lassen. Jetzt glaubt sie's.

Stuttgarter sind im alten Oberkochen eben nach wie vor verdächtig.

Dietrich Bantel

 
 
Übersicht

[Home]