Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 548
 

Es war einmal - Die Kegelgemeinschaft Sonnenberg
Zu Grabe getragen von Karl Mangold, Manfred Vater, Heinz Schmid, Artur Paukner und Bernhard Strauß - Nachruf von Wilfried Müller

Der Kegelsport ist eine der bekanntesten und ältesten Sportarten, deren Geschichte oft falsch beschrieben und ausgelegt wird. Der Ursprung des Kegelns geht bis in die Hochkultur der alten Ägypter zurück (diese Feinheit wurde uns im Geschichtsunterricht nicht erklärt). Das heutige Kegeln hat vermutlich seine Urform im Steinzielwerfen der germanischen Stämme. 1157 wird das Kegelspiel in der Chronik der Stadt Rothenburg o.T. als weit verbreitetes Volksvergnügen geschildert. Damals ging es wohl überwiegend um das Wetten auf die Ergebnisse. Erste Besitzer von Kegelbahnen in Deutschland waren interessanterweise Kirchengemeinden. Bis in das 18. Jahrhundert fand der Spaß ausnahmslos im Freien statt. Die ersten Regeln, die teilweise heute noch gültig sind, stammen aus der Zeit um 1785. Auswanderer trugen das Spiel im Laufe der Zeit in alle Welt und in unterschiedlichen Formen ist es heute noch üblich (allerdings wird es von den Jüngeren nicht mehr sehr gepflegt).

Warum erzähle ich das alles? Weil es in Oberkochen bis vor kurzem einen besonderen Kegelclub (es war kein Verein!) gab. Den ältesten der Stadt, der vor ein paar Monaten, nach 51 Jahren, von Karl Mangold und Manfred Vater mangels Mitgliederzahl zu Grabe getragen wurde und der viel mit meinem Vater, ein wenig mit mir und viel mit der Gegend zu tun hatte, in der ich aufgewachsen bin: Dem Sonnenberg. Herr Mangold übergab mir die alten Unterlagen (darunter auch einige Bilder) und beim Durchschauen kamen viele Gedanken an meine Kindheit und an die alten bzw. verstorbenen Nachbarn wieder hoch. Da entschloss ich mich, über diese Zeit einen kleinen Bericht zu schreiben und hoffe, dass Sie noch den Einen oder die Andere erkennen bzw. sich an sie erinnern. Die 50er Jahre waren stark geprägt von sozialem Miteinander in der Freizeit und bei der Arbeit. Es gab rege und tatkräftige Nachbarschaftshilfe und es wurden zahlreiche Vereine und Gemeinschaften gegründet. Der Anbau der Kegelbahn des Gasthauses »Zur Grube« war kaum fertig, da trafen sich nachfolgend aufgeführte Männer am 17.11.1957 zur Gründungsversammlung des Kegelclubs »Sonnenberg« (Die Berufsangaben stammen aus den Einwohnermeldebüchern der Jahre 1959 und 1965).

Gründungsmitglieder

Hölldampf Anton (Oberlehrer), Müller Georg (Dreher), Kolb Adolf (Schlosser), Maier Michael (Bohrer), Hermann Alfons (Oberlehrer), Ramisch Walter (?), Vater Alfred (Hilfsarbeiter), Ruhroth Hans (u.a. Hundezüchter), Huber Hermann (Hilfsarbeiter), Kölbl Otto (kfm. Hilfskraft).

Männer dieser ersten Jahre waren auch:
Adolf Reber (Kaufmann), Wenzel Oskar (Bohrmaschinen-Arbeiter), Heitele Rudolf (Hauptlehrer), Pradl Johann (Kraftfahrer), Dietterle Emil (Hilfsarbeiter), Linert Kurt (Feinmechaniker), Urbanke Oswald (Maschinenschlosser).


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Der erste Kegelabend fand am 29.11.1957 statt und die erste Abrechnung verdeutlicht ein wenig die Kosten, die an diesem Abend entstanden. Ich habe diesen Kegelclub als Treffpunkt sozialen Lebens in Erinnerung. Er war ein 14tägiger Treffpunkt der Männer, die im Gebiet Sonnenberg, Dreißental und Weingarten wohnten, um freitags gemeinsam einige gemütliche Stunden beim Spiel zu verbringen. Die Arbeitswoche war hart, es wurde 6 Tage die Woche gearbeitet und die Möglichkeiten zum Vergnügen waren nicht sehr zahlreich. Was mir heute beim Recherchieren besonders auffällt, ist die soziale Mischung, die diese Gemeinschaft inne hatte (Hilfsarbeiter, Facharbeiter, Lehrer, Prokuristen). Es spielte keine Rolle „wer man war, was man war und was man hatte oder auch nicht”, man wollte einfach mit den Menschen zusammen sein, mit denen man im Quartier wohnte und mit Leuten abseits von der Arbeit gemeinsam Spaß und Gemütlichkeit haben. Es wurde außerhalb der Kegelabende vieles gemeinsam unternommen, wie zum Beispiel sog. Herrenpartien - ohne Frau und Familie, vermutlich feucht-fröhlich, Familienausflüge und Wanderungen, Weihnachts- u. Faschingsfeiern in der »Grube«, Kegelmeisterschaften mit Partnerin, Jahresessen in der »Grube«, u.a.

 

Für mich hatte der 14-tägige Kegelabend noch besondere Vorteile. Da Vater von 20 Uhr bis 23 Uhr in der »Grube« weilte, konnte ich zuhause in Ruhe (ohne väterliche Ermahnungen) die heißgeliebte TV-Sendung »77 Sunset Strip« mit Cookie anschauen. Später wurde ich dann als ältester Sohn der Mitglieder gefragt, ob ich Kegel aufstellen wollte. Natürlich wollte ich (Ich erinnere mich auch, dass wir das manchmal auch zu zweit gemacht haben - Vaters Manfred und ich). Es machte Spaß und es gab etwas Geld. Allerdings musste ich höllisch aufpassen und mit meinen Gedanken immer dabei sein - besonders beim Abräumen, sonst gab es Ärger mit den »Kegelbrüdern«. Irgendwann fiel dieser Nebenverdienst leider weg, denn auch in der »Grube« hielt die neue Zeit mit einem Vollautomaten der Firma Vollmer Einzug. Schade - es war interessant als Jungspund bei den Vätern dabei zu sein und ihren Gesprächen und Späßen zu lauschen.

Auch erinnere ich mich noch an Diskussionen, ob man ein eingetragener Verein werden wolle oder eine einfache Gemeinschaft bleiben wolle. Nach einigem Für und Wider fiel die Entscheidung zugunsten der Gemeinschaft - allerdings mit Statuten. Und die haben es in sich. Wenn wir diese heute lesen, kommen wir ins Schmunzeln. Was die „Altvorderen” sich dabei so alles gedacht haben. Höchst interessant, besonders die Punkte 12 und 19 (Diese Punkte schienen wohl dringend geboten). Diese Kegelgemeinschaft war für den Sonnenberg eine Bereicherung und hat viel für das soziale Miteinander bewirkt und es entstanden echte Freundschaften. Wie das so im Leben ist, mussten uns die Männer zuerst verlassen und die Frauen sind heute noch befreundet, soweit sie noch am Leben sind. Alfred Vater, Urgestein, letztes Gründungsmitglied und 39 Jahre als Schreiber an der Tafel verstarb 1996. Damit begann die Periode der Nachfolger, die den Club noch bis 2008 führten. Es ist es schade, dass der Club am Schluss mit 5 Mitgliedern nicht mehr überlebensfähig war. Aber egal ob Club, Gemeinschaft oder Verein, alle leiden am mangelnden Nachwuchs, der Anforderungen stellt und Wünsche hat, die viele Gemeinschaften nicht erfüllen können oder sie müssen Wege suchen, wie sie die Jugend ansprechen können. Vermutlich sind Kegelclubs auch nicht mehr zeitgemäß, um ein langfristiges Gemeinschaftsleben mit sozialen Aufgaben aufzubauen und zu gestalten. In diesem Sinne: Schwelgen Sie in der Vergangenheit und erfreuen Sie sich an der Gegenwart und hoffen auf die Zukunft.

PS:
Ich stehe in der »Grube« auf der alten Kegelbahn und reise in Gedanken zurück in die Vergangenheit. Ich sehe und höre in der Erinnerung die Väter, wie sie spielen, sich freuen, sich ärgern, lachen und schimpfen. Ich sehe sie auf den Stühlen sitzen, aufgereiht an der Kegelbahn, die alten Bilder im Kopf. Ich sehe mich die Kegel aufstellen, ich mache einen Witz und die „Brüder” rufen: Ganz wie der Schorsch (mein Vater) und Alfred Vater steht an der Tafel und schreibt die Ergebnisse, die guten und die schlechten, seit 1957 (bis zu seinem Tode 1996). Ich verlasse die Bahn, schließe die Tür zur Vergangenheit, die Stimmen sind verstummt, die Bilder sind entschwunden und ich stehe draußen im Hof unter dem alten Baum, der schon so viel „gesehen” hat.

Wilfried Müller

 
 
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