Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 543
 

Fünfzig Milliarden

Auf Schwäbisch: Derzeit schmeißt der Staat mit unseren Milliarden ja geradezu nur so um sich....

Nachdem wir vom Heimatverein mehrfach gefragt wurden, ob wir nicht Inflationsgeld aus dem Jahr 1923 hätten, auf dem nachgewiesen werden könne, dass es im letzten Jahrhundert einmal eine Zeit gegeben hat, in der aus 1000 Mark innerhalb kurzer Zeit 10.000 Mark und 100.000 Mark geworden sind, (Abbildung 1) dann 10, 20, 50 und mehr Millionen (Abbildung 2) und gar 1 Milliarde Mark geworden sind, oder 10 Milliarden, oder 50 Milliarden. (Abbildung 3), ging ich auf Tauchstation in den allerlei teils wertlosen aber faszinierenden Schätzen, die von meinem Großvater auf mich überkommen sind.

Tatsächlich wurde ich fündig: Neben einer ganzen Reihe von Reichsbank- Tausendern, Zehntausendern und Hundertausendern fanden sich aus dem Jahr 1923 auch Geldscheine mit den Wertangaben von einer Million Mark, 10 Millionen und einem großen Vielfachen davon - ja selbst Scheine mit Milliardenbeträgen ließen sich zutage fördern.

Am interessantesten ist der galoppierende Wertzerfall, der über die Herausgabedaten, die auf den Scheinen gedruckt sind, leicht rekonstruierbar ist. Was im Februar des Jahres 1923 noch Tausender bis Hunderttausender waren, waren im September des gleichen Jahres bereits Millionen im ein- bis dreistelligen Bereich. Im Oktober desselben Jahres 1923 waren es dann schließlich Milliarden geworden - und Billionen.

Die höchsten Wertangaben sind teils noch im Oktober und dann Anfang November 1923 gedruckte Hundert-Billionen-Scheine. Mein Großvater scheint indes mit diesen Größenordnungen nichts am Hut gehabt zu haben. Sein - seit 50 Jahren mein - größter Schein trägt die Wertangabe »50 Milliarden Mark«.

Der Wertzerfall, der heute »Inflation« genannt wird, ging damals so zügig von statten, dass gegen Ende dieser Zeit Scheine über 1 Million Mark gar nicht mehr beid- sondern nur noch einseitig bedruckt wurden.

Mein abgebildeter Riesenlappen über einer Reichsbanknote über 100.000 Mark, gedruckt am 1. Februar 1923, hat die Abmessungen 11,5 auf 19 cm (Abbildung 1) und ist noch beidseitig bedruckt, die Millionen- und Milliardenscheine jedoch nur noch einseitig. Der 500 Millionen-Schein vom 1. September 1923 (Abbildung 2) ist 8,5 auf 15,5 cm groß, der 50 Milliarden-Schein vom 10. Oktober 1923 (Abbildung 3) misst 8,7 auf 17,5 cm.

Um sich vorstellen zu können, welche Wahnsinnssumme allein schon 50 Milliarden darstellen, sollte man sich eines Vergleichs bedienen. Angenommen, wir würden diese Summe in Ein-Euro-Münzen umsetzen und eine Ein-Euro-Münze mit 2 mm Dicke einsetzen, erhielten wir, die Münzen senkrecht hintereinander gestellt, eine Euro-Schlange von 100 Milliarden Millimeter Länge. Das entspricht einer Länge von 100 Millionen Meter oder 100.000 Kilometer Länge. Das wiederum entspricht einer Schlange, die 2 1/2 mal um die ganze Erde (Umfang ca. 40.000 km) gewickelt werden kann.

Wem's Spaß macht, der kann sich jetzt ausrechnen, wie lange die Euroschlange werden würde, wenn ein 100-Billionen-Mark-Schein in eine Ein-Euro-Münzen-Schlange umgearbeitet werden würde. Er braucht hierfür nur zu wissen, dass eine Billion aus 1000 Milliarden besteht...

Wem's Spaß macht, der kann natürlich auch ausrechnen, wie lange er arbeiten müsste, um eine solche Summe zu verdienen. Nur auf diese Weise bekommen wir ein Gefühl dafür, was sich der Staat derzeit gezwungenermaßen mit unseren Steuergeldern leistet. Der Heimatverein plant für dieses Jahr eine Sonderausstellung zum Thema »Altes Geld aus Oberkochener Häusern«. Nachdem der Heimatverein schon von zwei Mitgliedern altes Geld - Münzen und Papier -  für den Verein erhalten hat, könnten wir uns vorstellen, dass diese Ausstellung auf ein gutes Echo stößt. Möglicherweise können auch noch ein paar schöne alte Orden zutage gefördert werden.

Dietrich Bantel

 
 
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