Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 54
 

Die Thüringer - Teil 4
Ihre Herkunft und frühe Geschichte bis zum Untergang des Thüringerreiches

In diesem vierten und letzten Beitrag zur alten Thüringer Geschichte stellt der Verfasser, unser Vorstandsmitglied Herr Dr. Jochen Kämmerer, fest, daß bereits schon einmal, und zwar vor über 1450 Jahren im Zusammenhang mit dem Untergang des Thüringer Reiches im Jahre 531, Thüringer in Schwaben eine neue Heimat gefunden haben, - so zum Beispiel in Schretzheim im Kreis Dillingen und in Neresheim-Kösingen. Dies wurde bei Grabungen, die vor ca. 10 Jahren durchgeführt wurden, nachgewiesen. Es ist zumindest nicht ausgeschlossen, daß eines Tages, wenn die Funde unserer Alamannengrabung aus dem Jahre 1980 ausgewertet sein werden, ein solcher Bezug auch nach Oberkochen hergestellt werden kann.

Wir bedanken uns bei Herrn Dr. Kämmerer nochmals für die große Arbeit, der er sich unterzogen hat, um seinen am 25.11.1988 in der Stadtbibliothek gehaltenen Vortrag nun auch noch druckreif gemacht zu haben.

Dietrich Bantel

Fortsetzung und Schluß
4. und letzte Folge
Die Belegung zahlreicher thüringischer Reihengräberfelder hörte damals auf, insbesondere östlich der Saale, aber auch westlich des Flusses, so daß man auf Abwanderung schließen muß. Möglicherweise waren die abwandernden Gruppen an der Bildung des bairischen Stammes im Donaugebiet beteiligt. Wegen der wiederholten Aufstände der Thüringer sind aber auch Stammesteile in das alamannisch-fränkische Gebiet deportiert worden. Nicht erst nach dem 2. Weltkrieg fanden Thüringer in Schwaben eine neue Heimat! Wir finden Thüringer schon auf manchem Alamannenfriedhof unserer Region, nachgewiesen z.B. im Reihengräberfeld von Schretzheim im Kreise Dillingen, nachgewiesen wohl auch im alamannischen Gräberfeld von Neresheim-Kösingen; die Belegung des Kösinger Gräberfeldes beginnt zeitgleich mit dem Untergang des Thüringerreiches. Matthias Knaut vom Landesdenkmalamt schreibt in einem im »Heidenheimer Jahrbuch 1985/86« veröffentlichten Vorbericht über die Gräberfelder von Neresheim und Neresheim-Kösingen: »Die Kösinger Siedlungsgründer lassen in ihrer materiellen Hinterlassenschaft deutliche Beziehungen zum thüringischen bzw. östlichmerowingischen Bereich allgemein erkennen, so daß man annehmen darf, daß ähnlich wie in Schretzheim am Unterlauf der Egau im Zusammenhang mit der Eingliederung der Thüringer ins fränkische Reich (531 n. Chr.) vielleicht thüringische Familien hierher umgesiedelt wurden.« Näheres können wir sicher aus seiner Dissertation erfahren, die noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll. Als hauptsächliches Indiz für die Herkunftsbestimmung nannte mir Matthias Knaut die handgemachte Keramik, die gerade in Neresheim, Kösingen und in Schretzheim deutliche Parallelen im thüringischen Gebiet hat. Über die von Ursula Koch durchgeführten Schretzheimer Grabungen liegt ein ausführlicher, überaus interessanter Bericht aus dem Jahre 1977 vor. Ursula Koch zieht aus der Grabung den folgenden Schluß über die Siedlungsgründer: »Die Frage, wann die Siedlung gegründet wurde, ist leicht zu beantworten, wenn man voraussetzen darf, daß das Reihengräberfeld keinesfalls der merowingische Bestattungsplatz einer schon länger bestehenden Siedlung ist.

Da sich die erste im Reihengräberfeld bestattete Generation überwiegend aus Thüringern sowie mindestens einer fränkischen Familie und nur zu einem sehr geringen Teil aus Alamannen, die im Donaugebiet bereits heimisch waren, zusammensetzt, handelt es sich zweifellos um eine Neugründung und kaum um den Zuzug der fremden Familien in eine bestehende Siedlung.

Die Gründergeneration lebte in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Die älteste thüringische Frauentracht, die aus Grab 247 stammt, wurde vermutlich schon im ersten Viertel des 6. Jahrhunderts gearbeitet. Die meisten thüringischen Fibeln aus Schretzheim sind jedoch jüngere Typen, deren Laufzeit von B. Schmidt mit dem zweiten Drittel des 6. Jahrhunderts angegeben wird. Der Zeitpunkt der Einwanderung wird etwa zwischen 530 und 550 zu suchen sein.

Beachtet man nicht nur die ethnische Zusammensetzung, sondern auch die sozialen Unterschiede, so ergibt sich, daß den sieben, z.T. schwer bewaffneten, thüringischen Kriegern mit den z.T. in reicher thüringischen Fibeltracht gekleideten Frauen ein fränkischer Reiter mit einer aus Nordfrankreich stammenden Frau gegenübersteht. Die drei fränkischen oder alamannischen Krieger, die jeweils nur eine Angriffswaffe besaßen, und der nur mit Pfeilen ausgestattete Mann aus Grab 424 waren vermutlich abhängige Leute des daneben liegenden Reiters. Zumindest trifft diese Annahme wohl für den in geringer Tiefe bestatteten und nur mit einer Lanze bewaffneten Mann aus Grab 371 zu.

Die verhältnismäßig große Siedlung an der Donau wurde demnach durch thüringische Familien gegründet, ob unter dem Schutz des fränkischen Reiters oder durch Zwang, muß dahingestellt bleiben. Da die Thüringer 531 von Franken besiegt wurden und ihr König Herminafried 534 in Zülpich ermordet wurde, ist die Umsiedlung von Thüringern auf Grund fränkischer Initiative in der Zeit nach 531 gut vorstellbar. Die Grabausstattungen der Thüringer in Schretzheim zeigen deutlich, daß diese trotz der Umsiedlung keine Einbußen an Ansehen und Wohlstand erlitten, sondern beides in der darauf folgenden Generation noch zu mehren verstanden.«

Ob auch zur Oberkochener Alamannensiedlung Thüringer gehörten, wissen wir noch nicht. Das Landesdenkmalamt konnte derzeit keine verläßlichen Angaben zu dieser Frage machen, da das Fundmaterial aus dem Oberkochener Gräberfeld aus Kapazitätsmangel noch nicht restauriert und ausgewertet werden konnte. Auf das Ergebnis darf man jedenfalls gespannt sein.

In der Tat gibt es vielfältige Verflechtungen zwischen den germanischen Volksstämmen, die Thüringen und Schwaben besiedelten. Gemeinsam ist ihnen die elbgermanische Herkunft und die Zugehörigkeit zur suebischen Völkerfamilie, denn die Hermunduren, die Vorfahren der Thüringer, bildeten zusammen mit den ihnen blutsverwandten Semnonen auch den Kern der im Jahre 213 erstmals erwähnten Alamannen. Gesichert ist auch auf Grund der Funde ein weiterer Zuzug thüringischer Bevölkerungsgruppen in das nordalamannische, fränkisch beherrschte Gebiet nach dem Untergang des Thüringerreiches; diese Gruppen treten auch als Siedlungsgründer in unserer Region auf. So läßt sich der Schluß ziehen, daß zwischen Thüringern und Schwaben von alters her eine engere Stammesverwandtschaft besteht, als gemeinhin angenommen wird.

Dr. Jochen Kämmerer

 
 
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