Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 539
 

Es war einmal:
Oberkochen hatte ein Kino
Teil 2

Ich will nun noch einige persönliche Erinnerungen aufzeigen, die mir zugetragen wurden oder mir durch eigene Erlebnisse in Erinnerung geblieben sind:

Es gab anfangs jeden Tag Vorstellungen (7 Tage die Woche), Montags bis Freitags eine Abendvorstellung, Freitags zusätzlich eine Spätvorstellung gegen 23 Uhr, Samstagnachmittags und - abends und Sonntags eine Matinee, eine Nachmittags- und eine Abendvorstellung.

Bei Filmen „freigegeben ab 18 Jahren“ war oft die Polizei anwesend um Ausweiskontrollen vorzunehmen und war das Wetter schlecht oder kalt, blieben die Hüter des Gesetzes gleich da, um sich das „Teufelszeug“ gleich mit anzuschauen. Es gab Vorstellungen, bei denen man volksfestähnlich mit dem Schifferklavier ins „Parkett“ eingezogen ist.

Auch kam mir zu Ohren, dass ein Besucher eingeschlafen ist und nächtens von Albert Schleicher befreit werden musste, da er nach dem Erwachen großen Radau veranstaltete, um sich bemerkbar zu machen. Seitdem musste nach jeder Vorstellung geprüft werden, ob sich noch jemand im Saal befand, um sich von der Anstrengung des Betrachtens des „Teufelszeugs“ schlafender Weise zu erholen. Nicht wenige nutzen die Dunkelheit des Kinos, um ihrem Schatz näher sein zu können, als es sonst in der Öffentlichkeit möglich war und ich kann bestätigen, dass es auch für uns Jungpubertierende ein emotional erhebendes Gefühl war, mit dem Schatz in der Loge zu sitzen und nebenbei den Film anzuschauen.

Besonderes Glück hatten natürlich die Schulfreunde von Hans Schleicher (hier sei besonderes der berühmte „Sechser-Club“ erwähnt) und meine Klasse, die das Glück hatte, Alfred in ihren Reihen zu wissen. Hans und Alfred Schleicher gaben für ihre besten Freunde manchmal Privatvorstellungen. Bei denen wurde dann schon mitunter auf den Seitengängen Rollschuh gefahren und vor der Bühne elegant nach rechts und links abgeschwenkt. Alfred hatte leider etwas Angst vor Bruder und Vater und so mussten wir uns immer mit einer Vorführung ohne Ton begnügen. Das war zwar nicht ganz das Wahre, aber man konnte damit immerhin das Problem der Altersfreigabe umgehen und da saßen wir oft mit heißen Ohren und staunenden Augen ob der Darbietungen auf der Leinwand.

Einmal haben wir Alfred so gedrängt, dass er uns Freikarten „beschafft“ hat, ohne zu ahnen, was da auf ihn zukam. Sein Vater merkte natürlich, dass Karten plötzlich fehlten (alle Karten waren nummeriert und Freikarten wurden äußerst sparsam kontrolliert ausgegeben). Nicht nur, dass wir für unsere „Freikarten“ nichts bezahlten, es mussten natürlich Steuern auf diese Karten bezahlt werden. Alfred hat dafür sicherlich eine ernsthafte körperliche Ermahnung bekommen.


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Faszinierend war für mich auch das gesamte Vorprogramm, das jedem Hauptfilm vorausging und wir als „Vorspeise“ zum „Hauptgericht“ betrachteten. Da war zuerst die Wochenschau „Welt im Film“ mit ihrem musikalischen Fanfarenvorspann, der einprägsamen Stimme des Sprechers und die äußerst interessanten Filme, die wir mit den heutigen Nachrichtensendungen vergleichen können. Dann gab es da noch Kulturfilme, Trailershows und Kurzfilme. Ich mochte das und war umso glücklicher, je mehr es davon gab, da es mir Welten eröffnete, die ich nicht kannte.

Begehrenswert waren auch die Filmprogrammhefte. Die „Illustrierte Filmbühne“ konnten in den Kinos für ein paar Pfennige gekauft werden und waren eine Schatzgrube an Zusatzinformationen zu den Filmen. Daneben gab es noch „Das neue Filmprogramm“ und den „Illustrierten Film-Kurier“. Schwierig war es, Filmplakate zu bekommen, um das eigene Zimmer mit Lieblingsschauspielern und -Filmen auf möglichst reißerischen Plakaten auszustatten. Hier war ich schon sehr auf die Unterstützung von Alfred angewiesen, der mir hier und da doch einen Wunsch erfüllen konnte.

An der Kinokasse war es nahezu unmöglich, sich in einen Film „ab 16“ einzuschmuggeln, wenn Albert Schleicher an der Kasse saß. Er wusste genau, wie alt wir waren und schickte uns gnadenlos wieder hinaus. Ein Erlebnis der besonderen Art war auch der Auftritt vom „Motschenbacher“, der mitunter, wenn er im „blauen Done und Gummistiefeln“ durch das Dorf lief, den Stock schwang und auf die Kinobesucher, die sich am Heimweg befanden, einbrüllte, was sie für verlotterte Wesen seien, sich so einen „Schweinkram“ anzuschauen. Die Älteren unter uns können sich sicher noch gut an ihn erinnern. Er wohnte im Starenweg und für uns war es immer eine besondere Mutprobe, ihm nicht aus dem Weg zu gehen, wenn er uns entgegen kam - aber ein ungutes Gefühl hatten wir immer, wenn wir ihm begegneten. In meiner Kindheit wurde gemunkelt, dass sein Verhalten wohl auf intensive Kriegserlebnisse zurückging.

Auch gab es Sonderveranstaltungen wie z.B. Verkaufsaktionen für Heizdecken und Haushaltsartikel. Hier erinnere ich mich an Sonderfilmvorführungen für die Schulen wie z.B. „Die Olympischen Spiele in Rom“. Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, dass „Pat und Patachon“ in Oberkochen waren. Dem war nicht so. Es war zwar geplant, konnte aber nicht realisiert werden. Auch Didi Bantel hatte ein nettes Erlebnis. Aufregenden Filmgenuss versprach der Film, Deine Frau, das unbekannte Wesen. (Der Film hat nicht viel Licht ins Dunkel gebracht. Wir sind heute noch manchmal ratlos) Didi und Susi rechneten mit großem Andrang, aber nichts dergleichen geschah. Man fand sich zu sechst im Kinosaal ein, zusammen mit dem evangelischen Pfarrer und seiner Frau sowie einem Lehrerkollegen vom hiesigen Gymnasium und dessen Frau und gelangte dann nach 2 Stunden mühsamer spannungsloser unerotischer Darbietung völlig geschafft wieder ins Freie. Das ließ auch schon darauf schließen, dass die Tage des Oberkochener Kinos gezählt waren.

In den 60er Jahren ging das Geschäft immer schlechter. Albert Schleicher hatte zwar schon Pläne entworfen, auf dem gleichen Grundstück ein zweites Kino zu erstellen (Richtung Frühlingstraße wo heute das Wohnhaus steht), nahm dann aber doch Abstand davon. Wahrscheinlich bewahrte ihn hier sein kaufmännisches Gespür vor einem großen Fehler.

Es kam das Jahr 1964. Das Kino wurde in einem letzten Versuch an den Filmvertreter Kampmüller verpachtet und dieser betrieb das Filmtheater noch bis ins Jahr 1968. Danach war endgültig Schluss. Oberkochen wurde offiziell zur Stadt ernannt und das Kino für alle Zeiten geschlossen. Das Gebäude wurde an die Firma Zeiss vermietet, die im alten Kinosaal hohe Regale errichtete und ihr Werbemittellager darin unterbrachte. Später ließ Albert Schleicher hinter dem Kino und neben der Zahnarztpraxis Gebert, ein Bürogebäude errichten, das er ebenfalls an die Firma Zeiss vermietete. Diese unterhielt dort ihre Werbeabteilung. Als dann Carl Zeiss die Strategie verfolgte, ausgelagerte Firmeneinheiten aufzulösen und auf das Firmengelände zurückzuholen, wurde der vordere Bereich als Pizzeria und der hintere Bereich in einen Wohnungstrakt umgebaut. Die Immobilien, wie wir sie heute kennen (inkl. dem „Fässle“) gehören heute den Kindern von Albert und Erna Schleicher. In deren Namen kümmert sich der älteste Sohn Hans heute um die organisatorischen und finanziellen Belange. Interessant fand ich noch bei den Recherchen, dass das Thema „Kino, Film, Bild“ in der Familie Schleicher weit verbreitet war und teilweise noch ist. Alberts Schwester Marta Bley (geb. 1913), die als einzige bis heute alle Geschwister überlebte, war Kinobesitzerin in Herbrechtingen. Das dortige Kino war an die Familie Waldemaier verpachtet worden und ich erinnere mich, dass ich einmal aus deren Wohnzimmer direkt durch eine zu öffnende Klappe in den Kinosaal schauen konnte und dadurch in den Genuss kam, meinen ersten „Godzilla-Film“ zu sehen. Bruder Wilhelm, der als Landarzt in Leutkirch tätig war, war ebenfalls Kinobesitzer. Hans und Alfred hatten in jungen Jahren die Fotographie und das Entwickeln von Papierabzügen zu ihrem Hobby erkoren. Roswitha veröffentlicht heute wunderbare Fotos im Internet (siehe dazu folgende Web-Adresse) http://www.foto-community.de/pc/pc/pcat/248616

Ich danke ganz besonders den Kindern Hans, Alfred und Roswitha, sowie den Puschs und den Holdenrieds, die es mir ermöglichten, dies alles zusammenzutragen und für Sie aufzubereiten. Keine Frage, Oberkochen wurde damals durch die Schließung gesellschaftlich ärmer, weil ein Kino damals eine Funktion hatte, welche die heutige Jugend nicht mehr zu erkennen vermag und auch für sich nicht mehr braucht. Es war eine emotional aufregende Zeit, da es wenige kulturelle Angebote gab, das Filmerlebnis einen Einblick in eine aufregende und unerreichbare Welt gab und man nicht viele Möglichkeiten hatte, seinem/seiner Liebsten im Dunklen nahe zu sein.

PS:
Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Was war vor der Zeit des Schleicher-Kinos und danach? Hier kam nur sehr vage und wenig Licht ins Dunkel. Davor gab es, wie so oft in Oberkochen die Familie Grupp, die etwas bewerkstelligte. Anton Grupp (der Vater von Horst Grupp im Wiesenweg) und dessen Schwager Hans Hillmer betrieben in grauer Vorzeit die „Kocher-Lichtspiele“. Es handelte sich dabei um ein Wanderkino, mit dem sie im Gasthof HIRSCH (Saal) in Oberkochen vorführten und auch auf dem Land wie z.B. in Dorfmerkingen, Pfahlheim und anderen Orten. Dann kam die Zeit des 1.000-jährigen Reiches. Aus diesen 12 Jahren war nicht viel zu erfahren, außer dass es im Martha-Leitz-Haus Vorführungen gab. (Deshalb verweise ich hier auf die Berichte 518 und 519 von Didi Bantel).

Das Martha-Leitz-Haus wurde am 15. November 1982 abgerissen. Nach 1968 übernahm die damalige „Junge Gemeinde“ das Filmgeschäft für einige Zeit. Bis 1994 war es dunkel in Oberkochen, was die Kinogeschichte in Oberkochen angeht. Seit 1994 gibt es die Kino-Mobil AG, die regelmäßig Filme für Alt und Jung im Bürgersaal zeigt. Ich wünsche mir, dass der Artikel eigene Erinnerungen wach ruft und würde mich freuen, wenn weitere Informationen und Fotos zu diesem Thema beim Heimatverein oder bei Didi Bantel, Tel. 07364-7377 eintreffen würden und verabschiede mich mit Löwengebrüll von MGM.

Wilfried Müller

 
 
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