Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 534
 

Wie kommt das Oberkochener Stadtwappen in die Basilika von Lisieux?

Wer in die französische Partnerstadt Dives-sur-Mer kommt, der kennt die reizvolle Landschaft des Pays d'Auge in der Normandie. Der herbe Charme dieser Landschaft animiert zu Ausflügen in die umliegenden Städte und Dörfer, und vielen sind die schönen Küstenstädte, wie z.B. Deauville, Trouville oder Honfleur an der Blumenküste, der Côte Fleurie, ein Begriff.

Fährt man von Dives-sur-Mer aus etwa 30 km in südöstliche Richtung, so kommt man in die Stadt Lisieux, am Flüsschen Touques gelegen. Lisieux hat rund 23.000 Einwohner und ist Sitz der Unterpräfektur des gleichnamigen Arrondissements. Bekannt ist die Stadt aber weniger als Verwaltungssitz, sondern vielmehr als Wallfahrtsort mit einer berühmten Basilika, der Basilika Sainte Therese. Nur wenige hierzulande wissen, dass Lisieux nach Lourdes der zweitgrößte Wallfahrtsort in Frankreich mit jährlich fast eineinhalb Millionen Pilgern und Besuchern ist. Mit dem Bau der Basilika wurde 1929 begonnen; 1954 war die Einweihung. Sie ist eine der größten Kirchen, die im 20. Jahrhundert gebaut wurden.

Die Basilika in Lisieux (Normandie)

Betritt man die Basilika, so gelangt man über das Haupt- bzw. Mittelschiff in das Zentrum mit seiner riesigen Kuppel. An dieser Stelle kreuzt ein sog. Querschiff und führt links und rechts in zwei Seitenschiffe, die jeweils in Form einer großen Apsis angelegt sind. Betritt man die rechte Apsis, so gelangt man zu einem Seitenaltar, über dem ein großes Kruzifix angebracht ist. Der Altar selbst ist von schmiedeeisernen Gittern umgeben, an denen verschiedene, in Bronze gegossene wappenähnliche Symbole angebracht sind. Darunter befindet sich auch ein Wappen, das dem der Stadt Oberkochen nicht nur ähnelt, sondern bis ins Detail identisch ist. Auf bronzenem Wappenschild sind dort drei fünfblättrige Rosenblüten in einem Dreieck dargestellt, genauso wie im Oberkochener Stadtwappen, das Dietrich Bantel im Jahr 1968 anlässlich der Stadterhebung entwarf.

Nun ist natürlich nicht beabsichtigt, Dietrich Bantel des Plagiats zu bezichtigen. Er hat, zumindest zum damaligen Zeitpunkt, sicherlich nichts davon gewusst, dass sich in der nordfranzösischen Basilika von Lisieux ein identisches Wappen mit drei fünfblättrigen Rosenblüten befindet. Gerade deshalb stellt sich aber die Frage: wie kommt das Oberkochener Wappen in die Basilika von Lisieux?

Das Wappen mit den drei Rosenblüten in der Basilika in Lisieux

Die Antwort auf diese Fragen gibt die Basilika selbst, die nach einer Ordensschwester des Karmeliterordens benannt wurde, der heiligen Thérése von Lisieux. Marie-Francoise Thérése Martin, wie sie mit weltlichem Namen hieß, wurde am 02. Januar 1873 in Alencon in der Normandie geboren. Bereits im Alter von 15 Jahren trat sie 1888 in den Orden der sog. Unbeschuhten Karmelitinnen in Lisieux ein. Der Orden, der im 16. Jahrhundert entstand, geht auf den im 13. Jahrhundert gegründeten Karmeliterorden zurück, der nach dem heiligen Berg Karmel im heutigen Israel benannt wurde.

Marie-Francoise Thérése Martin war ein sehr schüchternes und introvertiertes Kind. Ihre tiefgläubige Mutter, Zélie Martin, erzog sie und ihre übrigen fünf Geschwister religiös. Alle fünf traten übrigens später einem kirchlichen Orden bei, so auch Marie-Francoise Thérése.

Marie-Francoise Thérése Martin, die später von Papst Pius XI heilig gesprochen wurde

Das Ordensleben war streng. Hinzu kamen Ängste und Krankheiten, die die junge Nonne ihr kurzes Leben lang quälten. Während ihrer Zeit im Karmelitinnenorden ging sie den Weg der Einfachheit, der Kontemplation und der innigen Hingabe zu ihrem Gott. Sie nannte ihn »den kleinen Weg zur Heiligkeit«. Dieser »kleine Weg« besagt, dass man keine Heiligentaten vollbringen oder als Märtyrer sterben muss, um eine Heilige zu werden. Mit anderen Worten: man muss keine großen Taten vollbringen, um den Weg zu Gott zu finden. Den kleinen Weg gehen bedeutet, Demut und Nächstenliebe zu üben und die alltäglichen Dinge so zu tun, wie es Gott gefällt: eine Arbeit verrichten, die keiner tun möchte; denen ein Lächeln schenken, die es der eigenen Meinung nach nicht verdient haben; sich mit denjenigen beschäftigen, die man eigentlich meiden möchte; alltägliche Dinge tun und Arbeiten verrichten, um anderen zu helfen, ihnen Arbeit abzunehmen und so Gottes Liebe durch andere zu erfahren. Ihre Einfachheit drückt sich auch in der eigenen Beschreibung ihrer Gebete aus: »Außer beim Gottesdienst... habe ich nicht den Mut, in den Büchern nach schönen Gebeten zu suchen. Ich mache es wie die Kinder, die noch nicht lesen können, ich sage dem Herrn einfach alles, was ich will und Er versteht mich.« Mit diesem »kleinen Weg zur Heiligkeit«, der auch für andere begehbar ist, wurde die junge Marie-Francoise Thérése Martin später zur Volksheiligen in Frankreich und darüber hinaus.

Am 30. September 1897 starb sie im Alter von nur 24 Jahren an den Folgen einer Tuberkuloseerkrankung. In den Monaten vor ihrem Tod versprach sie, ihren Himmel damit zu verbringen, auf Erden Gutes zu tun und nach ihrem Tod einen Rosenregen vom Himmel fallen zu lassen. Tatsächlich sprach man ihr bereits kurz nach ihrem Tod eine Vielzahl von Wundertaten und Spontanheilungen todkranker Menschen zu, die ihre geheimnisvollen Worte »Nach meinem Tod will ich es Rosen regnen lassen« im Nachhinein mit Bedeutung zu füllen schienen.

Marie-Francoise Thérése Martin wurde am 29. April 1923 durch Papst Pius XI selig gesprochen. Bereits zwei Jahre später, am 17. Mai 1925, fand vor 500.000 Pilgern in Rom die Kanonisierung, also die Heiligsprechung, ebenfalls durch Papst Pius XI, statt. Papst Johannes Paul II erhob sie am 17. Oktober 1997 zur Kirchenlehrerin.

Unter der Kuppel der Basilika von Lisieux befindet sich heute ein Schrein mit den Reliquien der Heiligen Thérése von Lisieux. Hierhin pilgern viele Menschen, um ein besonderes Gebet vorzubringen:

O kleine Thérése vom Kinde Jesus, bitte pflück' für mich eine Rose von den himmlischen Gärten und schick' sie mir als Botschaft der Liebe.
O kleine Blume Jesu, bitte Gott, die Gnade zu erweisen, die ich nun vertrauensvoll in deine Hände lege.
Heilige Thérése, hilf mir, dass ich immer so an Gottes Liebe zu mir glauben kann wie du es getan hast, so dass ich jeden Tag deinen »kleinen Weg« gehen kann.

In diesem Gebet ist wiederum die Rede von Rosen. Die meisten Bilder, Gemälde und Statuen zeigen die Heilige Thérése mit einem Rosenstrauß oder Rosen zu ihren Füßen oder einer Rose in der Hand. Sie hat ihr Leben lang Rosen geliebt, und mit ihrem Versprechen, nach ihrem Tod Rosen regnen zu lassen, wollte sie ihre Liebe auch nach ihrem Tod weitergeben.

Allgemein stehen Blumen als Symbol gegen das Vergessen und der Vergänglichkeit des Lebens. In der christlichen Symbolik gelten Rosen als Zeichen der Zuneigung, der Liebe und Treue über den Tod hinaus. Auch die dreieckige Anordnung, wie man sie z.B. in der Basilika von Lisieux sehen kann, hat in der christlichen Symbolik eine Bedeutung, denn hierdurch wird die Dreifältigkeit in besonderer Weise ausgedrückt.

Das Wappenschild mit den drei fünfblättrigen Rosenblüten in der Apsis der Basilika erinnert daran. Und so kommt das Oberkochener Stadtwappen in die Basilika von Lisieux.

Nachsatz

Der obige Bericht hat den ehemaligen Stadtrat und 1. Vorsitzenden des Heimatvereins, Dietrich Bantel, der vor genau 40 Jahren das Wappen der Stadt Oberkochen gestaltete, zu ein paar Bemerkungen zur Geschichte desselben veranlasst. Lange Zeit ist man nämlich davon ausgegangen, dass die drei Rosenblüten quasi eine »Erfindung« des damaligen Bürgermeisters Gustav Bosch seien, der seinerzeit anregte, besagte Rosenblüten in das neue Oberkochener Stadtwappen aufzunehmen in Anlehnung an das Wappen der ehemaligen Herren von Kochen, die drei Wagenräder in ihrem Schild führten.

Vor zwei Jahren konnte Dietrich Bantel jedoch den schlüssigen Beweis erbringen, dass ein »abweichlerischer« Ritter der vielen Herren von Kochen, nämlich Ritter Görig (Georg) von Kochen, die drei Rosen bereits vor ziemlich genau 600 Jahren in seinem Wappen geführt hatte. Ob dies zu Zeiten der Stadterhebung in Oberkochen bekannt war, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. In den Beratungen im Gemeinderat um das neue Stadtwappen im Jahr 1968 wurde das ausgefallene Unterkochener Rosenwappen jedenfalls nie erwähnt.

In diesem Zusammenhang wird auf die Ausführungen von Dietrich Bantel zum Wappen vor Oberkochen im Bericht Nr. 493 Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag, in der Ausgabe de Amtsblatts »Bürger und Gemeinde« vom 24. Februar 2006 verwiesen.

Bürgermeister Peter Traub

 

 
 
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