Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 533
 

Brotmünze

Am Freitag, 18. April 2008 erhielt ich von unserem Mitglied und meinem ehemaligen Schüler Jürgen Kempf, der am Geographischen Institut der Universität Würzburg (Mineralogie) arbeitet, in BuG vom 01.12. 2000 im Rahmen unserer heimatkundlichen Serie Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag« anlässlich unserer Sonderausstellung »Mineralien aus Oberkochener Häusern« unseren Beitrag 381 »Wie entstehen Wüstenrosen?« geschrieben hat, und außerdem »Lieferant« des berühmten Kaffeewunderschachteldeckels von 1945 ist, eine Email folgenden Inhalts:

»...neulich kam mir eine alte Oberkochener Münze in die Finger, deren Abbildung ich Dir hiermit zusende. Vielleicht weißt Du ja, wie alt sie ist und was es genau damit auf sich hat. Es ist eine Brotmarke aus Notzeiten vom Martha-Leitz-Haus, vermutlich Nickel oder Nickel-Legierung (wohl zu schwer für Alu), Durchmesser ca. 2 cm. Ich tippe auf späte Kriegs- oder frühe Nachkriegsjahre (ca. 1944 - 1947) könnte aber auch 20 Jahre älter sein. Das Objekt ist gelocht / durchbohrt...«

Dieser Mitteilung, der ich leider weniger hinzuzufügen weiß, als Jürgen Kempf vermutet - weshalb wir unsere Leser um Mitarbeit bitten - waren zwei hervorragende Abbildungen von Vorder- und Rückseite der Münze angefügt.

Wir veröffentlichen heute eine Luftaufnahme des Martha-Leitz-Hauses (Ausschnitt) vom September 1946, die wir von Herrn Ottmar Bihlmaier erhalten haben. Über die Firma Fritz Leitz und seine Gemahlin Martha Leitz, das Martha-Leitz-Haus und den Leitzstollen, dessen betonierter südlicher Eingang, der oben rechts auf dem Foto deutlich zu erkennen ist, haben wir vielfach berichtet (Berichte 16 v. 06.05.1988, 312 v. 21.02.1998, 313 v. 06.03.1998, 314 v. 20.3.1998, 339 v. 01.04.1999, 340 v. 16.04.1999, 341 v. 30.04.1999, 342 v. 21.05.1999, 394 v. 08.06.2001, Bericht v. 15.06.2001, 485 v. 02.09.2005, 518 v. 03.08.2007, 533 v. 25.04.2008). Außerdem befindet sich ein ausführlicher Bericht im Heimatbuch.

Zur Luftaufnahme würde uns interessieren, ob es BuG-Leser gibt, die uns etwas über die beiden Holzbaracken sagen können, die sich zwischen dem Martha-Leitz-Haus und dem Stolleneingang befinden. (Schriftlich oder telefonisch an DB)

Zu der Münze ist zu sagen:

Mit Sicherheit kann ausgeschlossen werden, dass die Münze »auch 20 Jahre älter« als 1944-1947 sein kann, da die Firma Fritz Leitz (Rüstungsbetrieb, zuletzt ca. 1000 Beschäftigte) erst 1938 gegründet wurde.

Dass die Münze nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt wurde, ist, auch wenn es bis 1949/50 Lebensmittelmarken und Bezugsscheine gegeben hat, (erst kürzlich haben wir vom Ehepaar Anna und Erwin Müller eine stattliche Sammlung von Lebensmittelmarken und Bezugsscheinen der Kriegs- und Nachkriegszeit erhalten, sauber geordnet in einer Original-Sammelmappe für Lebensmittelkarten), desgleichen auszuschließen, da der Rüstungsbetrieb Fritz Leitz nach dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 »demontiert« wurde.

Am wahrscheinlichsten ist das Jahr 1944 das Fertigungsjahr.

Die Bohrung sieht so aus, als ob sie auf jeden Fall einige Zeit nach der Fertigung der Münze in diese gebohrt wurde.

Die Münze ist mit größter Wahrscheinlichkeit eine betriebseigene Fertigung, so dass »kombiniert« werden kann, dass der Betrieb Fritz Leitz als »Rüstungsbetrieb« über die damals offiziell zugeteilten Lebensmittelmarken hinaus aus für Otto Normalverbraucher nicht zugänglichen Rüstungs-Nachschubsquellen irgendwelche offiziösen »Sonderrationen« zur Verteilung bringen konnte und durfte.

Den Heimatverein würde sehr interessieren, ob sich ehemalige Mitarbeiter der Firma Fritz Leitz an diese Brotmünze erinnern, und vor allem, wer sie bekommen hat; Klartext, ob sie alle Mitarbeiter bekommen haben oder nur Privilegierte, und ferner, ob es möglicherweise noch andere Münzen für andere Nahrungsmittel gegeben hat. Informationen über Tel. 7377 oder schriftlich (am Espenrain 3) bitte an Dietrich Bantel.

Um die Zeit gegen Kriegsende, 1944/45, in Bezug auf die äußerst bescheidenen Nahrungsmittelzuteilungen, Lebensmittelkarten und Bezugsscheine aus eigener Erinnerung zu illustrieren: Als 1944 meine »Grundschule«, die Kräherwaldschule in Stuttgart, von Bomben zertöppert worden war, sangen wir, 9 bis 10 Jahre alt, damals am Anfang der vierten Klasse der Rosenbergschule, in der wir gastweise untergebracht waren, im Pausenhof ein kleines ironisches Lied der Erwachsenen, die den Mut offenbar nicht verloren hatten: Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei. In dem Monat Dezember, da gibt's wieder ein Ei.

Um die offiziellen Zuteilungen aufzubessern, fuhren die Städter, fast ausschließlich Frauen, damals und in der unmittelbaren Nachkriegszeit »zum Hamstern aufs Land«.

Sie hatten städtische »Tauschware« dabei - von alten Nippes bis hin zu Kinderspielzeug, und kamen abends todmüde mit ein paar Eiern, Mehl, Kartoffeln, Fett, oder einem Krautkopf wieder nach Hause. Sicher entsinnen sich die älteren Oberkochener, sofern sie damals noch Landwirtschaft oder zumindest eine »Bauernsach« hatten, an derlei Besuche aus der Stadt.

Dietrich Bantel

 

 
 
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