Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 518
 

Vom Theaterweg zur Carl-Zeiss-Straße

Aus der topographischen Karte des Statistischen Landesamtes aus dem Jahr 1926 (Abbildung 1) ist vergessene Oberkochener Geschichte herauslesbar. Im Süden des kleinen Dorfs ist eine Fabrik = »Schleifmühle« eingezeichnet. Es handelt sich um den damals schon beachtlichen Betrieb der Brüder Leitz beim Ölweiher unweit des Steinbruchs weit außerhalb des Dorfs.

Gegenüber des Sträßchens am Kocher befindet sich der Eintrag »Ziegelhütte«. Wir heutigen Oberkochener denken bei »Ziegelhütte« natürlich an jene Ziegelhütte, die sich unweit der Wasserscheide auf Königsbronner Gemarkung befindet - die Ziegelhütte, wo sich's so trefflich speisen, vespern und verhocken lässt. Kaum noch jemand weiß, dass es auch in Oberkochen eine »Ziegelhütte« gab. Lange Zeit hieß der untere fast ebene Teil der späteren Wacholdersteige noch »Ziegelstraße«, wie der untere Pfeil auf unserer Abbildung 2 aus dem Oberkochener Ortsplan von 1958 belegt. Heute erinnert nur noch der alte Hausname »Ziegler« an die Oberkochener Ziegelhütte. Unser früh verstorbenen Mitglied Kuno Gold, der Ahnenforscher, trug diesen »Hausnamen«; noch dessen Vater nannte man in Oberkochen den »Lettenbaron« oder den »Baron von Letten«, weil er aus Letten (tonig-lehmigem Boden) Ziegel und somit Geld machte und es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte. Weiter südlich finden wir eine weitere Fabrik, die Firma WIGO« (Wilhelm Grupp Oberkochen - heute Walter/Pedcad), und an der Stelle der heutigen Forellenzucht lesen wir etwas kocheraufwärts die Bezeichnung »Eisweiher«.

Im Jahr 1938 machte sich einer der drei Brüder Leitz (Albert, Emil und Fritz), Fritz Leitz, selbständig und begann, unabhängig von seinen Brüdern, für die Rüstung zu produzieren. Der Betrieb expandierte schnell. Bereits 1939 gibt es Pläne für Erweiterungsbauten, unter anderem einen Plan für das später sogenannte »Martha-Leitz-Haus«, das noch im selben Jahr fast fertig gestellt war. Der Plan vom April 1939 führt in diesem Zusammenhang als Titel für den Bereich des Martha-Leitz-Hauses »Festhalle, Kantine, Freibad, Turnhalle«.

Dieses nach der Gattin von Fritz Leitz benannte Gebäude entwickelte sich schnell zu einer Art kulturellem Zentrum Oberkochens. Es gab Konzert- und Theateraufführungen, - und die älteren Oberkochener erinnern sich noch sehr wohl vor allem auch daran, dass im Martha-Leitz-Haus Filme nicht nur für die Mitarbeiter des Rüstungsbetriebs Fritz Leitz, sondern für die gesamte Bevölkerung gezeigt wurden.

So entstand ein sowohl von den Firmenangehörigen als auch von den kulturbeflissenen Oberkochenern vielbegangen Verbindungswegle zwischen der Dreißentalstraße und der Ziegelstraße, das schon bald den Namen »Theaterweg« erhalten hatte. Unsere Abbildung 3 zeigt ein um 1946 entstandenes Photo - etwa zu der Zeit also, als die Firma Carl Zeiss in die leerstehenden Fabrikgebäude des nach Kriegsende demontierten Rüstungsbetriebs eingewiesen worden ist. Der unterste Pfeil weist auf den »Theaterweg«, der mittlere auf das Martha Leitz Haus, und der etwas kleinere oberste Pfeil weist auf den nördlichen Eingang des bei Kriegsende in Bau befindlichen Leitzstollens, in dem eine unterirdische in den Fels gebaute Fabrikationsanlage zur Fertigung von Flugzeugteilen geplant war.

Noch in einer Aufnahme aus der Mitte der Siebzigerjahre (Abbildung 4) ist das Martha- Leitz-Haus als auch die alte Villa Fritz Leitz zu erkennen. Beide Gebäude wurde plusminus 1980 abgebrochen. (Das genaue Datum war bislang weder über die Stadt noch über CZ in Erfahrung zu bringen.)

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Geschichte der »Carl-Zeiss-Straße«. Im Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« vom 23. März 1956 wird aus der Gemeinderatssitzung vom 6. März 1956 berichtet:

»Die im Bebauungsplan »Dreißental Süd« vorgesehene Verbindungsstraße zwischen Dreißental- und Ziegelstraße - vorbei an den Industriebauten der Firma Fritz Leitz GmbH und Carl Zeiss - wird auf Grund einstimmigen Beschlusses »Carl-Zeiss-Straße« benannt.«

Im Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« vom Donnerstag, 29. März 1956 nimmt Bürgermeister Bosch auf der Titelseite persönlich Bezug auf den am 23. März gefassten Gemeinderatsbeschluss.

Hier der Text, in welchem der Bürgermeister auch den »Theaterweg» als Vorläufer der Carl-Zeiss-Straße erwähnt:



   

   
   

Im Zuge der weiteren Entwicklung wurde die ursprünglich durchgehend als »Wacholdersteige« benannte Straße in ihrem oberen ansteigenden Teil in Leitzstraße umbenannt, so dass heute nur noch der untere fast ebene Teil »Wacholdersteige« heißt.

Durch den im Juli 2007 abgeschlossenen Kaufvertrag zwischen der Stadt Oberkochen und der Firma Carl Zeiss ist das öffentliche Ende der Carl-Zeiss-Straße besiegelt. Die Carl- Zeiss-Straße geht in Firmenbesitz über und wird voraussichtlich im August 2008 (BuG vom 27.07.2007) durch 2 Tore, eines am Beginn in der Dreißentalstraße und ein zweites am Ende in der Wacholdersteige gesperrt.

Dietrich Bantel

Zu Bericht 518

Abbruch Martha-Leitz-Haus:
Montag, 15. November 1982

In unserem letzten Bericht (BuG vom 3. August) »Vom Theaterweg zur Carl-Zeiss-Straße« blieb die Frage offen, wann genau das Martha-Leitz-Haus abgebrochen wurde.

Wir hatten uns auf »1980 plusminus« festgelegt.

Vor wenigen Tagen erhielten wir einen Anruf von einem unserer Bericht-Leser, Herrn Karl-Heinz Hercher, der seinerzeit als Mitarbeiter bei der Firma Carl Zeiss den Abbruch des Martha-Leitz-Hauses von seinem Arbeitsplatz aus nicht nur verfolgte, sondern auch das genaue Abbruchdatum, nämlich Montag, 15. November 1982, notiert hat. Es sei sehr schnell gegangen. Herzlichen Dank für die Information. Wer hat Fotos von dem Abbruch gefertigt?

Leider wurde die Nummer des o.b. Berichts versehentlich »unterschlagen«. Der Bericht vom 3.August hat die Nummer 518.

Ausführlicher Bericht folgt.

Möglicherweise lässt sich auf diesem Weg auch noch das Abbruchdatum der Villa Fritz Leitz herausfinden. Auch hier sind wir sehr an Fotos interessiert. Originalfotos werden in beiden Fällen digital abfotografiert, die Fotos umgehend zurückgegeben.

Dietrich Bantel

 
 
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