Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 515
 

Russischer Maler Medvedckij - 1913 - 2006
Maler in den Bäuerle-Baracken 1942 - 1945
Teil 3

Berichtigung: Durch einen Übertragungsfehler schlich sich in den Namen des ukrainischen Geschichtsforschers, Schriftstellers und örtlichen Funktionärs von Dneprodsershinsk ein falscher Buchstabe ein: Der Forscher, der die Geschichte und das Wirken des 2006 verstorbenen Malers Adolf Medvedckij für eine für dieses Jahr geplante Ausstellung in seiner Heimatstadt Dneprodsershinsk, Bezirk Dnepropetrovsk, zu dessen Werken und Wirken aufarbeitet, lautet richtig: Alexander Slonevskij. (nicht Stonevskij).

Während der letzten 3 Wochen sind erneut zahlreiche Hinweise sowohl auf den Maler als auch auf den deutschen Aufseher »Papa« (Karl Elmer, Dreißental) eingegangen.

In der Familie Edmund Seitz im Kapellenweg befindet sich ein 13. Bild von Medvedckij. (62 cm hoch und 90 cm breit). Es handelt sich um eine Moorseenlandschaft mit Birken; Berge im Hintergrund - möglicherweise eine Allgäu-Landschaft.

Das Haus Seitz befindet sich schräg gegenüber der ehemaligen Russenbaracken im Kapellenweg. Das Bild kam in Familienbesitz, weil Frau Seitz den Zwangsarbeitern immer wieder behilflich war, unter anderem mit der Wäsche.

Auch dieses Bild (siehe Abbildung) ist auf digitalem Weg bereits in der Ukraine eingetroffen.

Es mag durchaus noch weitere vergleichbare Situationen gegeben haben. Deshalb noch mal unsere Bitte: Wer noch eines oder mehrere Bilder von Adolf Medvedckij besitzt, möge sich doch bitte mit uns (Bantel - Tel. 7377) in Verbindung setzten. Die Bilder werden an Ort und Stelle abfotografiert. Der Maler Adolf Medvedckij war, wie in den Berichten 513 und 514 dargestellt, in der Zeit von 1942 - 1945 Zwangsarbeiter in Oberkochen und hat in dieser Zeit zahlreiche Bilder gemalt, die sich bis heute in Oberkochener Privatbesitz befinden.

Auf enormes Echo stieß die Person des deutschen Aufsehers »Papa«, (Zitat aus Brief 1 vom 30.03.07 von A. Slonevskij, veröffentlicht in Bericht 513 v. 03.05.07): »Den Kosenamen »Papa« kriegte er für seine menschliche und recht väterliche Behandlung der Fabrikarbeiter und war recht stolz darauf.«). Bei mir haben sich insgesamt 7 Oberkochener Zeugen gemeldet. Ein besonders aussagekräftiges Zeugnis wurde schriftlich niedergelegt. Die Zeugen bestätigen durchweg, dass Karl Elmer insgesamt mit Sicherheit nicht ganz der so geschilderte »Engel« war. Das Ergebnis der Zeugenaussagen zusammenfassend sei festgestellt, dass Elmer nach dem Einmarsch der Amerikaner von einigen Russen de facto Prügel bezogen hat, was ja mittlerweile auch von russischer Seite bestätigt wird, wie der nachfolgend veröffentlichte Brief 3 aussagt. Die näheren Umstände sind uns bekannt. Ob es sich dabei um Russen handelte, die vom Kapellenweg kamen, oder um Russen aus anderen Baracken, kann nicht mehr festgestellt werden. Fest steht, dass Karl Elmer für die Russen im Kapellenweg zuständig war.

Sicher war der »Job«, den Karl Elmer auszuüben hatte, ein unangenehmer Job, der ihn auch bei möglicherweise freundlicher Grundveranlagung unweigerlich immer wieder in Zwiespalt und Zwänge gebracht hat.

Hier wie angekündigt die Bildbeschreibungen zum Bericht 514 vom 25.05.07

Portraits: (4-er-Block)
Bild 1: Adolf Bäuerle (I) - (mit Schnurbart), 1867 - 1933
Bild 2: Albert Bäuerle - (ohne Schnurrbart, Faconette) 1901 - 1979. Ehrenbürger
Bild 3: Jakob Christoph Bäuerle - Firmengründer - 1834 - 1891
Bild 4: Maria Rühle (Haushaltshilfe) mit Adolf Bäuerle (II). (1938 - 2005)
Landschaften (8-er-Block) - jeweils von rechts nach links im Leseablauf
Bild 5: Landschaft am Schwarzen Meer
Bild 6: Königsee
Bild 7: Schafe am Waldrand
Bild 8: Rotwild in hügeliger Landschaft
Bild 9: Gänse am Bach - Weiden
Bild 10: Weg mit Bäumen und Feldern (Bauer)
Bild 11: Enten im Bach (Zaun, Binsen)
Bild 12: Verschneiter Waldweg mit Holzbeige (Volkmarsberg?)

Dietrich Bantel

Anschließend veröffentlichen wir einen 3. Brief von Alexander Slonevskij, der am Montag, 4. Juni 2007 eingetroffen ist.

Sehr geehrter Herr Dietrich Bantel!

Ich danke Ihnen herzlichst fuer neue Infos ueber den »Oberkochener Russen«. Neulich besuchte ich wieder Frau Witwe Medvedkaja, gruesste sie in Ihrem Namen und auch im Namen von Herrn Dieter Raquet (uebrigens erinnerte sie sich sofort an den Familiennamen von seinem Vater, sprach ihn aber »Rakwet« aus). Ich uebergab ihr auch die Kopien von Bilderablichtungen und das Angebot von Frau Mueller (Enkelin der Hebamme Frau Holz), das Bild »Schwarzmeerlandschaft« ihr zu schenken (Sandkosten auf unsere Rechnung, natuerlich). Frau Medvedkaja war sehr beruehrt: von Fotos, von Ihren Gruessen und insgesamt von Aufmerksamkeit, die Oberkochner dieser alten Geschichte dank Ihrer eifrigen Teilnahme, lieber Herr Bantel, schenken.

Eine der Episoden teilte sich in zwei - wahrscheinlich wegen dem ersten unfleissigen Ausfragen der Witwe von meiner Seite aus.

Es geht um die Beschreibung des Werkmeisters, der immer rot wurde, wenn er Befehle an russische Zwangsarbeiter erteilen sollte und der dann den Trofim vor KZ rettete. Es stellte sich heraus, dass die Rede von zwei unterschiedlichen Werkmeistern war. Der erste hiess Schmidt und war scheu von Natur her, er war der Meister der Brigade, wo Frau Medveckaja arbeitete.

Und die Episode mit Fehlerpartie von Arbeiter Trofim passierte in der Brigade, wo Maler M. arbeitete, sein Meister war Raquet sen., Vater von Herrn Dieter Raquet. Gerade er sprach gern mit dem Maler M. (laut der Aussage von Frau Witwe Medveckaja) und fragte ihn ueber das Leben in der UdSSR aus. Uebrigens fiel Deutsch dem Maler M. sehr schwer, deshalb gebrauchten sie bei ihren Gespraechen sehr aktiv Haendegestik . Es war ein komischer Blick, wenn man so von der Seite sie betrachtete, aber das stoerte sie gar nicht. Leider kann sich Frau Medveckaja nicht an den Namen des Werkmeisters (oder war es ein Oberarbeiter?) erinnern, fuer den sich die Zwangsarbeiter in einem Gesuchsbrief einsetzten, als er an die Ostfront gehen sollte. Sie behauptet aber, er waere ein Oesterreicher, der eine deutsche Frau in Oberkochen heiratete. Ob es mehrere von solchen Briefen gab, kann Frau Medveckaja nicht sagen. Sie bestaetigte auch die Tatsache, dass »Papa« nach dem Eintritt von Amerikanern zusammengeschlagen wurde, aber beharrt darauf, dass es nicht die dem Papa untergeordneten Russen machten, sondern Jungs von den Nachbarlagern, die den Amiseintritt als ein Zeichen der Straflosigkeit aufnamen.

Und noch eine Episode, die mir Frau M. apropos »Papa« erzaehlte. Waehrend der ganzen Zeit in Oberkochen konnten sich unsere ukrainischen Landsleute an eines nicht gewoehnen - das war die Suppe aus weisser Ruebe. Einmal boten unsere Maedchen dem »Papa« an, am Sonntag ukrainischen Borsch selbst zu kochen. Er sagte zu, und guckte verbluefft, wie die Koechinnen in einen Topf Bohnen, Zwiebel, Karotten, Kartoffeln, Kohl, Pfeffer und vieles mehr nacheinander zugaben. Dem »Papa« wurde das Recht zugeteilt, den ersten Teller Borsch zu testen, zoegernd brachte er den ersten Loeffel zu seinem Mund. Etwa in einer Woche fragte »Papa« die Ukrainerinnen bescheiden: Maedel, wollt ihr nicht Borsch fuer das Wochenende kochen?

Was das Bild »Schwarzmeerlandschaft« anbetrifft, freut sich Frau Medveckaj sehr darauf und wird dieses echt teuere Geschenk mit tiefer Dankbarkeit uebernehmen. Ist es moeglich, das Bild an meine Postadresse (Slonevskij also) mit der Angabe »Euer Frau Maria Medveckaja« zu schicken? Frau M. wird Ihnen die Empfangsbestaetigung senden. Diese Bitte ist dadurch bedingt, dass Frau Maria Medveckaja schon 87 Jahre alt ist. Es ist schwierig fuer sie zur Post zu laufen. Ich muss sagen, dass Frau Medveckaja die Aussage Ihrer Zeugin nicht bestaetigt, dass es noch einen weiteren russischen Maler in Oberkochen in den Jahren 1942-1945 gab.

Ich will nicht laestig sein, aber als Geschichteforscher wuerde sagen, dass es schoen waere, weiter in der Suche »neuer« Bilder in Oberkochen »nachzubohren«. Wenn auch der Schwiegersohn der Hebamme, Herr Truckenmueller die Kindergeburt in der Familie Medvedkijs uns belegen koennte, wuerde diese Tatsache eine Reihe von neuen Fragen an Frau Medveckaja hervorrufen. Trotzdem ein Spruch bei uns sagt: »Platon ist mein lieber Freund. Aber die Wahrheit ist mir noch lieber.«

Mit freundlichen Gruessen
Alexandr Slonevskij

PS: Am Wochenende war ich im Stadtmuseum und sprach mit Chefin der Exposition Frau Irina Schapotschkina. Sie betrachtete die Abbildungen von M. und sagte: »Ohne Zweifel kann man die Oberkochener Periode des Schaffens und des Malers Lebens als eine glueckliche bezeichnen. Davon sagen ruhige Natur, viel Licht und klare Farben auf seinen Bildern dieser Zeit.«

 
 
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