Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 513
 

Russischer Maler Medvedckij - 1913 - 2006
Maler in den Bäuerle-Baracken 1942 - 1945
Teil 1

Im Jahr 1998 habe ich in unseren Berichten 313 bis 317 die Geschichte der Baracken für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter der Oberkochener Firmen, die mit Rüstung zu tun hatten, soweit wie damals möglich nach Angaben von Zeitzeugen aufgearbeitet.

Inzwischen habe ich, wie 2001 berichtet, ein US-Luftaufklärungsfoto vom 8. April 1945 aufgespürt, auf dem fast auf den Meter genau nachgeprüft werden kann, inwieweit die damaligen Zeitzeugen-Angaben von 1998 über einem halbes Jahrhundert danach zutreffend waren und sind.

In unseren BuG-Berichten No. 316 v. 17.04.1998 (und No. 317 v. 30.04.2007) bin ich der Geschichte der Gefangenen- und Zwangsarbeiter nachgegangen, die bei der Firma Bäuerle gearbeitet haben und in Baracken im Kapellenweg untergebracht waren.
Gefangenenaufseher war der Oberkochener Karl Elmer. (»Papa« - siehe Foto)

Der ukrainische Maler Medvedckij hat in Oberkochen eine junge Landsmännin geheiratet. Ein Kind wurde in Oberkochen geboren. Die ganze Geschichte, soweit mir damals bekannt geworden, ist in Bericht 316 beschrieben. Ein Bild des Malers Medvedckij (Name in den Bericht 317 etwas anders geschrieben) ist - nach derzeitigem Kenntnisstand - in Bericht 316, ein weiteres in Bericht 317 abgebildet.

Am 16. April 2007 erhielt ich über die Stadt Oberkochen zuständigkeitshalber ein Schreiben des ukrainischen Geschichtsforschers und Schriftstellers Alexandr Slonevskij zugestellt, der gemeinsam mit dem Museum für Stadtgeschichte der Stadt Dnjepropetrovsk in der Ukraine das Leben des o.g. Malers, einem erst 2006 verstorbenen Sohn dieser Stadt, dessen Frau noch lebt, aufarbeitet.

Mit Erlaubnis von Alexandr Slonevskij veröffentlichen wir heute dessen Brief vom 30.03.2007 und bitten die ganze Bevölkerung, uns mitzuteilen, ob sich über die 1998 genannten Orte (Bäuerle, Müller) irgendwo sonst noch weitere Zeugnisse zum Wirken des Malers Medvedckij aus den Vierziger-Kriegsjahren in Oberkochen und/oder Umgebung befinden.

Auch Erinnerungen jedweder Art an den Maler bitten wir uns mitzuteilen - am besten in schriftlicher Form. Auch Hinweise auf Personen, die Auskunft geben könnten, sind willkommen.
(Tel. 7377 - Fax 957843)

Brief:
Alexandr Slonevskij
Magnitogorskaja Strasse 5-47
51934 Dneprodsershinsk
Dnepropetrovsk Reg.
Ukraine
Email: ashistory(at)mail.ru
den 30. Maerz 2007

Sehr geehrte Damen und Herren,
diesen Brief erhalten Sie von einer weit von Deutschland liegenden ukrainischen Stadt namens Dneprodsershinsk. Ich bin Geschichtsforscher, Schriftsteller und oertlicher Funktionaer Alexandr Slonevskij. Gemeinsam mit der Fuehrung des Museums der Stadtgeschichte bereiten wir zur Zeit eine postume Personalausstellung unseren Mitstaedters und des hervorragenden Malers Adolf Medvedckij (1913-2006), die in 2007 stattfinden soll.

Im Zusammenhang mit dieser Ausstellung erforschte ich das Leben und Schicksal von Adolf Medvedckij und entdeckte viele interessante Fakten, die mir seine Frau, heutzutage Witwe des Malers Maria Medvedcka (ihr Geburtsname Dolzhikova) mitgeteilt hatte. Ein Teil des Lebens von der Familie Medvedckijs ist mit dem deutschen Ort Oberkochen eng verbunden.

Waehrend des zweiten Weltkrieges wurde Adolf Medvedckij von Dneprodsershinsk nach Deutschland verschleppt und gelang im Jahr 1942 nach Oberkochen. Hierher wurde auch das Fraeulein Maria Dolzhikova vom Dorf Poros (Kursk Gebiet) gebracht. Gemaess ihrem Zeugnis gab es in der Umgebung von Oberkochen eineige Fabriken, die Militaerauftraege erfuellten. Die Fabrik in Oberkochen gehoerte den Bruedern Albert und Otto Bauerle. In der Familie des jungeren Bruders sind im Jahr 1943 zwei Zwillingssoehne geboren.

In der Fabrik arbeiteten insgesamt 120 Menschen: etwa 80 Frauen und ungefaehr 40 Maenner. Die Frauen wohnten in einer Ziegelbaracke und die Maenner in der Holzbaracke. Am Anfang ihren Aufenthalts waren die Lebensbedingungen ziemlich hart: das Essen war duerftig und die Anpassung an neue Existenz fiel ihnen schwer. Aber allmaehlig lebten sie sich ein. In der Fabrik der Brueder Bauerle arbeiteten sowjetische Buerger aus den von Faschisten besetzten Gebieten, aber auch manche Franzosen und Belgier und deutsche oertliche freie Lohnarbeiter. Es wurde fuenf Tage pro Woche gearbeitet, Samstag war ein kurzer Arbeitstag. Man verdiente 7-12 Mark pro Woche. Ungefaehr einmal im Monat sammelte sich eine Gruppe von 20-30 Leuten, und unter der Begleitung vom »Papa« und seinem Schaeferhund Landa gingen sie zu dem naechsten Staedtchen einkaufen. »Papa« war der Kosename von einem aelteren Mann, der die Arbeiter ueberwachte. Seine Verantwortung war die Arbeitsordnung, Ausgabe der Lebensmittel an die Kueche und des Werkzeugs und der Arbeitskleidung an die Arbeiter und vieles Anderes. Den Kosenamen »Papa« (d. h. »Vati« im Russischen) kriegte er fuer seine menschliche und recht vaeterliche Behandlung der Fabrikarbeiter und war stolz darauf. Leider kann sich Frau Medvedcka-Dolzhikova an seinen richtigen Namen nicht erinnern.

Im Jahr 1943 entstand das Liebesgefuehl und die Liebesbeziehung zwischen Adolf Medvedcki und Maria Dolzhikova. Sie trafen die Entscheidung, eine Ehe zu schliessen, und mussten eine Genehmigung von den Fabrikbesitzern kriegen. Diese Genehmigung wurde ihnen zugeteilt gemeinsam mit einem Zimmer in der Baracke fuer Maenner und einem riesigen Holzbett. In dieser Baracke hatten schon zwei weitere Familien gewohnt: eine Familie war vom besetzten Territorium gekommen und die andere war in Oberkochen gegruendet worden. Es wurde eine Hochzeit gefeiert, zu der Mitarbeiter von beiden Baracken eingeladen wurden, aber auch Landsleute des Brautpaars von Nachbarfabriken. Gemaess dem Vorschlag des »Papa« wurde die Tagesration in den zwei Wochen vor der Hochzeit gekuerzt, und von den gesparten Lebensmitteln wurde dann die Hochzeitstafel gedeckt. Der »Papa« selbst schenkte dem Brautpaar ein Fass Wein. Aber das Schoenste stand noch bevor.

Der frisch geheiratete Ehemann erwies sich als autodidaktscher Maler: er wollte ihre neue Wohnung gemuetlich machen und hat ihr Ehebett wunderschoen bemalt. An die Holzwand ueber dem Bett malte er einen großen schoenen Teppich. Die Nachricht ueber seinen Talent kam zu dem Vorstand der Fabrik. Als der erste lud der Fabrikmeister, der mit der Schwester der Bauerle-Brueder verheiratet war, unseren Kuenstler in sein Haus ein. In seinem Haus fand Adolf Medvedckij alles Notwendige fuer die Arbeit vor: eine Stafelei, Leinen und Farben. So began er seine Arbeit als Maler. Er machte hauptsaechlich Kopien von bekannten Gemaelden und auch Landschaftsbilder der Umgebung, er war naemlich eine hervorragender Landschftsmaler. So beschaeftigte sich Adolf Medvedckij fast seine ganze Aufenthaltszeit in Oberkochen mit Malerei. Er malte auf Bestellung von vielen Ortsbewohnern. Wir hoffen, dass Nachkommen der Brueder Bauerle oder der anderen Bewohner von Oberkochen die Gemaelden des ukrainischen Malers vielleicht noch aufbewahreen? Das ist der Sinn diesen Briefes. Das Leben der Familie Medvedckijs zeugt von der menschlichen Beziehung der deutschen Fabrikfuhrung und der oertlichen Bevoelkerung des Dorfes Oberkochen ihnen entgegen. Frau Maria Medvedckaja-Dolzhikova ist jetzt 85 Jahre alt, aber sie erinnert sich mit tiefer Dankbarkeit an »Papa«, die Brueder Bauerle, den namenlosen Meister (den ersten Kunden ihren Mannes) und gewoehnliche deutsche Arbeiter. Sie hat einige Fotos von jener Zeit aufbewahrt, die heute ein Dokument der gegangenen Epoche sind und uns zeugen, dass unabhaengig von der politischen Konfrontation zwischen dem Hitlerdeutschland und Stalin-Sowjetunion einfache Menschen immer barmherzig und menschlich zu einander waren.

Und noch eine charakteristische Kleinigkeit: als die amerikanische Armee im Jahr 1945 ins Dorf Oberkochen kam, wurden alle Sowjetleute, die in der Fabrik arbeiteten, in die sowjetische Okkupationszone ausgefuehrt, in ein Lager fuer Deportierten. Aber die Lebensbedingungen in diesem Lager mit Tausenden von Menschen waren so schwer, dass eine Gruppe aus 20 Menschen (darunter waren auch Adolf und Maria Medvedckijs) weg floh.... - nach Oberkochen!

So war die Geschichte des Malers Adolf Medvedckij. Wenn sie Sie angesprochen hat, mochten wir Sie hoeflichst bitten, unter den Bewohnern des Ortes Ober-kochen Informationen zu sammeln, ob sie vielleicht noch die Gemaelden von A.Medvedckij besitzen und aufbewahren. Falls es solche gibt, koennten Sie diese Personen bitten, die Werke von A. Medvedckij fuer unsere Ausstellung zu fotografieren und uns als Fotos oder noch besser als CD Kopien zuzuschicken.
Im voraus mit Dankbarkeit fuer Ihre Bemuehungen und Hilfe
und mit freundlichen Gruessen
Alexandr Slonevskij

Oberkochen 1942 - 1945
Baracken für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter bei der Firma Bäuerle Bäuerle-Baracke

Zu Bericht 513
Auf den in BuG v. 4. Mai veröffentlichten Bericht mit dem Brief des Wissenschaftlers Stonevskij aus der Ukraine kamen zahlreiche zum Teil sehr interessante Reaktionen. Wir werden zu gegebener Zeit berichten. Inzwischen erhielten wir aus Russland kommentarlos ein uns bislang unbekanntes Foto mit dem Titel »Baraken«.

Wir bitten alle Oberkochener, die jene Zeit hier miterlebt haben, darum, uns mit der Lokalisierung des Fotos behilflich zu sein und uns entsprechende Informationen zukommen zu lassen.

Da das Foto im Zusammenhang mit den Nachforschungen zu dem im letzten Bericht erwähnten russischen Maler Adolf Medvedckij steht, kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass es sich bei der Baracke um eine der Baracken links am Kapellenweg vor der damals noch stehenden Wiesenkapelle handelt. Wenn ja - um welche?

Dietrich Bantel, Tel. 7377 - Fax 957843

 
 
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