Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 508
 

Anno 1782
Noch ein Waldaufsehermord

Am 11. Dezember vergangenen Jahres teilte mir unser Mitglied Bürgermeister Peter Traub mit, dass er wenige Tage zuvor von einem Herrn Volker Heimer aus Ellwangen erfahren hat, dass dieser im Rahmen der Auflösung einer Sammlung mit vorphilatelistischen Belegen, also Briefbelegen aus der Zeit als es noch keine Briefmarken gab, einen Brief aus dem Jahr 1762 von Stuttgart nach Ellwangen an den fürstpröpstlichen Hof- und Regierungsratspräsidenten veräußern will.

In diesem Schreiben wird auf drei Seiten ausführlich von einem Mord im Oberkochener Wald an dem Waldaufseher Späth durch Unterkochener Wilderer berichtet.

Da die Stadt kein Interesse an dem Schreiben hatte, wurde es dem Heimatverein Oberkochen angeboten, der es inzwischen um 150 Euro erworben hat.


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Das Schreiben ist in sauberer und halbwegs leicht zu lesender deutscher Schrift, wie damals üblich mit schönen Schnörkelinitialen verziert, auf »Kanzleiformat« (35 cm hoch und 22,5 cm breit) geschrieben. Es ist soweit - bis auf einige Randstellen - gut erhalten. Auf der Rückseite ist ein ausgeschnittenes herzogliches Papiersiegel aufgeklebt, das Teil des Briefs war. Der Brief war ursprünglich damit verschlossen. Den Spuren nach war der Brief Teil eines größeren gebundenen Faszikels, aus welchem er herausgelöst wurde. Wir veröffentlichen heute den Text des Briefs und weisen darauf hin, dass wir die Zeilen so eingehalten haben, wie sie das Originalschreiben aufweist.

Der Brief

Denen Wohlgebohrenen, auch Hochedelgebohrenen, Hochedlen Gestreng und Hochgelehrten Herrn N.N. Hochfürstlich Ellwangischen Hoff- und Regierungsräthen.
Unsern insonders Hoch und vielgeehrten Herrn. Ellwangen praes. im a. 6/7. Septemb. 1762

An unsers gnädigsten Herzogs und Herrn Herzoglichen Durchlaucht hat das Oberforstamt Heydenheim jüngsthin unterthänigst einberichtet, welcher Gestalten der vor weniger Zeit in der Oberkochener Huth gnädigst aufgestellte Wald-Maister Balthas. Späth samstags den 31.ten July abends um 4 Uhr sich in den Wald begeben wieder seine Gewohnheit aber etliche Tage ausgeblieben, daraufhin gesucht - und den 3. Aug. früh um 6 Uhr in dem Wald Zernrenberg mit in Stücken zerschlagenem Kopf ermordet und seiner vorhin bey sich gehabten Flinten beraubt worden. Nun versehen Wir Uns zwar schon im voraus, Unsere insonders Hoch- und Vielgeehrte Herrn werden nach ihrer bekandten Justiz-Liebe von selbsten keine Mühe verabsäumen, um bey diesem höchst verpönten und ohne Zweiffel schon vorhin in Erfahrung gebrachten facto auf einen sichern Grund zu kommen, und der lästerhafte Thäter ausfindig zu machen, damit selbiger zur Verhaft und verdienter Strafe gezogen werden möchten; Wir können aber zugleich Unsern insonders Hoch- und Vielgeehrten Herrn nicht verhalten, was maßen sich neuerlich bey Gelegenheit zwingen disi Wilderer halben von Unterkochen zu Heydenheim inhaftirten Dienstknechten ergeben, dass der eine derselben, nahmen Bernhard Joas bey der mit ihnen vorgenommenen Inquisition ordentlich ad Protocollum eingestanden, wie er nicht nur von obgedachten abscheu- (2.Seite)

lichen Todtschlag Wissenschaft habe, sondern selbsten auch dabey gewesen seye und in Beysein anderer von ihm nahmhaft gemachten samtlich zu Unterkochen wohnhaften Complicen gesehen habe, dass Servilian Kling Burger daselbst und Michel Joas des Kühlbauers Rossknecht allda den ersagten Balthar Späthen, um wegen ihres Schaden gelostenen Viehes nicht von ihm angebracht zu werden auf zuvor verabredete Weise angegriffen, und auf ihn so lange zugeschlagen haben, biß er keine Urkund mehr von sich gegeben; wir solches alles aus den angeschlossenen Extractu, Protocolle des mehrern ersichtlich ist. Gleichwie nun erstgedachte Innwohners zu Unterkochen hierdurch äußerst gravirt, hingegen der eine von diesen Complicibus, der vorerwehnte Bernhard Joas ex causa fericidii bereits in dißeitigem Verhaft isst, mithin der angefangene Inquisition am aller-schicklichsten dardurch vollführet werden könnte, wann auch die übrige Complices ex causa connexitate dißeitigem Oberamt Heydenheim sistiret würden: Alß sehen Wir Uns veranlasset, unsere insonders Hoch- und Vielgerechte Herren um solche Sistirung zu requiriren, unter der Versicherung, dass man solchenfalls nicht nur alle dieserhalb aufgehende Unkosten zu erstatten, sondern auch einen Revers dahin außzustellen bereit seyn, dass man hierdurch denen jenseitigen criminal- und territorial juribus durchaus nicht zu nahe zu treten, sondern bloß allein ein so höchststräfliches factum gehörig zu untersuchen, und der Ju-

(3. Seite)
stiz gemäß zu bestrafen intendire; Wie Wir dann auch das in causa geführte Sections protocoll ad instruendam Inquisitionem Uns gleichmäßig freundnachbarlich ausgebetten haben wollen, die Wir der hierunter anhostende geneigte Willfahrigkeit mit Freund nachbahrlichen Dienstgefälligkeiten zu erwiedem allezeit willig und bereit verbleiben, Stuttgardt, den 3.ten Septembris 1762.

Unsern insonders Hoch- und vielgeehrten Herrn
Bereit- und Dienstwilliger,
Herzoglich-Würtembergischer
würklich Geheimder Etats und Cabi-
nett Ministre, Regierangs Raths Prä-
sident Geheime und Regierungs Räthe

df. Gros.

An die fürstl. Regierung zu Ellwangen
Ende des Briefs

Die im Brief fett gedruckten Wörter bedeuten der Reihe nach:
gravid                          = belastet
ex causa fericidii        = aufgrund von Wilderei
ex causa connexitate = zuständigkeitshalber
sistiret                          = vor Gericht gestellt
Revers                         = Erklärung
Juribus                        = Gericht
intendire                     = beabsichtige

Anmerkung:
Wie gut, dass auf Betreiben des Heimatvereins Oberkochen im Jahr 1997 anlässlich des Stadtfests die berühmte Friedensproklamation zwischen Unterkochen und Oberkochen zustande kam, durch deren Inhalt die über Jahrhunderte gewährt habenden und historisch belegbaren »Animositäten« zwischen Unter- und Oberkochen endgültig beigelegt wurden. - So wird die Veröffentlichung des bisher unbekannten Briefs mit Sicherheit die alten Gräben nicht aufreißen - der Friede wird nicht gestört werden. Der durch Bürgermeister Traub in Anwesenheit des Aalener OBs Ulrich Pfeifle und Ortsvorsteher Karl Mayer sowie dem damaligen Vorsitzenden der Unterkochener Kulturgemeinde, Dieter Schmidt und dem Vorsitzenden des Heimatvereins Oberkochen Dietrich Bantel während des Stadtfests 1997 öffentlich verkündete Text ist auf beiden Rathäusern in den jeweiligen Foyers öffentlich einsehbar.

Wir werden in nächster Zeit bemüht sein, den in dem Schreiben genannten Namen und weiteren Fragen, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Briefsiegel nachzugehen.

Dietrich Bantel

 
 
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