Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 503
 

Das „Kaffeewunder“ von 1945

Auf den Seiten 201 und 202 des Heimatbuchs ist am Ende des Versuchs einer ersten Darstellung zum Thema „Oberkochen im Dritten Reich“ als Ergänzung zu einem ausführlichen Bericht von Lehrer Ignaz Umbrecht über die letzten Kriegstage in Oberkochen die Geschichte vom Oberkochener „Kaffeewunder“ berichtet.

Hier die Kurzfassung:

In den Wirren der letzten Kriegsmonate, -wochen oder -tage blieb beim Oberkochener Bahnhof ein „herrenloser“ Güterwagen stehen. Interessierte und kundige Bürger hatten schnell herausgefunden, dass dieser Wagen Dinge von Interesse enthielt, die ganz offensichtlich der Himmel zur Aufhellung dieser düsteren Zeit in Oberkochen vorsätzlich vergessen hatte.

Nichts lag näher, als diesem Wink des Himmels zu folgen – denn wann hatte es in Oberkochen im Krieg schon einmal etwas Nahrungsmittelmäßiges „ommasooscht“ gegeben?

Als das Ehepaar Rosa und Alois Fischer sen. (Hausname „Schreiberle“) vom Feigengässle, meine Informanten, die mir die Geschichte 1986 frisch von der Leber weg erzählten, davon gehört hatten und, wie die andern, nach dem Motto: „Wenn alle holen, dann holen wir halt auch“, ebenfalls mit ihrem Loidarawäagele beim Bahnhof angekommen waren, da waren schon viele Oberkochener – „Bürger und Bauern“ hieß es - zum Teil mit noch viel größeren Wagen, beim Abladen.

„Bürger und Bauer“ war ein kleiner Seitenhieb auf die Landwirte, denen es im Krieg immer ganz gut gegangen sei.
Alle waren sie feste mit Aus- und Umladen beschäftigt.

Es hatte sich gezeigt, dass es sich um einen Güterwagen voll Kaffee handelte. Keine richtig echten Bohnen, sondern sogenannte „Presslinge“, halb Bohne, halb Kaffeeersatz (Grundstoff Zichorie = Wegwarte), und schon leicht gezuckert - kartonweise in Rollen abgepackt. Immerhin müssen die Presslinge aber trotz der Zumischung von Zichorie ganz gut nach Kaffee geschmeckt haben, denn die Fischers vermerkten, „man habe ja schon gar nicht mehr gewusst, wie richtiger Kaffee schmeckt“.

Und weil der Vorrat fast unerschöpflich war, ist „man“ dann halt auch noch ein zweites Mal mit dem Loidarawäagele zum Bahnhof gefahren… egal, wenn auch die, die sich weniger nahmen, sagten, dass man da ja hundert Jahre alt werde, bis man den vielen Kaffee allen getrunken hat.

Allerdings wären die Oberkochener keine Schwaben, wenn sie auch in dieser Sache nicht gleich um ein paar Ecken herum vorausgedacht hätten.

Die Fischers zum Beispiel fuhren mit ihrem Kaffee zum „Hamstern“ nach auswärts.
Für einen kleinen „Babbadegglkoffr“ voll Kaffee haben sie sich in Tannhausen ein Spanferkel eingetauscht. Dieses wurde natürlich in dem Babbadegglkoffer verstaut. Durch seinen feuchten Zustand hat es die Stabilität des Babbadegglkoffrs allerdings allmählich dergestalt verändert, dass unterwegs plötzlich die „Saufiaßla aus dem Koffr rausguckt hen“. Die Frage, weshalb ein Spanferkel Spanferkel heißt, stellte sich damals nicht.

Überliefert ist durch das Ehepaar Fischer auch, dass es 1986 in Oberkochen noch ein „Maggibäsle“ gab, das mit seinem Kaffee „nach Ulm nauf“ gefahren ist, weil der Himmel in Ulm durch Zufall auch dort einen Eisenbahnwaggon vergessen hat. Der Ulmer Waggon war voll mit Maggi und deshalb habe man dort den Kaffee gegen Maggi eintauschen können.

Kürzlich kam anlässlich eines Familienfests die Sprache auf das »Kaffeewunder« von 1945. Plötzlich verschwand einer der Gastgeber und kam alsbald mit geheimnisumwittertem aber verheißungsvollen Blick, einen Kartondeckel schwenkend, wieder.

Dieser Deckel hatte bei einer Höhe von 7 cm die Abmessungen von 19 auf 35 cm. Auf den Deckel aufgeklebt war ein Etikett, 9 auf 13 cm groß - so gut erhalten, dass der Text nicht nachgedruckt werden muss, sondern als Foto wiedergegeben werden kann.

Es handelte sich, verbürgt, um den Originaldeckel einer Kaffeepresslingschachtel von damals - nach über 60 Jahren.

Eine Schachtel enthielt diesem Etikett zufolge 5 Kilo abgepackte Kaffeepresslinge in 20 Packungen á ein halbes Pfund. 40% der Presslinge waren echter Bohnenkaffee, 48% waren »Kaffeeersatz (womit die Fischer'sche Angabe »Malz« zu korrigieren ist, denn »Kaffeeersatz« wurde damals aus »Zichorie« = Wegwarte gewonnen) und 12% Zucker.

Interessant ist vor allem auch, dass die Presslinge bereits im Januar 1944 hergestellt worden waren und die »Haftpflicht für die Haltbarkeit bis Januar 1945« angegeben ist. Verfallsdatum bereits vor 60 Jahren!

Nicht völlig geklärt ist ist die Frage, ob die Jahreszahl 1945 für das »Kaffeewunder« zutrifft. Deshalb an die Alt-Oberkochener, die damals dabei waren, die Frage:

Trifft es zu, dass das Oberkochener »Kaffeewunder« sich 1945 ereignete, oder war es möglicherweise schon früher? Wer weiß das exakte Datum?

Dietrich Bantel

 
 
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