Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 491
 

Hans Betzler sen. (1887 - 1938)

Am 14. September 2005 wurde von dem Oberkochener Hans Betzler jun. (geb. 1924), heute in Balingen wohnhaft, die erste Oberkochener Stiftung, die Hans Betzler Stiftung, gegründet. Der Stiftungsvorstand besteht aus drei Personen. Vorsitzende: Gym.-Prof. Dietrich Bantel, Stellvertreter: Bürgermeister Peter Traub und Schatzmeister: Josef Rosenberger. Im September letzten Jahres wurde sowohl im Amtsblatt als auch in der Tagespresse ausführlich über die Stiftung und ihren Zweck (Förderung der Heimat- und Volkskunde) berichtet. Die Stiftung besteht aus einer unveräußerbaren Stammeinlage in Höhe von 60.000 Euro und einem ganzen Realrecht mit einem derzeitigen Wert von ungefähr 25.000 Euro.

Namensgeber für die Stiftung ist, wie bekannt, nicht der Stifter, Hans Betzler jun. (geb. 1924), sondern dessen Vater Hans Betzler sen.(1887 - 1938) den Hans Betzler jun. durch die Stiftung würdigen möchte.

Vater Hans Betzler sen. war seit 1921 verheiratet mit Klara Betzler geb. Moninger (1892 - 1954) aus Itzlingen/Bopfingen. Der Ehe entstammt Hans Betzler jun. geb. 1924.

Den Alt-Oberkochenern ist Hans Betzler sen., genau Johann Paul Betzler, sehr wohl unter seinem Hausnamen »Grünbaumwirt« (Greeabaumwirt) bekannt.
Der »Grüne Baum« war eine Wirtschaft mit Metzgerei in der damals noch so genannten »Lang Gass«, die im Dritten Reich in »Heidenheimer Straße« umbenannt wurde - Richtung Königsbronn links in dem Gebäude Heidenheimerstraße 31, in welchem sich heute in der zweiten Generation die Metzgerei Lerch befindet (zuvor Metzgerei Zimmermann).

Von Hans Betzler sen. liegt uns der »Militärpaß« vor. Hans Betzler wurde am 12. Oktober 1907 durch »Aushebung« dem Grenadier-Regiment Königin Olga (1. Württ.) Nr. 119, 11. Kompanie zugeordnet.
Ferner liegt uns das »Steuerbüchlein» des Hans Betzler vor. Es beginnt 1920/21 und läuft über die Inflationszeit bis 1933. 1923 kassierte der Oberkochener Gemeinderechner Gold u.a. 7.488.000.000,- Mark Gemeindekapitalsteuer und 2.000.000,- Mark Hundesteuer.

Die Betzlers sind die bislang älteste bekannte Oberkochener Familie. Kuno Gold berichtet im Heimatbuch auf Seite 350, dass der älteste nachweisbare Bezler, Jörg Bezler (1567 - 1665 - damals noch ohne »tz«) im Jahr 1600 eine der ellwangischen (also katholischen) Wirtschaften in Oberkochen, das »Lamm«, übernommen hat.

Der Grund, weshalb es so wenige Oberkochener Familien gibt, deren Existenz über den 30-jährigen Krieg (1618 - 1648) hinaus nachgewiesen werden kann, liegt darin, dass im 30-jährigen Krieg in Oberkochen, wie in allen Orten Süddeutschlands, die Kirchenbücher durch Feuer oder auf andere Weise verloren gingen.
Erst 1656 und 1658 wurde in beiden Oberkochener Pfarreien wieder begonnen, das Tauf-, das Ehe- und das Sterberegister zu führen.

Jörg Bezlers Sohn Johann Caspar wurde 1601 geboren. Er starb 1687 im Alter von 86 Jahren. Sein Grabstein existiert bis auf den heutigen Tag; er wurde anlässlich der Auflösung des katholischen Friedhofs vor über 100 Jahren erhalten und in die Kirchenmauer am Mühlbergele eingelassen.

Der Text im Grabstein lautet: »ANNO 1687 DEN 31 MAI STARB HER JOHAN BEZLER WIRT UND GAST«. Nach dem Wort »GAST« bricht der Text mitten in der Zeile und mitten im Textblock ab. Ob das Absicht ist, oder ob der Stein nicht fertig geworden ist - man wird nie Klarheit darüber haben. Jedenfalls kann das abrupte Abbrechen des Textes auch symbolisch für das abrupte Abbrechen eines Lebens stehen. Natürlich ist es auch möglich, dass die durchaus witzige Formulierung »WIRT UND GAST« auf diese Weise noch wirkungsvoller gemacht werden sollte: Auf einen Grabstein schreiben zu lassen, dass der verstorbene Wirt gleichzeitig sein eigener Gast war, ist wahrlich nicht alltäglich.

Eben dieser ausgefallene Grabstein war der Uranlass dafür, dass Hans Betzler jr. eine Stiftung für heimatkundliche Forschung aus der Taufe hob. Der Stein hatte, nachdem er, zusammen mit zwei weiteren sehr schönen Grabsteinen von Bürgermeister Bosch gegen Ende seiner Amtszeit gerichtet worden war, im Jahr 2004 starken Schaden gelitten - ein Stück des Grabsteins war ausgebrochen; die eisernen Halterungsbolzen hatten es durch Korrosion herausgesprengt. Um dies zu verhindern, hatte man, derlei eiserne Verankerungsbolzen im Mittelalter in flüssiges Blei getaucht.

Das war hier vor gut 100 Jahren versäumt worden. Ich hatte Herrn Betzler auf seine Bitte hin versprochen, mich als Vorsitzender des Heimatvereins um diesen denkwürdigen Stein zu kümmern. 2005 ließ die Katholische Kirchengemeinde ihn und die anderen historischen Grabsteine wieder herrichten; Hans Betzler beteiligte sich an den Kosten. Seinen Dank dem Heimatverein gegenüber stattete er durch eine Geldspende und dadurch ab, dass er Mitglied im Heimatverein wurde. Wenig später gründete er die Hans Betzler Stiftung.

Die Berufstradition »Metzger« reicht bei der Hans Betzler Familie zurück bis 1731.
Hier taucht auch die alte Frage nach der Schreibung »Bezler«, nur mit »z, und »Betzler« mit »tz« wieder auf. (Bericht 476 v. 24. März und Bericht 477 vom 15. April 2005).
Überraschenderweise geht aus dem Betzler'schen Stammbaum hervor, dass speziell die Familie unseres Hans Betzler (mit »t«) sich zunächst ohne »t« und erst ab Franziskus Jakobus Betzler, geboren 1731, mit »tz« schreibt.

1676 ist anlässlich des Todes seiner Frau Maria Agatha auf dem rechten der drei Grabsteine am Mühlbergele ein mit großer Wahrscheinlichkeit anderer Johan Betzler, also nicht der »Wirt-und-Gast-Betzler«, erwähnt. Dieser Johan Betzler ist mit »tz« geschrieben und somit der erste bekannte mit »tz« geschriebenen Betzler. An dieser Stelle muss allerdings erwähnt werden, dass aus dieser Tatsache keinesfalls der endgültige Schluss gezogen werden kann, dass die Schreibweisen verbindlich sind. So sehr genau hat man das früher, wie man aus dem Hans Betzler'schen Stammbaum erkennt, mit den Namenschreibungen nicht genommen.

Kuno Gold hat im Heimatbuch alle Oberkochener Familien bis 1900 erfasst.
Seltsamerweise taucht bei ihm der Name Betzler, mit »tz« geschrieben, überhaupt nicht auf. Dies irritiert umso mehr, als ich im Anschluss an die Berichte 476 und 477 hin von Angelika Größl die Ahnentafel ihres Großvaters erhielt, aus der bereits hervorging, dass auch eine andere mit »tz« geschriebene Betzler-Linie zumindest bis 1791 zurückreicht.

Herr Betzler hat uns einige interessante Fotos vom »Grünen Baum« in der Heidenheimer Straße zur Verfügung gestellt.
Unser Foto vom Gebäude Betzler in der ehemaligen Langgass trägt die Aufschrift »Gasthaus z. grünen Baum & Metzgerei v. Hans Bezler«.
Es wurde am 25. Mai 1930 aufgenommen anlässlich des Besuchs des Motorradclubs »Benzin-Club Rohracker b. Stuttgart« im »Grünen Baum«. Hans Betzler sen. selbst, der »Greeabaumwirt«, steht vor dem ersten geöffneten Fenster rechts des Eingangs. Mit dem Vergrößerungsglas sind auf der brillant scharfen Auf¬nahme zwei nette Details zu erkennen. Direkt über der Tür ist ein emailliertes Schild befestigt, auf dem zu lesen ist: »Brauerei Neff, Heidenheim«. Hans Bezler hatte den »Grünen Baum« von seinem Freund Neff gekauft - somit war das Neff-Bier quasi freundschaftlich bedingtes »Vertragsbier«. Das werden die zahlreichen Oberkochener Bierbrauer nicht so gerne gesehen haben. Ferner ist unter dem Ende des Worts »grünen« das Abzeichen des Schwäbischen Albvereins zu erkennen, dessen Vereinslokal der »Grüne Baum« war. Darüber hinaus war der »Grüne Baum« auch das Stammlokal des katholischen Arbeitervereins - in der Wirtschaft hing ein Bild vom Hl. Josef.

In unserem nächsten Bericht lesen Sie am 27. Januar über Hans Betzler jr., Oberkochen / Balingen, den Stifter der nach dessen Vater benannten Hans Betzler Stiftung.

Dietrich Bantel

 
 
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