Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 490
 

Das Irische Kreuz
Kirche St. Peter und Paul

Nur in wenigen Lexika findet man, wenn man unter »Kreuzformen« nachschlägt, das »Irische Kreuz« aufgeführt, - schon gar nicht abgebildet. Dabei ist gerade diese Form in Oberkochen von besonderem Interesse, denn das Irische Kreuz fand bei der Gestaltung der Außenfassade der katholischen Kirche St. Peter und Paul gleich drei Mal - in zwei verschiedenen Formen - Verwendung. Und doch ist nur wenigen Oberkochenern der Hintergrund für die Verwendung dieser Kreuzform bekannt.

Manchen werden die irischen Kreuze vielleicht erst ins Auge fallen, wenn sie diesen Bericht gelesen haben.

Zunächst zur Geschichte des Irischen Kreuzes.
Mir begegnete diese Kreuzform zum ersten Mal, als ich 1959 auf einer 2-monatigen Radtour (Stuttgart - Irland - Stuttgart) als Student ein im Südwesten der Grünen Insel auf der Dingle-Halbinsel gelegenes frühchristliches Heiligtum aus dem 8./10. Jahrhundert (stark abweichende Zeitangaben) aufsuchte: Das sogenannte Gallarus Oratory bei Ballyferriter.

Neben einem in unechter Gewölbetechnik errichteten nur ca. vier Meter hohen Steinbau, der an ein kieloben liegendes Boot erinnert, steht eine kleine etwa meterhohe Granitstele, auf der sich über für mich unlesbaren »Ogham«-Schriftzeichen ein in einen Kreis eingeritztes Kreuz befindet (lineares Tiefrelief).

Ganz in dessen Nähe befindet sich ein ähnlicher Stein. Beide Steine stammen aus dem 6./.7 nachchristlichen Jahrhundert.

In heidnischer Zeit spricht man von dieser Kreuzform, die einem Rad mit vier Speichen gleicht, als »Radkreuz« und versteht darunter ein Licht- und Sonnensymbol, sowie ein Symbol des Jahresablaufs. (Vier Jahreszeiten). Gelegentlich begegnet man bei der Verbindung von Kreis und Kreuz auch den Begriffen »Keltenkreuz«, »Sonnenkreuz«, »Scheibenkreuz«, erst später »Weihekreuz«. Mit Sicherheit geht auch der sogenannte »Kreuznimbus«, der in zwei- und dreidimensionalen Darstellungen Christus aus anderen Heiligen, die mit »normalem Kreis- oder Scheibennimbus« (Heiligenschein) versehen sind, heraushebt, auf den heidnischen Vorgänger zurück.

Mein Irlandführer hatte mir zuvor schon verraten, dass die Verbindung des heidnischen Sonnenzeichens »Kreis« mit dem christlichen »Kreuz« im Irland der frühchristlichen Zeit die Verschmelzung von Heidentum und Christentum symbolisiert.

Diese dichte Symbolik faszinierte mich dermaßen, dass ich ab da viele hunderte von irischen Kilometern gestrampelt bin, um immer neue, immer größere und immer noch reicher geschmückte mittelalterliche Irische Kreuze zu entdecken - meist auf Friedhöfen oder in der unmittelbaren Umgebung von Klöstern, die Oliver Cromwell fast allesamt im 17. Jahrhundert in gnadenlosem puritanischem Katholikenhass zerstört hatte - mit ein Grund dafür, dass die katholischen Freistaat-Iren die Engländer bis auf den heutigen Tag nicht nur nicht mögen...

Es gibt Hinweise, denen zufolge Vorformen des Irischen Kreuzes, das heißt »die Verbindung von Kreuz und Kreis«, in Irland schon in vorchristlicher Zeit in heidnischen Kultstätten Verwendung gefunden hat, und zwar im Rahmen dessen, was wir mit »Druidenkult« verbinden.

Bei weiteren Nachforschungen stieß ich über das Buch »Das Irische Hochkreuz« - Ursprung - Entwicklung - Gestalt (Bettina Brandt-Förstner - UrachhausVerlag, 1978) auch auf das »Druidenkreuz«, ein in einem Kreis befindliches flächiges Kreuz, das die Kreisfläche in vier Viertel (Frühling, Sommer, Herbst, Winter) einteilt. Im Mittelpunkt des Kreuzes befindet sich ein die Sonne darstellender Kreis, der seinerseits von acht Kreisen, die, gegen den Uhrzeigersinn laufend, laut Marcel Moreau (Brand-Förstner) angeblich die Planeten Venus, Merkur, Erde, Mars, Uranus, Saturn, Neptun und Jupiter darstellen, umkreist wird.

Diese Beschreibung würde hervorragend zu den irischen Kreuzen über den Seitenportalen der Kirche St. Peter und Paul passen, denn bei diesen ist die zentrale Rundform tatsächlich von acht Kreisen umgeben. Allerdings muss festgestellt werden, dass die in dem genannten Buch die Planeten betreffenden Angaben in Verbindung mit dem Druidenkult mit Sicherheit falsch sind, denn Uranus ist beispielsweise erst 1781, und Neptun gar erst 1846 entdeckt worden.

Das heidnische Druidenkreuz ist jedoch trotzdem mit Sicherheit eine Ausgangsform des bis in die Gegenwart in Irland verwendeten Irischen Kreuzes gewesen.

Für die Oberkochener Kirche St. Peter und Paul ist nun von herausragendem Interesse, dass die Architekten Beisbarth und Früh Ende des 19. Jahrhunderts für die im neuromanischen Stil erbaute Kirche sowohl in der Architektur als auch im Schmuck die früh- und hochmittelalterliche Formsprache aufgegriffen haben, insbesondere die der Romanik. Für den neuromanischen Stil, der um 1900 eigentlich schon längst nicht mehr aktuell war, ist bezüglich der Fassade bezeichnend, dass sie durch die in der Romanik üblichen Rundbogenportale (siehe römische Architektur) gegliedert und auch im Schmuck auf umfunktionierte heidnische Relikte aus der mittelalterlichen Kunst zurückgegriffen wird. Zu nennen sind beispielsweise die über die römische Antike zunächst in die Romanik und so in die Neuromanik übergekommenen Akathusblätter im Kapitellschmuck. Ferner tauchen geflügelte Drachen und Fratzen auf, die im Geist des Mittelalters die Aufgabe haben, »das Böse« abzuschrecken. Symbolisch wird so der heidnische »Bock« zum christlichen »Gärtner« gemacht. Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass sowohl über dem Hauptportal wie auch über den beiden Seitenportalen als eindringliche Symbolform ausgerechnet das bei uns in Deutschland nur sehr selten vorkommende Irische Kreuz aufgenommen wurde, und zwar in seiner Urform, die direkt auf heidnisch-keltische Vorbilder zurückgeht, also das Kreuz mit vier gleichlangen Kreuzarmen (griechisches Kreuz) im Kreis, der ursprünglich die Sonne symbolisierte. Vor allem ist dieser Bezug in die früh- und vorchristliche Zeit erkennbar an den südlichen und nördlichen Seitenportalen, an denen im Zentrum des Kreuzes die beschriebenen Kreisformen bewusst oder unbewusst wörtlich übernommen sind.

Über dem Hauptportal taucht dieses Motiv seltsamerweise nicht auf - vielleicht wurden die Kreismotive, da über dem Hauptportal reicher geformt, als »Blumenornament » um- oder missinterpretiert - was natürlich auch auf die acht imaginären Planeten der Seitenportale zutreffen mag, die dort insgesamt ja ebenfalls ein »harmloses« ungegenständliches Motiv darstellen könnten.

Fest steht, dass die Kirche St. Peter und Paul, die sich laut Alfons Mager »in Stil und Maßgebung nach dem romanischen Dom von Monza richtet«, heute nicht von ungefähr unter Denkmalschutz gestellt ist. Woher Mager den Bezug auf Monza genommen hat, ist schwer zu sagen - in der Original-Beschreibung von Beißbarth und Früh vom 15. Dezember 1898 ist dieser Hinweis nicht enthalten.

Sollte ein Oberkochener einmal nach Monza kommen, so möge er dort am Dom doch bitte Ausschau halten nach Irischen Kreuzen.

Ein weiterer für Oberkochen möglicherweise interessanter Bezug zum Irischen Kreuz ist vielleicht auch der Schwertknauf des Langschwerts eines unserer alamannischen Oberkochener Vorfahren aus dem 7. nachchristlichen Jahrhundert. (Alamannen-Grabung des LDA 1980 - Haus Stelzenmüller - Heimatmuseum Raum 3). Zentral auf dem Schwertknauf ist ein geschwungenes griechisches Kreuz (vier gleichlange Arme) um eine Kreisfläche gelegt. Dr. Ingo Stork vom LDA äußerte nach der Übergabe der Grabbeigaben dieses Männergrabs aus dem 7. Jahrhundert (Grab 44), dass das Kreuz ein Hinweis darauf sein könnte, dass der Besitzer des Schwerts (zweischneidiges Langschwert, (spatha) bereits Christ war, und das Kreuz um die Kreisfläche schutzsymbolisch zu verstehen ist.

Zur Erinnerung: Der freistaat-irische Landesheilige Patrick (385 - 461), im damals noch römischen südlichen Schottland (Britannien) als Sohn bereits christlicher Eltern geboren, in Gallien zum Priester ausgebildet, kehrte nach abenteuerlichen Jahren nach Irland zurück, und bekehrte irische Landesfürsten und andere führende Persönlichkeiten zum Christentum. In Irland bildeten sich zahlreiche christliche Zellen, von denen aus ca. 100 Jahre später die Christianisierung des Kontinents begann.

Auch Süddeutschland wurde von irischen Mönchen christianisiert - das Frankenreich bereits um 600 unter Führung des irischen Mönches Columban d.J. (543 - 615). Deshalb ist eine Querverbindung zum Irischen Kreuz in Oberkochen in damaliger Zeit zumindest nicht ausgeschlossen. Das heißt, dass die Rundform im Schwertknauf, die von den geschwungenen Kreuzarmen eingefasst ist, tatsächlich als heidnisches Sonnensymbol im christlichen Kreuz begriffen werden könnte.

Die Verschmelzung von Heidentum und Christentum scheint auch heute wieder ein lebendiger Vorgang zu sein - ganz unbemerkt - indes in umgekehrter Richtung.

Dietrich Bantel

 
 
Übersicht

[Home]