Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 481
 

Sensationelle Enthüllungen zum Jubiläum der Schützengilde

Vor Kurzem feierte die Schützengilde Oberkochen ihr 50-jähriges Jubiläum. Das war für Oberschützenmeister Michael Gold und Bürgermeister Peter Traub nicht nur Anlass zum Feiern, sondern auch zum Nachforschen in der Historie des Vereins und des Schützenwesens in Oberkochen.

Die vereinseigenen Gründungsprotokolle stammen aus dem Jahr 1955, also dem Gründungsjahr der heutigen Schützengilde. Geschichtlich überliefert ist aber, dass es sowohl in unserer Gegend als auch in anderen Teilen Deutschlands, vor allem in Norddeutschland, schon zu früherer Zeit, nämlich seit dem Mittelalter, sogenannte Schützengesellschaften gab.

Das Schützenwesen und die Schützengesellschaften entstanden aus dem Verteidigungsbedürfnis der mittelalterlichen Städte. Da die Verteidigungsfähigkeit zwangsläufig geübt werden musste, schlossen sich die Schützen in Gilden, Vereinen und Gesellschaften zusammen, die gemeinsam ihre Schießfertigkeiten, z.B. bei Schützenfesten, trainierten.

Die Bedeutung dieser Gesellschaften resultierte u.a. aus der Tatsache, dass bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hauptsächlich die Städte in den landesherrlichen und kaiserlichen Heeren die Schützenkontingente zu stellen hatten. Als älteste deutsche Schützengesellschaft gilt die Aachener Karlsschützengilde, die sich auf das Jahr 799 zurückführt und 1198 erstmals schriftlich nachweisbar ist. 320 Vereine des Deutschen Schützenbundes sind vor dem Jahr 1500 gegründet, etwa 1000 vor dem Jahr 1700 (Quelle: Deutscher Schützenbund).

Natürlich wagten weder Oberschützenmeister noch Bürgermeister zu hoffen, so weit zurückliegend in der Vergangenheit fündig zu werden, zumal Oberkochen bis in die Neuzeit eher dörflichen Charakter hatte. Auch die seit dem 12. Jahrhundert über viele Jahrhunderte hinweg andauernde Teilung Oberkochens in einen klösterlich-königsbronner und in einen klösterlich-ellwangischen Teil (später in einen herzoglich-württembergischen und einen fürstpröbstlichen Teil) ließ zunächst den Schluss zu, dass es in Oberkochen keine einheitliche Kultur des Schützenwesens gegeben haben konnte, die zeitlich vor der Säkularisation, also Anfang des 19. Jahrhunderts liegt (zur wechselvollen Geschichte Oberkochens vgl. Volkmar Schrenk: »Das Aalener Protokoll vom 22. November 1749« in Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag, Berichte Nr. 359 bis 364, Bürger und Gemeinde, Jahresband 2000).

Durch den Hinweis eines Schützenkameraden aus Ellwangen erhielt Oberschützenmeister Michael Gold jedoch die Information, dass in den alten Akten der früheren Fürstprobstei Ellwangen eine »Schützengesellschaft zu Unter- und Oberkochen« erwähnt sei.

Dies wäre in zweierlei Hinsicht bedeutend, denn erstens würden damit die Wurzeln der heutigen Schützengilde mindestens zwei Jahrhunderte zurückreichen, und zweitens wäre dies ein Hinweis darauf, dass es in der Vergangenheit enge Verflechtungen und Verbindungen zwischen Ober- und Unterkochen gegeben haben musste. Denn mit der Schützengesellschaft gab es immerhin eine gemeinsame Einheit für Verteidiungszwecke.

Michael Gold wandte sich an Bürgermeister Peter Traub mit der Bitte, die Informationen seines Schützenkameraden aus Ellwangen nachzuprüfen. Gleichzeitig legte er Kopien von Urkundenfragmenten der Fürstprobstei Ellwangen aus den Jahren 1617 bis 1618 vor, die den Stempel des Staatsarchivs in Ludwigsburg trugen. Falls durch die Originale im Staatsarchiv eine urkundliche Nennung der »Schützengesellschaft zu Unter- und Oberkochen« bestätigt werden würde, wäre dies schon an sich eine kleine Sensation.

Der Bürgermeister setzte sich daraufhin durch Vermittlung von Prof. Dr. Christhard Schrenk, Stadtarchivar in Heilbronn und Sohn unseres Mitbürgers Volkmar Schrenk, mit Archivdirektor Dr. Norbert Hofmann, Staatsarchiv Ludwigsburg, in Verbindung. Dort lagern rund 100 lfd. Meter Akten der ehemaligen Fürstprobstei Ellwangen, die damit nach den Akten über den Deutschen Orden eine der umfangreichsten historischen Aktenbestände des Staatsarchivs darstellen.

Dank der Kopien der Urkundenfragmente und der sogenannten »Zimmerle'schen Aufnahme«, einer Registratur, die der Registrator J.M. Zimmerte von 1836 bis 1841 erstellte und in der er zahlreiche Archivalien der fürstpröbstlichen und kapitlischen Zentral- und Lokalbehörden aufführte, wurde man unter dem Stichwort »Schützenwesen« fündig. Und schon nach kurzer Suche bahnte sich eine zweite Sensation an.

Im Bestand B453 befand sich ein Bündel loser Urkunden und Fragmente (Bü 1650 A). Dort befand sich eine Urkunde, die aus dem Jahr 1565 stammte und in der eine »Schützengesellschaft zu Unter- und Oberkochen« erwähnt wurde.

Am 15. Mai 1565 hatte Jakob von Tannenburg, Vogt zu Kochenburg, samt der ganzen Schießgesellschaft zu Unter- und Oberkochen eine Bitte an Statthalter und Räte des Ellwanger Fürstprobstes Otto von Waldburg, Kardinalbischof von Augsburg, gerichtet:

»Dieweil nun die Zeit verhanden, das man an allen Orten, do die Schützengesölschafftlen] sein, widerumb anfacht zum Zill zu schießen,« bäten sie, den ihnen bisher gewährten Vorteil (d.h. den Zuschuss zum Preisgeld), der bisher für jeden Ort 4 Gulden betragen habe, mit nochmals 4 Gulden aufzubessern (also eine Erhöhung des Zuschusses um 100%!). Da bei allen umliegenden Herrschaften solche Schützengesellschaften »für eine erliche Gesölschaft gehalten« werde und des Schießsports wegen die Untertanen an den Feiertagen zu Hause blieben (also ihr Geld dort verbrauchten), befürwortete der Vogt diese Bitte, nicht zuletzt auch deshalb, »und daz ich auch in der Gesölschafft bei und mit inen bin unnd ein Schießgesöllen (gleichwohl wie Euer Gnaden und Gunsten bewist, schlechtlich gnuog) gib«.

Der Vogt bat dann nochmals für das Anliegen der Untertanen, besonders für die zu Unterkochen, das ganz dem Fürstprobst unterstand. Mit dem Geld wollten die Schützen »Lindisch Hosenduoch«, also Lündisches Leinentuch für Hosen kaufen, wobei Lund in Schweden damals schon nicht mehr der Haupthandelsort für diese Tuche war, sondern ganz allgemein eine Qualitätsbezeichnung für Leinwand.

Statthalter und Räte vermerkten auf der Rückseite der Urkunde: »... soll bei meinem gnädigsten Herrn angehalten und bei Iren fürstlichen Gnaden befunden werden«, d.h. die Bitte solle dem Fürstprobst vorgelegt und durch ihn entschieden werden. Eine weitgehend identische Bitte richtete bereits am 25. April 1565 Wolf Rudolf von Westerstetten, Vogt zu Kochenburg, namens seiner Untertanen zu Westhausen, Ober- und Wasseralfingen an Statthalter und Räte des Stifts Ellwangen.

Daraus lassen sich nun mehrere Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Die Schützengesellschaften waren 1565 in der Fürstprobstei Ellwangen bereits fest etabliert.
  2. Jeweils mehrere Orte - hier: Ober- und Unterkochen - waren in 1 Schützengesellschaft vereint.
  3. Da 1565 der Vorteil verdoppelt werden sollte, wurde er zuvor schon gewährt. Das lässt darauf schließen, dass der eigentliche Ursprung der »Schützengesellschaft zu Unter- und Oberkochen« noch weiter in die Vergangenheit zurückreicht.

Die Wurzeln der Schützengilde Oberkochen reichen somit weit in die Vergangenheit unserer Stadt zurück. Und deshalb kann der Verein in diesem Jahr nicht nur sein 50-jähriges Jubiläum feiern, sondern eigentlich das 440-jährige Bestehen der »Schützengesellschaft zu Unter- und Oberkochen«, als deren Nachfolgeorganisation die Schützengilde Oberkochen angesehen werden kann. Zumindest aber lässt sich ihr Ursprung bis in das Jahr 1565 zurückverfolgen. Damit ist zugleich nachgewiesen, dass dieser Verein von nun an der älteste in Oberkochen ist und in zehn Jahren sein 450-jähriges Jubiläum feiern darf.

Peter Traub, Bürgermeister

 
 
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