Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 477
 

Abbruch zweier 260 Jahre alten Gebäude
Heidenheimer Straße 23 und 25, Teil 2

Im ersten Teil des Berichts erwähnten wir die außergewöhnliche Dachstuhl-Konstruktion des Gebäudes 23. (Gebäude 25 hatte einen Dachstuhl normaler Bauart)

Zum Gebäude 23
Foto 1
zeigt den Dachstuhl des Gebäudes 23 (Hofmann/Betzler) vor dem Abbruch in dem Moment, da die Dachplatten bereits weitgehend entfernt waren. Klar erkennbar ist der dreigeschossige Aufbau des Gesamtdachstuhls, wobei der Dachstuhl ab dem Boden des dritten Dachstuhlgeschosses (direkt unter dem First, dort, wo die beiden Männer stehen), die für die beiden unteren Dachstuhlgeschosse typischen Konstruktionsmerkmale nicht mehr aufweist.

Unterhalb des dritten Dachbodens erkennt man sehr gut die zwischen den kräftigen Dachsparren zur Verstrebung derselben eingezogenen ebenfalls ziemlich kräftigen diagonal verlaufenden Balken in der Form von Andreaskreuzen.

Willibald Mannes, Oberkochener Zimmermannsmeister, Architekt und Treppenbauer, sprach von diesen das Gebälk versteifenden Andreaskreuzen als »Windverband«. Die übliche Art des Windverbands ist heute ein langes Diagonalbrett, (oder Metallband) das, nach dem Muster der Diagonalverstrebung der senkrechten Hölzer eines »Gartentürles« von links unten nach rechts oben oder von rechts unten nach links oben diagonal über die senkrechten Hölzer genagelt oder geschraubt wird, um zu verhindern, dass sich die senkrechten Hölzer parallel verschieben.

Der beim Gebäude 23 angewandte Windverband ist sehr aufwändig und könnte dafür sprechen, dass in einer Zeit vor mehr als 260 Jahren, in der die statischen Berechnungen noch weniger bekannt waren, »auf Sicherheit« gebaut wurde. Möglicherweise kommt die Bauart tatsächlich, wie von vielen Passanten erwähnt, aus einer Gegend, vielleicht auch einem Bergland, wo mit starker Schneelast, vor allem jedoch mit kräftigem Winddruck gerechnet werden muss.

Das muss natürlich nicht notwendigerweise die Steiermark (Graz - Kratzer) gewesen sein, zumal das Gebäude 23 (Betzler/Hofmann) laut Kuno Gold weit weit zurückliegend höchstens über die Ecke Betzler/Hofmann zu den Betzler/Kratzers verwandt gewesen sein könnte.

Willibald Mannes kennt die Sparren mit Andreaskreuzen verstrebende Konstruktion auch in deutschen Landen - wohin sie natürlich »importiert« gewesen sein kann.

Es wird also eine interessante Aufgabe sein, nachzuforschen, ob einerseits dieser im Dachstuhl des Gebäudes 23 angewandte Windverband auch in der Steiermark bekannt ist, und andererseits, ob, und wenn ja, ab wann diese Konstruktion in deutschen Landen angewandt wurde.

Erst, wenn nachgewiesen werden kann, dass diese Konstruktion erstmalig erst nach dem 30-jährigen Krieg, oder, im anderen Fall, ab diesem Zeitpunkt vermehrt in Deutschland auftaucht, und vor allem erst, wenn diese Konstruktion in der Steiermark dieser Zeit nachgewiesen werden kann, kann gesagt werden, dass sie möglicherweise aus der fernen österreichischen Steiermark nach Oberkochen »importiert« wurde.

Foto 2 zeigt im teilabgetragenen Gebäude 2 sehr gut den 3-stockigen Dachstuhl. Darüberhinaus sind die interessanten vermittelst senkrechter Lattung eingezogenen ziemlich ungewöhnlichen Raumabtrennungen im zweiten Dachgeschoss zu sehen.

Zum Gebäude 25
Foto 3
zeigt einen Mauerausschnitt im Erdgeschossbereich von Gebäude 25. Der Verputz ist im Bereich der Kreise 1 und 2 teilweise so abgeblättert, dass zum einen klar erkennbar ist, dass zwei verschiedene Putzschichten übereinander angebracht worden sind. Hierbei ist interessant, dass auf dem Putz der unteren Schicht im Bereich des Kreisesmittelpunkts 1 deutlich blaue Farbspuren und im Bereich des Kreisesmittelpunkts 2 deutlich gelbe Farbspuren zutage traten. Da sich zwischen den zartblauen und den pastellig gelben Farbspuren eine weiße Fläche befindet, könnte es sich um eine Putz-Bemalung mit einem senkrechten wechselweise blauen, weißen und gelben Streifenmuster gehandelt haben. Im großen Restbereich 3 des abgeblätterten Putzes ist die rustikale Bauweise der gut 65 cm (!) dicken Wand erkennbar. Auch hier scheint auf Sicherheit gebaut worden zu sein. Es wurde in örtlichen Steinbrüchen anstehendes weißes Juragestein in Form grob behauener ziemlich großer aber auch relativ kleinerer Kalkbruchsteine beim Mauerbau verwendet, wobei als Bindemittel, wie mir die alten Oberkochener immer wieder sagten, auch hier »Straßendreck« als Speis verwendet wurde.

Im Schillerhaus, 1860 erbaut, ist eine solche Wand (Innenwand) im Treppenhaus des Heimatmuseums teilweise zur Besichtigung freigelegt.

In der Tat waren auch zwischen den Kalkbruchsteinen im Mauerwerk des Gebäudes 25 keine Kalkspuren erkennbar, wie zum Beispiel im Mörtel-Speis des fast 1 500 Jahre älteren »Römerkellers«. Auf einem anderen hier nicht abgebildeten Foto ist erkennbar, dass die grobe Oberfläche der Kalkbruchsteinmauer bei Gebäude 25 vor dem teuren Putzauftrag zumindest punktuell zunächst mit »kostenlosem« Lehm verschmiert wurde, der beim Trocken vor Aufbringen des Putzes rissig wurde.

Foto 4 zeigt die im Bericht erwähnte Glastafel, (Abmessungen: 48 cm hoch, 30 cm breit). Die Einlochaufhängung in der Mitte über dem Text ist für eine Grabplatte ungewöhnlich. Herr Kaufmann hat diese Tafel bei letzten Aufräumarbeiten im Gebäude 23 kurz vor dessen Abbruch entdeckt.

Die Verbindung der beiden Namen Betzler und Hofmann auf ein- und derselben Tafel sagt so manchen Alt-Oberkochener mehr als den später Zugezogenen.

Dietrich Bantel

 
 
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